Prey – Test / Review

    Die Frage, die sich uns stellte, lag schlicht auf der Hand: Ist Prey nun tatsächlich das groß angekündigte Highlight geworden, das man uns immer weismachen wollte? Die Antwort liefern wir in den kommenden Zeilen und damit ab rein in unseren Test.

     

     

    Erinnert ihr euch noch an die Spieleschmiede Looking Glass Studios? Wenn ja, dann gehört ihr wahrscheinlich schon zu den Veteranen der Videospieler. Unter der Schirmherrschaft des Studios kamen bis zur Schließung im Jahr 2000 echte Perlen und Meilensteine hervor. Zwei der ganz großen Namen waren Deus Ex und natürlich System Shock. Noch heute liefern Titel wie diese Inspirationen für moderne Videospiele und waren damals absolute Vorreiter in ihren Genres. Und dann kommt nun also mit Prey stolze 17 Jahre später unter unter der Flagge der Arkane Studios ein Spiel in den Handel, das den Glanz und die Glorie von damals wieder aufleben lassen soll? Das kann doch heutzutage gar nicht mehr funktionieren.

    Oh doch, und wie es das kann!

    Und zu allererst muss man den Arkane Studios für ihren Mut danken. Mut zur Lücke, Mut, sich dem Mainstream aktueller Spielserien nicht zu beugen. Mut, ihr Ding durch zu ziehen und wenn es auch zu Ungunsten der Absatzzahlen gehen sollte. Prey ist kein gewöhnliches Spiel geworden. Auch wenn die Veröffentlichung das Jahr 2017 datiert, so wirkt Prey doch völlig aus der Zeit gerissen. Quasi ein AAA-Titel, der all den modernen Klischees widerspricht und teilweise sogar mit ihnen bricht.

     

    Prey als Weltraum-Shooter abzutun ist das dümmste, was ihr machen könnt. Naja, vielleicht das zweit dümmste. Gleich auf einer Stufe setzen wir die Idee der Entwickler, eine Demo auf die Zocker loszulassen. Eigentlich eine feine Sache, die aber mit Prey nicht funktioniert. Besagte Demo, die kostenfrei im jeweiligen Store des Spielsystems zu haben ist, begrenzt sich nämlich auf die erste Stunde Spielzeit. Ganz ehrlich: Lasst es. Habt ihr es dennoch getan, dann werdet ihr wahrscheinlich schlecht unterhalten worden sein. Das waren wir auch, gingen daher an die finale Retailversion mit etwas Skepsis heran. Schlussendlich können wir aber mit Fug und Recht behaupten, dass die Demo schlicht keine Daseinsberechtigung hat. Dafür hat das Spiel einfach zu viele Facetten, zu ausgeklügelte Mechaniken und so enorm viel Tiefe, dass man nicht mal ansatzweise auch nur an solchen Dingen in der ersten Spielstunde kratzen könnte. Also nochmal in Kurzform: Spart euch die Demo, greift direkt zur Verkaufsversion.

    Lasst ihr euch auf dieses Spektakel ein, dann bekommt ihr in voller Pracht gezeigt, wie es sich anfühlen kann, wenn wegweisende Spielmechaniken  von damals ihren Fluss in ein heutiges Spiel finden. Vielerlei Vergleiche sind im Vorfeld der Veröffentlichung von Prey getroffen worden. Ein Stückchen Dishonored, ein bisschen Bioshock und noch ein Häppchen von hier und dort. Wir würden Prey eher als ein System Shock 3 titulieren, wenn wir es sollten. Doch da das ja irgendwann auch noch erscheinen soll, bleiben wir da lieber etwas vorsichtig. Aber es kommt nah dran.

    Dabei geht es direkt zum Spielstart los mit einem irren Twist. Hauptfigur Morgan Yu, wahlweise eine Sie oder ein Er, geht fleißig seiner Arbeit auf der Weltraumstation Talos-1 nach. Nachdem er ein paar Tests erledigt hat, bricht unvorhersehbar Chaos aus. Als Yu als nächstes dann wieder in seinem Bett erwacht, ist nichts so wie vorher. Das Verblüffende dabei: Anscheinend hat er etliche Jahre geschlafen und die Raumstation ist wohl auch nicht ganz das, was sie zu sein schien.

    Was man nun in den kommenden rund 40-60 Spielstunden erwarten darf, ist ein Genremix par excellence. Die Spielzeit variiert dadurch, ob ihr nur dem roten Faden der Hauptstory folgt, oder ihr euch auch zu Nebenaufgaben hinreißen lasst. Letztere sind erfrischend abwechslungsreich, erfordern aber im letzten Spieldrittel viel Laufarbeit, da man oft an entlegenere Punkte der Talos-1 zurück muss.

     

    Ein Genremix ist Prey also, aber eben nicht irgendeiner. Da hätten wir Elemente eines Shooters, primär natürlich dazu dienlich, uns die fiesen Außerirdischen vom Hals zu halten. Dann gibt es einen großen Survival Aspekt. Prey müllt euch nicht voll mit Munition oder Medikits, viel eher erinnert das Spiel mit der Ressourcen-Knappheit an ein altes Resident Evil. Man macht fast schon kleine Luftsprünge, wenn man ein paar Kugeln für die Shotgun entdeckt oder in einer Schublade kostbare Lebenspunkte ergattert. Prey ist gleichzeitig auch ein Action Adventure, in dem man sich trotz geschlossener Weltstruktur zu fast 100% völlig frei austoben kann. Und Prey ist auch ein Stück weit ein Horrorspiel, denn Schockmomente gibt es während der gesamten Spielzeit immer mal wieder. Ein weiteres Element von Prey ist das Crafting-System. Wobei es hier sehr sinnvoll und nicht überladen daher kommt. Das Management mit Ressourcen steht deutlich im Vordergrund und man sieht immer punktgenau, welche Einzelteile man benötigt, um sein Wunschobjekt herstellen zu können.

    Den Machern der Arkane Studios ist es dabei mal wieder gelungen, eine unfassbar mitreißende Spielwelt zu kreieren. Die Raumstation Talos-1 besteht aus gut einem Dutzend einzelner Areale, die alle miteinander verbunden und die auch alle zu fast jeder Zeit frei begehbar sind. Selbst der Weltraum, der in anderen SciFi-Games nur Deko und Hintergrund ist, wird in Prey zu einem elementaren Element. Schon sehr früh darf man in die Schwerelosigkeit hinaus, natürlich nicht unbegrenzt weit, aber man lernt die logische und präzise Steuerung des Raumanzuges immer mehr zu schätzen. Hier wünscht man sich in irgendeiner Form eine Umsetzung für VR, das wäre schlichtweg grandios. Innerhalb der Station sind dann, wie bereits erwähnt, der eigenen Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Für jedes auftauchende Problem gibt es nicht eine, sondern gleich mehrere Lösungsmöglichkeiten. Beispielsweise, wenn man vor einer verschlossenen Tür steht. Suche ich die passende Keycard? Baue ich mir eine Treppe und komme so vielleicht über einen oberen Weg weiter? Führt ein Weg außen herum in den Raum hinter der Tür? Rohe Gewalt wäre vielleicht auch noch eine Lösung? Es kommt eben einiges Zusammen und die Verbindung gelingt in Prey so gut, wie in sonst wohl bisher keinem Spiel aktueller Tage.

    Anfangs muss man sich im Spiel zurecht finden. Es gibt keine Wegmarken und keinerlei Hinweise, wie man was erledigen soll. Die ersten Waffen sind quasi Kinderspielzeug und trotzdem müsst ihr euch gegen die Aliens behaupten. Nicht immer ist Gewalt die erste Wahl, Survival Horror erfordert eben manchmal auch ein Kneifen vor dem direkten Konflikt. Weglaufen gehört in Prey zum guten Ton, ihr seid dadurch keine Memme. Später ist man dann etwas geordneter unterwegs, findet hier und da Blaupausen für neue Items und es gibt auch stärkere Wummen. Besoders spaßig und multible einsetzbar ist dabei die Glue Gun. Sie verschießt Klebstoff, mit denen man nicht nur Feinde einkleistern kann, sondern sich auch Vorsprünge oder Stufen an die Wände pappen darf. Hier kommt dann wieder die Vertikale mit ins Spiel, denn selten ist man bei Prey nur auf den Fluren der Talos-1 unterwegs. Mit stärkeren Items kommen dann auch Schritt für Schritt stärkere Gegner und man ist wieder an dem Punkt angelangt, wo man mit der Munition haushalten muss.

    Nach all der Lobhudelei müssen wir auch auf ein paar negative Knackpunkte von Prey hinweisen. Die mitunter zögerliche Steuerung macht Kämpfe noch einen Tick schwieriger, als sie ohnehin sind. Da hilft es, dass die KI nicht sonderlich gut programmiert wurde und man ist irgendwie doch immer Herr der Lage. Schade, dass die Aliens fast immer nur auf uns zustürmen, statt das manigfaltige Interieur zur Deckung oder für Manöver zu nutzen. Ferner finden wir die Ladezeiten auf der PS4 mitunter sehr anstrengend. Zwischendurch muss eh oft nachgeladen werden, nur saßen wir mitunter beim Betreten eines neuen Levelabschnitts auch mal gut zwei Minuten vor dem Ladescreen. Technisch macht die verwendete CryEngine noch einiges her, dennoch empfehlen wir dringend die Installation des Day-1-Patches, mit dem die ganze Geschichte spürbar flüssiger läuft.

     

    Fazit

    Prey macht unglaublich viel richtig: Mitreißende Story, gefühlte offene Welt, unfassbar viele Möglichkeiten zum Austoben, cleveres Leveldesign und das alles gepackt in eine Spielwelt, die noch imposanter ist als sie in Bioshock oder Dishonored waren. Bei all den tollen Spielmechaniken scheint Prey fast schon aus der Zeit gefallen zu sein, da sich heute kaum noch ein Studio an die Relikte der 90er Jahre herantraut. Mainstream ist Prey keinesfalls geworden und fast wirkt es so, also könne ein solches Spiel heutzutage gar nicht mehr existieren. Umso glücklicher sind wir, dass Prey tatsächlich der erhoffte große Wurf geworden ist und wir können uns für so viel Leidenschaft und Mut nur beim Entwicklerteam bedanken.

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    Christoph
    Kind der 70er. Seit '84 Musiker, seit '85 Hobby-Jedi, seit '86 Zocker und seit 2011 hier Redakteur