Für einen ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Pearl Abyss bräuchte diese, für ihr vor dem Release so stark gehyptes Spiel Crimson Desert, aber dringend. Denn der Start dieses Spiels ist schwach: mieses Pacing, eine unbeholfene Story, grauenvolle UI und ein Onboarding, das abschreckt anstatt hineinzieht. Mit sinnvollen Patches an den richtigen Stellen könnte dieser Titel trotzdem noch das werden, was er schon jetzt in seinen besten Momenten andeutet: ein beeindruckendes Open-World-RPG, das sich seinen zweiten ersten Eindruck unbedingt verdienen muss.
Das Ärgerliche daran ist, dass Crimson Desert seine besseren Seiten am Anfang des Games nicht nur versteckt, sondern geradezu vergräbt. Nach rund zehn Stunden kippt der Eindruck spürbar. Dann wird aus dem sperrigen, irritierenden, überfrachteten Fantasy-RPG plötzlich ein Spiel, das seine Welt offenbart und genau dort zu faszinieren beginnt, wo es sich von seiner eigenen Erzählung emanzipiert. Crimson Desert ist dann am faszinierendsten, wenn es nur die offene Welt ist. Beim Erzählen dieser Welt stolpert es zu oft über die eigenen Füße und verhaspelt sich mehr als nur einmal.
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Crimson Desert – Lore: Kliff, die Greymanes und der Kontinent Pywel
Crimson Desert erzählt von Kliff, dem Sohn von Martinus und Anführer beziehungsweise zentraler Figur der Greymanes, einer zusammengeschweißten, aber vom Krieg zermürbten Söldnertruppe. Ihr Schauplatz ist Pywel, ein Kontinent, dessen Regionen zwischen karger Schönheit, politischem Zerfall und blanker Gewalt schwanken. Schon in dieser Ausgangslage steckt eigentlich viel von dem, was ein starkes Fantasy-RPG tragen könnte: eine Welt im Umbruch, gebrochene Loyalitäten, der Druck des Überlebens, eine Figur, die nicht als makelloser Held angelegt ist, sondern als jemand, der in einem zersplitternden Machtgefüge seinen Platz behaupten muss.
Das Intro beziehungsweise der Prolog „Dead of Night“ setzt genau hier an. Das Lager der Greymanes wird von den rivalisierenden Black Bears überfallen, Kliff wird aus dieser Katastrophe gerissen und landet anschließend in einer fremdartigen, abyssalen Zwischenwelt, aus der heraus sein eigentlicher Weg erst beginnt. Die Prämisse ist damit eigentlich klar gesetzt: Im Mittelpunkt steht nicht der klassische Aufstieg eines Auserwählten, sondern der Überlebenskampf eines Söldners in einer Welt, in der alte Machtstrukturen zerbrechen, der König von Demeniss im Koma liegt, neue Kriegswerkzeuge neben klassischen Waffen die Konflikte verschärfen und mythische Kreaturen, fanatische Fraktionen sowie wechselnde Loyalitäten jeden Schritt unsicher machen.

Crimson Desert: Der ultimative Quick Start Guide zum Release
Crimson Desert erzählt viel – aber anfangs leider nicht gut
Das Problem ist also nicht die Anlage der Geschichte. Im Gegenteil: Als Rahmen funktioniert diese Prämisse erstaunlich gut. Kliffs Reise ist erkennbar als persönlicher wie politischer Wiederaufbau gedacht. Als Versuch, Gefährten zu sammeln, Vertrauen zu verdienen und sich in einer Welt zu behaupten, in der Verbündete schnell zu Feinden werden können. Das ist eine tragfähige Grundlage. Nur macht Crimson Desert im frühen Spiel frustrierend wenig daraus.
Denn obwohl die Eckpfeiler der Handlung sinnvoll gesetzt sind, wirkt die eigentliche Erzählung in den ersten Stunden unbeholfen, unlogisch und zusammenhanglos. Szenen gehen ineinander über, ohne organisch zu wachsen. Das Spiel weiß zwar offenbar, welche Art von Welt es zeigen möchte, aber nicht immer, wie es den Spieler glaubhaft in sie hineinführt. Es fehlt an Build-up, an Rhythmus, an jener erzählerischen Geduld, die aus einer guten Prämisse auch eine packende Geschichte machen würde.
Crimson Desert: Der erste Eindruck ist überraschend schlecht
Natürlich ist Crimson Desert nicht das erste Spiel, das Zeit braucht um sich zu entwickeln. Aber der Start ist herausragend schwach, das Pacing mies, die Story in ihren ersten Momenten willkürlich und unlogisch. Statt Neugier oder Spannung aufzubauen, reiht das Spiel Situationen aneinander, die kaum organisch miteinander verbunden wirken. So führt der erste Marker die Spieler:innen in ein Gasthaus in dem sich Kliff mit einem Fremden zunächst einmal im Armdrücken messen muss – warum auch immer.
Das Resultat ist ein erster Eindruck, der Vertrauen nicht aufbaut, sondern abbaut. Man wird zu Beginn von dem Gefühl überwältigt, dass dieses Game seine Prioritäten falsch gesetzt hat. Es zeigt zu lange jene Elemente, die schwach ausfallen, und hält genau das zurück, was später funktioniert. Für ein großes Open-World-RPG ist das die denkbar schlechteste Begrüßung.

Crimson Desert: Durchwachsene Reviews sorgen für Kurseinbruch
Story und Questdesign: Offline-MMO statt packendes Fantasy-RPG
Am besten lässt sich Crimson Desert im aktuellen Zustand vielleicht als Offline-MMO beschreiben – und das ist nicht freundlich gemeint. Vor allem das Questdesign und die Story-Struktur vermitteln genau dieses Gefühl: Aufgaben werden (mühsam) abgearbeitet, Marker verfolgt, Abläufe funktionieren mechanisch, aber selten organisch.
Dieses Design nimmt der Welt früh ein mögliches Mysterium. Statt Abenteuer und Entdeckungsfreude aufzubauen, kommt es zu oft zu routiniertem hin und her laufen um Quests abzuarbeiten. Man spielt nicht gegen Widerstände einer glaubwürdigen Welt, sondern entlang eines Systems, das sehr sichtbar im Vordergrund steht. Das kann später, wenn die Offenheit der Welt übernimmt, deutlich besser funktionieren. In den ersten Stunden aber wirkt es wie ein Designansatz, der dem Spiel selbst im Weg steht.

Kliff als Hauptfigur: Zwischen tragfähiger Idee und blasser Wirkung
Auch Kliff selbst bleibt ein Widerspruch. Auf dem Papier ist er durchaus interessant: kein überhöhter Held, sondern ein vom Krieg gezeichneter Söldner, eingebettet in eine zerfallende Ordnung und belastet mit Verantwortung für andere. Als Figur trägt er also eigentlich das Potenzial für Reibung, Ambivalenz und emotionale Bindung in sich.
In der konkreten Wirkung überträgt sich davon bislang zu wenig auf die Spieler:innen. Kliff wirkt häufig blass bis unsympathisch, eher funktional als nahbar. Das ist besonders schade, weil gerade er die Brücke zwischen der starken Weltprämisse und der schwachen Erzählpraxis sein müsste. Stattdessen bleibt er zu häufig auf Distanz und ist weniger geheimnisvoll, als schlicht zu wenig greifbar.

Crimson Desert – NPCs und Dialoge: Ein Totalausfall
Man kann es kaum milder formulieren: neben dem Onboarding gehören auch die NPCs und deren Dialoge aktuell zu den schwächsten Bereichen des Spiels. Nichts davon wirkt elegant eingeführt, lebendig geschrieben oder sauber inszeniert. Gerade die frühe Spielzeit leidet darunter massiv, weil diese Elemente eigentlich Orientierung und Bindung schaffen müssten. Stattdessen entsteht große Distanz. Die Figuren bleiben fremd, die Dialoge wirken oft grauenvoll und unpassend. Vielleicht liegt ein Teil davon an der schwachen Übersetzung, doch manche Kommentare sind regelrecht immersionsbrechend, weil sie weder sprachlich noch tonal zu dieser Welt passen wollen. Für ein Spiel, das so stark auf Welt und Atmosphäre setzt, ist das ein herber Widerspruch.
Crimson Desert UI, Inventar und Steuerung: Slop statt Komfort
Zur schlechten Anfangsphase passt, dass auch die Bedienung keinen guten Eindruck hinterlässt. UI, Inventar und Controls fühlen sich broken und slop an. Nicht unbedingt im Sinne kompletter Unspielbarkeit, aber als ständige Quelle von Reibung. Das Interface ist unübersichtlich und wenig intuitiv, das Inventarsystem grauenvoll, die Steuerung überladen und sperrig.
Gerade in einem Spiel mit vielen Systemen ist so etwas undankbar bis frustrierend. Wer ständig gegen Menüs, Eingaben und unklare Strukturen arbeitet, erlebt keine Tiefe, sondern Ermüdung. Crimson Desert macht es einem dadurch unnötig schwer, überhaupt in seinen Rhythmus zu finden.

Crimson Desert – Die Open World: Nach zehn Stunden zeigt das Spiel seine wahre Stärke
Und dann kommt der Wendepunkt. Nach ungefähr zehn Stunden, sobald man so richtig auf die Welt losgelassen wird und die ersten nervigen Quests abgearbeitet sind, beginnt Crimson Desert endlich, seine eigentlichen Qualitäten zu zeigen. Plötzlich ist die Story nicht mehr das Zentrum des Erlebnisses. Plötzlich zählt nur noch die Welt.
Dann funktioniert das Spiel auf eine Weise, die der Einstieg fast böswillig verborgen hat. Fischen, Reiten, Klettern, Entdecken, Tiere verfolgen. All das entwickelt eine Sogkraft, die man anfangs nur erahnen konnte. Die Zeit in dieser Welt fühlt sich dann richtig gut an. Nicht wie Beschäftigung. Sondern wie Aufenthalt.
Crimson Desert: Die Welt ist das eigentliche Highlight
Sobald das Spiel den Spieler in Ruhe lässt, entstehen tatsächlich diese seltenen Momente, in denen eine Open World mehr ist als hübsche Kulisse. Dann sind echte Rockstar-Vibes spürbar. Nicht unbedingt in der Qualität der Story, aber in der Präsenz der Welt. Man ist einfach gern dort, auch ohne konkretes Ziel.
Das ist die große Stärke von Crimson Desert. Es kann Stunden verschlingen, ohne dass man aktiv an der Hauptstory teilnimmt. Diese Welt funktioniert dann nicht als Aufgabenliste, sondern als Raum, in dem man sich verlieren möchte. Genau das rettet das Spiel am Ende vor einem deutlich härteren Urteil.
Crimson Desert Grafik am PC: Atemberaubend schön
Der stärkste Pluspunkt bleibt die Technik der Spielwelt, vor allem optisch. Am PC ist die Grafik atemberaubend. Die Landschaften sind wunderschön, die Räume weit, die Open World wirkt groß, belebt und visuell enorm eindrucksvoll. Das ist ohne Frage das größte Argument für dieses Game.
Mitunter ist die Präsentation fast schon zu poliert für ein Fantasy-RPG, fast schon zu geschniegelt. Aber selbst das ist eher eine Randnotiz angesichts der Wucht, mit der Crimson Desert seine Welt inszeniert. Wer einfach nur durch diese Landschaften streifen will, bekommt hier etwas geboten, das lange im Gedächtnis bleibt.
Crimson Desert Combat im Test: Gegen Bosse stark, gegen NPCs zu simpel
Auch das Kampfsystem profitiert davon, dass man ihm Zeit gibt. Anfangs wirkt Combat eher mäßig. Erst später wird klar, dass hier durchaus Substanz vorhanden ist. Gegen normale NPCs bleiben die Kämpfe meist eher einfach und klar im Hack-and-Slash-Bereich verortet. Gegen Bosse steigt der Anspruch dagegen spürbar.
Dabei helfen die grundlegenden Werkzeuge: einfacher Hieb, schwerer Hieb, Flying Kicks, Nahkampfangriffe. Das fühlt sich wuchtig an, die Animationen sehen gut aus und verleihen Treffern Gewicht. Der Combat ist nicht in jeder Situation brillant, aber er funktioniert später deutlich besser, als der schwache Start vermuten lässt.

Crimson Desert Fazit: Schlechte Story, faszinierende Welt
Crimson Desert ist ein Spiel, das man in den ersten Stunden fast abschreiben möchte. Dafür gibt es gute Gründe: mieses Pacing, schwaches Onboarding, eine unbeholfene Erzählweise, problematische NPCs, grauenvolle Dialoge, slopige Menüs und eine Steuerung, die mehr bremst als trägt. All das ist nicht bloß ein Schönheitsfehler, sondern eine echte Hürde. Und doch wäre es falsch, dieses Spiel nur auf seinen Fehlstart zu reduzieren.
Crimson Desert ist ein Spiel, das dringend einen zweiten ersten Eindruck braucht. Der Auftakt ist schwach, sperrig und frustrierend, doch mit sinnvollen Patches ließe sich vieles glätten, was aktuell den Zugang erschwert. Denn hinter diesem misslungenen Start steckt eine Open World, die in ihren besten Momenten längst zeigt, warum man dieses Spiel noch nicht abschreiben sollte. Die Geschichte mag ihre eigene Größe bislang nicht einlösen. Die Welt dagegen kann es bereits.
Plattform(en): PC, PS5, Xbox X/S
Genre: Fantasy RPG / Open World Action Adventure
Release: 19. März 2026
Publisher: Pearl Abyss
Entwickler: Pearl Abyss
USK: ab 18
PC-Systemanforderungen
Minimum: Ryzen 5 2600X / i5-8500, 16 GB RAM, RX 5500 XT / GTX 1060, 150 GB SSD, DirectX 12
Empfohlen: Ryzen 5 5600 / i5-11600K, 16 GB RAM, RX 6700 XT / RTX 2080, 150 GB SSD, DirectX 12

