Mit der Scentbar zeigte Zestum auf der Gamescom ein System, das Spielszenen um passende Gerüche ergänzen soll. Die Technik erweitert Gaming um einen bislang kaum genutzten Sinn ob sie einen dauerhaften Mehrwert bietet, hängt jedoch von Erkennungsgenauigkeit, Duftqualität und persönlicher Wahrnehmung ab.
Grafik, Ton und haptisches Feedback gehören bei modernen Videospielen zum Standard. Die Scentbar verfolgt einen anderen Ansatz: Sie soll Gerüche passend zum Geschehen auf dem Bildschirm freisetzen. Ein Wald könnte beispielsweise nach Erde und Pflanzen riechen, während ein Rennen durch den Geruch von Asphalt oder verbranntem Gummi begleitet wird.
Die Idee ist nicht völlig neu. Versuche, Filme oder virtuelle Welten mit Gerüchen zu verbinden, gibt es schon länger. Die Scentbar möchte dieses Konzept als modulares Zubehör für den heimischen Gaming-PC umsetzen.
So funktioniert das System
Die Scentbar wird in der Nähe des Bildschirms aufgestellt und über USB-C mit dem PC verbunden. Zusätzlich benötigt sie einen eigenen Stromanschluss. Im Gerät befinden sich zehn Steckplätze für austauschbare Duftmodule sowie zehn Ventilatoren – jeweils einer pro Duft. Nach Angaben des Herstellers lassen sich die Duftbehälter nachfüllen, wenn das darin enthaltene Material verbraucht ist.
Die Software analysiert das aktuelle Bildschirmbild und versucht, bestimmte Szenen oder Objekte zu erkennen. Registriert sie beispielsweise Wasser, Staub oder eine Explosion, kann sie den zugeordneten Duft aktivieren. Nutzerinnen und Nutzer sollen selbst festlegen können, welche erkannten Inhalte einen Duft auslösen und wie hoch die Erkennungsschwelle sein muss.
Die Intensität wird über Drehzahl, Laufzeit und Aktivierungshäufigkeit der Ventilatoren reguliert. Das bietet Spielraum für individuelle Einstellungen, wirft aber auch praktische Fragen auf: Ein zu schwacher Duft ist möglicherweise kaum wahrnehmbar, während ein zu intensiver Geruch störend wirken kann. Außerdem muss die Software schnelle Szenenwechsel zuverlässig erkennen, damit ein Duft nicht erst erscheint, wenn die dazugehörige Situation bereits vorbei ist.
Keine direkte Spielintegration
Der Ansatz über die Bildschirmanalyse hat einen Vorteil: Ein Spiel muss nicht unbedingt speziell für die Scentbar programmiert werden. Grundsätzlich könnte die Software unterschiedliche Spiele oder andere Bildschirminhalte untersuchen.
Gleichzeitig ist diese Methode weniger präzise als eine direkte technische Einbindung in das Spiel. Ein Bild von Feuer bedeutet beispielsweise nicht automatisch, dass Rauchgeruch zur Situation passt. Auch ähnliche Farben, Lichteffekte oder Hintergrundobjekte könnten theoretisch eine falsche Aktivierung verursachen.
Die Qualität des Erlebnisses dürfte deshalb wesentlich davon abhängen, wie zuverlässig die Szenenerkennung arbeitet und wie sorgfältig das jeweilige Duftprofil eingerichtet wurde. Auf seiner englischsprachigen Produktseite beschreibt Zestum zwar eine KI-gestützte Erkennung, veröffentlicht dort aber keine unabhängigen Messwerte zur Trefferquote oder Reaktionszeit.
Denkbare Spieleinsätze
Zestum führt derzeit Duftpakete für Natur-, Renn- und Actionszenarien auf. Das Nature-Paket umfasst unter anderem Wald, frisches Gras, kalte Luft, Blumen, Erde, Moos und Höhlenluft. Für Rennspiele werden Benzin, verbrannter Gummi, Asphalt, heißes Metall und Bremsstaub genannt. Das Action-Paket enthält beispielsweise Schießpulverrauch, Explosionsgeruch, Lösungsmittel und Betonstaub.
Daraus ergeben sich verschiedene Einsatzmöglichkeiten:
Open-World-Spiele: Wald-, Küsten- und Höhlenregionen könnten unterschiedliche Duftprofile erhalten. Beim Wechsel des Gebiets würde sich damit neben Bild und Ton auch der Geruch verändern.
Rennsimulationen: Asphalt und Benzin könnten eine Rennstrecke begleiten, während verbrannter Gummi bei einem Drift oder blockierenden Reifen aktiviert wird.
Actionspiele: Explosionen, Schusswechsel oder einstürzende Gebäude könnten mit Rauch-, Schießpulver- oder Staubnoten verbunden werden.
Horrorspiele: Moder, feuchte Erde oder Rauch könnten eine bedrohliche Umgebung unterstützen. Der Geruch könnte dabei auch als Warnsignal dienen, bevor eine Gefahr sichtbar wird.
Landwirtschaftssimulationen: Frisches Gras, Erde oder Pflanzenaromen könnten Arbeiten auf Feldern und Wiesen ergänzen.
Survival-Spiele: Rauch könnte auf ein Feuer hinweisen, während feuchte Erde, Pflanzen oder industrielle Gerüche unterschiedliche Orte kennzeichnen.
Virtual Reality: In VR könnte ein passender Geruch das räumliche Erlebnis ergänzen. Das funktioniert allerdings nur überzeugend, wenn Duft, Bild und Bewegung zeitlich genau zusammenpassen.
Diese Beispiele beschreiben mögliche Anwendungen und keine Garantie dafür, dass jedes genannte Spiel bereits automatisch oder vollständig unterstützt wird.
Mehr als Unterhaltung
Die Technik könnte auch außerhalb klassischer Videospiele eingesetzt werden. Denkbar wären etwa virtuelle Museumsführungen, bei denen historische Werkstätten nach Holz, Leder oder Metall riechen. Naturausstellungen könnten Wald-, Erd- oder Pflanzenaromen einsetzen.
Weitere mögliche Bereiche sind:
Training und Simulation: Rauch- oder Industriearomen könnten bestimmte Übungssituationen markieren, ohne reale Gefahrenstoffe einzusetzen.
Bildung: Virtuelle Darstellungen von Ökosystemen oder Produktionsprozessen könnten um eine zusätzliche Wahrnehmungsebene ergänzt werden.
Filme und Videos: Passende Gerüche könnten ausgewählte Szenen begleiten, sofern die Bilderkennung sie zuverlässig zuordnet.
Veranstaltungen und Marketing: Messestände oder Produktpräsentationen könnten bestimmte Inhalte mit einem wiedererkennbaren Duft verbinden.
Barrierearme Hinweise: Unterschiedliche Gerüche könnten theoretisch als zusätzliche Signale dienen. Dafür wären allerdings sorgfältige Tests und individuell anpassbare Profile erforderlich.
Grenzen der Technik
Ob ein Duft als realistisch oder angenehm empfunden wird, ist subjektiv. Benzin- oder Rauchgeruch kann in einem Renn- beziehungsweise Actionspiel thematisch passen, gleichzeitig aber auf Dauer unangenehm sein. Manche Menschen reagieren zudem empfindlich auf Duftstoffe oder möchten sie in geschlossenen Räumen grundsätzlich vermeiden.
Auch die räumliche Verteilung ist eine Herausforderung. Gerüche verschwinden nicht so kontrolliert wie ein Bild auf dem Monitor oder ein Ton aus einem Lautsprecher. Mehrere schnell aufeinanderfolgende Aromen könnten sich vermischen oder länger im Raum verbleiben als vorgesehen. Belüftung, Abstand zum Gerät und Raumgröße dürften das Ergebnis zusätzlich beeinflussen.
Einordnung
Die Scentbar zeigt, wie sich Gaming theoretisch über Bild, Ton und Vibration hinaus erweitern lässt. Besonders für Ausstellungen, kurze VR-Erlebnisse oder speziell abgestimmte Simulationen erscheint der Ansatz nachvollziehbar. Im alltäglichen Einsatz muss das System jedoch beweisen, dass es Szenen präzise erkennt, Gerüche rechtzeitig freisetzt und verschiedene Aromen ausreichend voneinander trennt.
Damit ist die Scentbar weder zwangsläufig der nächste große Standard für Gaming noch lediglich eine Messekuriosität. Sie ist ein experimentelles Eingabegerät mit interessanten Anwendungsmöglichkeiten, dessen praktischer Nutzen erst durch unabhängige Tests und längere Nutzung zuverlässig beurteilt werden kann. Es ist gut das sich jemand mal an neue Innovationen traut.
