XCOM Chimera Squad – Test

    Die XCOM-Serie – in unseren Landen sind die früheren Teile als UFO bekannt – hat die Menschheit schon an vielen Orten verteidigt: Die Erde als ganzes, unter dem Meer, im Weltraum, auf dem Mars, in anderen Dimensionen, in einer Großstadt… Die Orte sind, so wie die eingesetzten Taktiken und Ausrüstungsgegenstände, divers. Aus dieser Diversität hat XCOM schon immer seine Stärke erhalten. Diese Erkenntnis hat sich Chimnera Squad, der neue Teil der Strategie- und Taktikreihe, auf die Fahne geschrieben.

    Diversis Viribus

    In XCOM Chimera Squad erhalten wir weniger einen neuen Eintrag in die Hauptserie als eine Nebengeschichte in der gleichen Welt. Statt als Commander XCOM zu lenken, begrenzen wir uns auf eine kleine Sondereinsatztruppe, die die Polizei von City 31 unterstützt – Chimera Squad, eine von XCOM unterstützte und ins Leben gerufene Initiative aus Menschen, Aliens und Hybriden. Diese Gruppe vereint ihre Fähigkeiten, um Bedrohungen zu bekämpfen, die die Fähigkeiten der Polizei übersteigen. Darunter befinden sich etwa paramilitärische Gangs, religiöse Fanatiker, geisteskranke Psioniker und weitere Subjekte, die den Frieden stören.

    Unsere 3 Hauptziele während der Kampagne.

    XCops

    Die Welt von Chimera Squad ist eine rigorose Fortführung der XCOM-Reihe: Nach dem Sieg über die Elder war der Krieg gewonnen, aber die Gesellschaft permanent verändert. Die soziale Herausforderung, die auf der Erde gestrandeten Aliens zu integrieren, färbt den Hintergrund der Geschichte. So besteht auch Chimera Squad aus einem bunt gewürfelten Haufen: Die ehemalige Widerstandskämpferin, die zu alt für das alles ist, finden wir hier genau so wieder wie eine rassistische Schlange; der Polizist in x-ter Generation mit Vorliebe für großkalibrige Pistolen sitzt allzeit bereit neben seinem Mutonfreund mit Wutproblem und der australischen Bruce-Lee-Hybridin. Im Gegensatz zu den anderen XCOM-Teilen ist hier jeder Charakter eine echte Persönlichkeit mit Hintergrundgeschichte und eigenen Vorlieben, morlaischen Grundlagen und Charaktereigenschaften – wenn auch einige relativ flach sind. Die ganze Atmosphäre erinnert an die klassischen Buddy-Cop-Serien und -Filme; hier müssen grundverschiedene Personen miteinander klarkommen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Teilweise wirkt die lockere Umgebung eher wie ein Teeniedrama als ein „ernsthafter“ Eintrag in die XCOM-Reihe – aber das macht es auch wieder so unterhaltsam.

    Axiom ist eigentlich ein liebenswerter Kerl, aber im Kampf übermannt ihn dann doch manchmal die Wut.

    Zugriff!

    Der Hauptteil des Spiels besteht noch immer aus den taktischen Einsätzen. Hier halten wir Schmuggler, Geiselnehmer, Terroristen und andere Verbrecher rundenbasiert von ihren fiesen Vorhaben ab. Neuerdings passiert das allerdings in miteinander verflochtenen Zügen: Wo vorher erst XCOM, dann die Aliens alle Einheiten bewegt hat, ist es jetzt von der Geschwindigkeit des Charakters abhängig, wann er handelt. In Kombination mit den bedeutend kleineren Karten, die das Suchen nach „Pods“ (Gegneransammlungen aus den früheren Spielen, die alle zusammen agiert haben) überflüssig macht, ergibt sich so ein sehr viel schnellerer und brutalerer Spielstil. Das wird durch die neue Funktion der Breaches noch unterstrichen – denn nachdem wir am Schauplatz des Verbrechens angekommen sind, müssen wir erst mal unseren Eintrittspunkt wählen. Das kann ein Fenster oder eine Tür sein, aber wir können durchaus auch mal eine Wand aufsprengen oder durch Wartungsschächte oder Oberlichter reinplatzen – je nachdem, was wir wählen, haben wir verschiedene Vor- und Nachteile. Unsere Charakter können dabei ausserdem teilweise Sonderfähigkeiten verwenden, wie etwa den Scan nach Gegnern oder einem lauten Kampfschrei, gefolgt vom Eintreten der Tür, was verständlicherweise zu Panik unter unseren polizeilichen Gegenüber führt. Während des Breaches verlangsamt sich die Zeit und wir können noch beim breachen einen Schuss auf den Gegner abgeben, bevor wir  sichere Deckung suchen und die eigentliche Taktikphase beginnt.

    Alarm für Chimera 1

    Die strategische Phase ist ebenfalls erhalten geblieben, wenn auch in rundenbasierter Form. Ausserhalb der Einsätze können wir hier unsere Einheiten trainieren, neue Ausrüstung bereitstellen, Hilfe von der Bevölkerung anfordern, die Polizei unterstützen und vieles mehr. Ausserdem haben wir Field Teams zu verwalten; dabei handelt es sich um die Entsprechung von Satelliten oder Sendemasten der letzten zwei Teile. Field Teams generieren, je nachdem, um welche Art es sich handelt, verschiedene Resourcen und stellen Sonderfähigkeiten zur Verfügung. Mit diesen können wir etwa Unruhe in der Stadt kontrollieren – gerät die Situation zu stark aus dem Ruder, heißt es hier nämlich Game Over. Ausserdem rüsten wir hier unsere Einheiten aus und werben neue an – am Ende des Spiels wird Chimera Squad 8 von 11 möglichen Spezialisten umfassen.

    Verbrechenswelle

    Das Spiel leistet alles, was es verspricht, und mehr – aber die Freude wird nicht selten getrübt. Das Spiel ist überhäuft mit Bugs, von denen nicht wenige das Spiel völlig unspielbar machen. Da verschwinden Waffen und Ausrüstungsgegenstände, die nicht ersetzt werden können – in einem bemerkenswerten Fall sogar ein Körperteil. Medikits verdoppeln sich jeden Tag wie Tribbles. Ein Charakter ist berühmt-berüchtigt dafür, dass er zufällig die Fähigkeit verliert, sich zu bewegen. Kommen Nachschubeinheiten auf die Karte, besteht eine gute Chance, dass das Spiel abstürzt. Teilweise steigen Einheiten einfach ein gutes Stück auf und laufen durch die Luft. Manchmal darf eine Einheit einfach nicht breachen, also steht das Spiel. Der Launcher telefoniert nach Hause, weshalb das Singleplayer-Spiel ohne Internetfeatures nicht offline gespielt werden kann. Die Liste ist lang und teilweise umwerfend komisch – wie etwa, als sich 3 Einheiten das gleiche Feld teilten und eine relativ akkurate Version von Shiva dargestellt haben. Neben den unabsichtlichen Bugs sind auch einige Balanceentscheidungen im Spiel, die man dringend überdenken sollte – beispielsweise ist eine der ersten Rüstungsverbesserungen, auf die Chimera Zugriff erhält, die mit weitem Abstand Beste im Spiel (50% Ausweichen). Das können wir uns nur mit Komma- oder Tippfehler erklären.

    „Niemand wird damit rechnen, dass ich einfach durch die geschlossene Tür schwebe!“

    Freund und Helfer

    Dennoch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass eine Menge Liebe und Hingabe in diesem Spiel stecken. Die Welt von Chimera Squad ist ein lebendiger und glaubwürdiger Ort, mit kurzen Vignettes, die uns Einblick in das tägliche Leben geben und die Umgebung ausschmücken. Die kurzen Missionen und die rundenbasierte strategische Schicht bringen uns dieses „Nur noch eben eine Runde“-Gefühl, das wir normalerweise mit der Civilization-Reihe assoziieren. Auch die neuen Features, wie Breaches und ineinander verwobene Züge, funktionieren hervorragend und passen sehr stimmig in das Gesamtbild. Ausserdem bietet Chimera Squad einiges an Wiederspielwert: Da wir bei einem Run nicht alle Squadmitglieder mitnehmen können und die Missionen sich verändern, je nachdem, in welcher Reihenfolge wir sie angehen, gibt es durchaus Motivation für weitere Abenteuer. Das wird noch dadurch verstärkt, dass das Spiel nicht gerade schwer ist, so dass wir beim zweiten Durchspielen den Schwierigkeitsgrad direkt nach oben gedreht haben.

    Hier haben wir uns in eine taktisch vorteilhafte Position gebreacht – gegen die Überzahl ist das auch nötig.

    Fazit

    Gamer stehen im Ruf, etwas vollkommen Neues haben zu wollen, was genau dem entspricht, was sie schon vorher kannten. XCOM Chimera Squad schafft es, genau diesen eigentlich widersprüchlichen Anspruch zu erfüllen: Einerseits scheinen viele Teile der alten Spiele durch, andererseits bringt es frische Ideen und neue Mechaniken ins Spiel. Ich persönlich würde mich freuen, wenn XCOM 3 sich an der neuen Zugstruktur und den Breaches orientierte. Auch die (teilweise schon aus anderen XCOM-Spielen bekannten) Charakter habe ich relativ schnell liebgewonnen. Da gibt es Floyd Tesseract, den Sectoid-Verschwörungstheoretiker, oder Jane Kelly, die einzig Überlebende aus dem Tutorial in XCOM 2, die jetzt Chimera Squad leitet. Zu seinem niedrigen Preis ist Chimera Squad eine absolute Kaufempfehlung – vorausgesetzt, man kommt mit den Bugs und Balanceproblemen klar. Ich bin aber zuversichtlich, dass ein Patch da Abhilfe schaffen kann – sollte das passieren, können ruhig noch mal 10 Punkte auf die Wertung drauf.

    Patrick Gerk
    Ich habe Ende der 80er mit meinem Amiga angefangen und seitdem haben Videospiele einen permanenten Platz in meinem Herzen. Ich mag alles, was Leute zum spielen zusammenbringt, sei es analog oder digital. Seit Ende 2018 schreibe ich für Game2gether.de und konzentriere mich auf Retro- und Koopspiele.