Wenn Stefan Gödde am Abend im Galileo-Studio vor die Kamera tritt, wurden bereits Themen diskutiert, Moderationen überarbeitet, Beiträge geschnitten und Studiopositionen vorbereitet. Manchmal ist der aktuelle Beitrag, mit dem die Sendung eröffnet werden soll, wenige Minuten vor Beginn noch nicht vollständig fertig. Um 19.05 Uhr muss trotzdem alles funktionieren.
Seit März 2009 moderiert der gebürtige Paderborner das ProSieben-Wissensmagazin. Damals wechselte er nach vier Jahren bei Taff zu Galileo und trat an die Seite von Aiman Abdallah. Heute zählt auch Funda Vanroy zum festen Moderationsteam: regulär läuft die Sendung montags bis freitags um 19.05 Uhr. Gödde ist damit längst mehr als nur ein Moderator, der Beiträge ankündigt. Er ist eines der prägenden Gesichter eines Formats, das versucht, Wissen, Alltag und Unterhaltung miteinander zu verbinden.
Wenn fast alles ein Thema sein kann
Die Themenbreite von Galileo ist enorm. Ein Beitrag kann sich mit fast allem beschäftigen. Entscheidend ist weniger der Gegenstand selbst als die Perspektive: Wie funktioniert etwas? Wer steckt dahinter? Und welche Geschichte lässt sich so erzählen, dass sie für ein großes Publikum verständlich und interessant wird?
„Eigentlich ist jedes Thema ein potenzielles Thema für Galileo“, sagt Gödde im Interview. Damit aus einer Idee ein sendefertiger Beitrag wird, braucht es allerdings viel. Rund 50 Menschen arbeiten nach seiner Schilderung in der Redaktion. In Themenkonferenzen wird geprüft, ob ein Stoff bereits behandelt wurde, ob genügend Zeit vergangen ist oder ob er sich aus einem neuen Blickwinkel erzählen lässt. Ein etwa 20-minütiger Film kann mehrere Dreh- und Schnitttage sowie verschiedene Abnahmeschleifen erfordern.
Auch die bekannten Fußballfeld-Vergleiche, mit denen Galileo große Flächen leicht veranschaulicht, sind längst Teil der eigenen Erzähltradition. Was einmal als leicht verständliches Größenbild begann weil es sich jeder gut vorstellen kann. Setzt die Redaktion mittlerweile bewusst mit Selbstironie ein. Gödde sieht darin einen kleinen popkulturellen Fingerabdruck der Sendung. Gleiches gilt für die wechselnden Themenphasen der vergangenen Jahrzehnte: Mal waren Riesenschnitzel und andere XXL-Gerichte besonders präsent, waren mal Wasserrutschentests.
„Wenn wir sagen, wir sind das erste Kamerateam dort, dann sind wir es auch. Weil alles andere wäre eine Lüge. Oder wenn wir sagen, wir sind das erste deutsche Kamerateam oder das erste europäische oder wie auch immer. Aber jetzt einfach nur zu sagen, wir sind das erste und wir sind es nicht, das wäre eine Lüge und das machen wir nicht.“ Sagt Gödde zum berühmten Satz der Sendung neben Fußballfeld Vergleichen.
Das tägliche Zeugnis
Welche Themen beim Publikum ankommen, erfährt die Redaktion schnell. Jeden Morgen erhält sie die Auswertung des Vortags. Die Einschaltkurve zeigt, wann Menschen zugeschaltet, weitergeschaut oder abgeschaltet haben. Für Gödde ist das eine Art tägliches Zeugnis und ein Hinweis darauf, welche Geschichten das Publikum gerade interessieren.
Die Quote allein entscheidet jedoch nicht über das Programm. Sie dient vielmehr als Orientierung. Funktionieren Herstellungsbeiträge über längere Zeit besonders gut, rücken sie stärker in den Fokus. Lässt das Interesse nach, muss die Redaktion neue Formen und Stoffe finden. Das Ziel bleibt, den Geschmack des Publikums zu treffen, ohne die eigene redaktionelle Perspektive vollständig aufzugeben.
Dabei bezeichnet Gödde Galileo ausdrücklich als Wissens- und nicht als Wissenschaftsformat. Trotzdem müsse das Gesagte „Hand und Fuß“ haben. Fertige Beiträge werden von Redakteurinnen und Redakteuren überprüft. Fehler könne eine tägliche Sendung mit rund einer Stunde Sendezeit nie völlig ausschließen, der Anspruch sei jedoch, sie auf ein Minimum zu reduzieren.
Fernsehen ist Teamarbeit
Vor der Kamera steht am Ende nur eine Person. Möglich macht die Sendung jedoch ein großes Team. Im Studio koordiniert die Aufnahmeleitung die Anweisungen aus der Regie. Kamera, Ton, Maske, Styling und Licht müssen ineinandergreifen. Sogar die Beleuchtung wird an die jeweilige Moderation angepasst: Weißlicht setzt die moderierende Person in Szene, farbiges Licht gestaltet die Kulisse und der Greenscreen vor dem das alles gemacht wird und die Hintergründe eingefügt werden.
Das Publikum soll diese Arbeit nicht unbedingt bewusst wahrnehmen. Es würde vermutlich aber merken, wenn jede Moderation aus derselben Perspektive und im gleichen Licht stattfände. Deshalb wechselt das Team Positionen, Bildausschnitte und Farbstimmungen. Die technische Präzision im Hintergrund sorgt dafür, dass die Sendung vorne leicht und selbstverständlich wirkt.
Auch bei den Moderationstexten ist Gödde Teil eines längeren Prozesses. Autorinnen und Autoren verfassen auf Grundlage ihres Beitrags einen ersten Vorschlag. Der Chef vom Dienst prüft und überarbeitet ihn, danach passen die Moderatoren den Text an ihren persönlichen Sprachduktus an. „Man kann eine komplett fremde Moderation nicht authentisch rüberbringen“, erklärt Gödde. Gleichzeitig kommen virtuelle Grafiken oder Greenscreen-Aufnahmen hinzu. Dann steht der Moderator beispielsweise im Raum und muss auf eine Eisscholle zeigen, die erst später digital eingefügt wird.
Manchmal werden aus Zeit- oder Produktionsgründen nur die Moderationen aufgezeichnet. Dann muss der Moderator wissen, wie der vorherige Beitrag endet. Auf einen traurigen Film mit ausgelassenem Enthusiasmus zu reagieren, würde den Übergang zerstören. Im Idealfall schaut Gödde deshalb wenigstens die letzte Minute des Beitrags an. Diese Form der Produktion ist schneller, verlangt aber mehr Vorstellungskraft und emotionale Genauigkeit.
Die größten Unterschiede
Noch größer ist der Kontrast zwischen Studio und Außendreh. Im Studio sind Abläufe vergleichsweise vorhersehbar, auf Reisen können die Tage früh beginnen und spät enden. Für größere Reportagen stehen mitunter rund zehn Drehtage hintereinander auf dem Plan. Jetlag, wechselnde Orte und lange Arbeitszeiten gehören dazu. Gerade diese Gegensätze machen für Gödde den Reiz seines Berufs aus: hier das vertraute Team in Unterföhring, dort neue Menschen und unbekannte Orte.
Seine Reportagen führten ihn unter anderem nach Tschernobyl und Nordkorea. Für ein „Galileo Spezial“ zum 25. Jahrestag der Reaktorkatastrophe drehte er acht Tage in Tschernobyl und Umgebung. Für die Nordkorea-Reportage arbeitete das Team nach anderthalb Jahren Vorbereitung unter permanenter staatlicher Begleitung; unabhängige Unternehmungen waren nicht möglich, und das Material musste der Zensurbehörde vorgelegt werden. Solche Reisen zeigen eine ernstere Seite des Moderators, der im Studio häufig mit Leichtigkeit durch die Sendung führt.
Eigentlich wollte er Lehrer werden
Dass Gödde einmal im Fernsehen landen würde, war nicht geplant. Er wurde am 12. Dezember 1975 in Paderborn geboren und wuchs im sauerländischen Rüthen auf. Nach dem Abitur studierte er Germanistik und Anglistik in Paderborn und an der Aston University in Birmingham. 2001 schloss er das Studium mit dem ersten Staatsexamen für das Lehramt ab.
Parallel sammelte er beim Lokalradio praktische Erfahrung. Dort musste er früh Verantwortung übernehmen, Beiträge produzieren und moderieren. Gerade diese Vielseitigkeit wurde zur journalistischen Grundausbildung. Nach dem Studium stand Gödde vor der Wahl: Referendariat oder Medien. Er entschied sich gegen das Klassenzimmer und ging nach Berlin.
Jetzt hat er das Lehrer sein in gewisser weise beibehalten und erklärt uns über Galileo die Welt.
Bei der politischen Talkshow „Sabine Christiansen“ hospitierte er zunächst hinter den Kulissen. Die Produktionsfirma arbeitete gleichzeitig für das ProSieben-Wirtschaftsmagazin „BIZZ“, das damals einen neuen Moderator suchte. Gödde saß gewissermaßen zufällig am richtigen Ort. Nach zwei Castings erhielt er seine erste eigene Fernsehsendung. Am 20. August 2002 präsentierte der damals 26-Jährige erstmals BIZZ.

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Der Zufall öffnete die Tür, doch danach musste er sich beweisen. Auf BIZZ folgten vier Jahre Taff, weitere Unterhaltungssendungen und schließlich „Galileo“. Seine frühere Berufsidee hat ihn dabei nie ganz verlassen. In einem anderen Interview beschrieb Gödde „Galileo“ als Möglichkeit, genau das zu tun, was ihn am Lehrerberuf gereizt habe: anderen Menschen Wissen zu vermitteln und neue Perspektiven auf die Welt zu eröffnen.
Neugier über den Bildschirm hinaus
Göddes Interesse am Erklären endet nicht beim Fernsehen. Als Autor veröffentlichte er unter anderem persönliche Reiseführer über Jerusalem und Rom. Sein Rom-Buch wurde 2022 mit dem Premio ENIT ausgezeichnet; statt lediglich bekannte Sehenswürdigkeiten aufzuzählen, verbindet es Orte mit Begegnungen, Interviews und persönlichen Erfahrungen. Auch darin zeigt sich das Prinzip, das seine Arbeit bei „Galileo“ prägt: Eine Geschichte wird interessanter, wenn sie nicht nur erklärt, was zu sehen ist, sondern auch, welche Menschen und Zusammenhänge dahinterstehen.
Seine Laufbahn bezeichnet Gödde selbst als ungeplant. Der entscheidende Einstieg ins Fernsehen sei Glück gewesen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Doch Glück allein erklärt keine Karriere, die seit mehr als zwei Jahrzehnten vor der Kamera stattfindet. „Wenn man diese Chance dann mal bekommt, muss man sich schon irgendwie auch beweisen“, sagt er im Interview.
Vielleicht ist genau das die treffendste Beschreibung von Stefan Gödde: ein Moderator, dessen Karriere zufällig begann, dessen Beständigkeit aber auf Vorbereitung beruht. Einer, der komplexe Produktionsabläufe kennt, die Arbeit des Teams betont und auch nach vielen Jahren neugierig auf die nächste Geschichte geblieben ist. Wenn um 19.05 Uhr die Kamera angeht, soll davon möglichst wenig zu sehen sein. Dann wirkt Fernsehen im besten Fall ganz einfach obwohl hinter dieser Einfachheit eine Menge Arbeit steckt.
