Als Obsidian Entertainment Avowed vor gut einem Jahr für Xbox und PC veröffentlichte, war die Erwartungshaltung klar. Ein großes Fantasy-RPG im Stil von The Elder Scrolls V: Skyrim, angesiedelt im Universum von Pillars of Eternity, sollte jene Lücke füllen, die durch Bethesdas lange Entwicklungszyklen entstanden war. Nun ist Avowed auf PS5 erschienen und fühlt sich dank Anniversary Update runder und vollständiger an als je zuvor. Und genau deshalb verdient das Spiel rückblickend deutlich mehr Anerkennung.
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Zwischen CRPG-Wurzeln und Action-RPG-Zukunft
Avowed nutzt die Lore von Pillars of Eternity, verabschiedet sich aber vom klassischen CRPG-Ansatz. Statt taktischer Iso-Perspektive setzt das Spiel auf First-Person-Action mit offener Zonenstruktur. Man reist von Region zu Region, besucht zentrale Städte, sammelt Hinweise und arbeitet sich durch Wildnis, Dungeons und Monsterlager. Das Design ist zugänglich, fast schon komfortabel. Keine überladene Komplexität, sondern klar strukturierte Gebiete mit viel Raum zum Erkunden.

Inhaltlich übernimmt man die Rolle des individuell gestaltbaren Envoy, eines Gesandten des Aedyr-Imperiums, der die geheimnisvollen Living Lands befrieden soll. Die Story ist solide, leidet jedoch unter Vorhersehbarkeit. Viele Wendungen lassen sich früh erahnen, auch wenn moralisch graue Entscheidungen immer wieder frischen Wind hineinbringen. Gerade diese Entscheidungsfreiheit sorgt dafür, dass die narrative Geradlinigkeit weniger ins Gewicht fällt. Man darf sich ruppig verhalten, diplomatisch auftreten oder bewusst anecken. Zwar beeinflussen viele Dialogoptionen nur die unmittelbare Reaktion von NPCs, dennoch entsteht das Gefühl echter Kontrolle über die Persönlichkeit des eigenen Charakters.

Eine wunderschöne, aber etwas leblose Welt
Die Living Lands gehören zweifellos zu den schönsten Fantasy-Settings der letzten Jahre. Üppige Vegetation, farbenprächtige Landschaften und detailreiche Architektur sorgen für eine beeindruckende Atmosphäre. Umso bedauerlicher ist es, dass die Figuren selbst nicht immer mithalten können. Die Dialoginszenierung wirkt steif, Animationen sind teilweise hölzern, und das Writing bleibt oft hinter seinen Möglichkeiten zurück. Es ist kein schlechtes Skript, aber eines, das selten zündet. Gerade Questgeber wirken stellenweise austauschbar, beinahe wie aus einem generischen Online-Rollenspiel. Wer Obsidian für scharfzüngige Dialoge schätzt, wird hier nicht durchgehend glücklich. Die Begleiter hingegen profitieren von der kleineren Gruppengröße. Jeder bekommt Raum zur Entfaltung, äußert Meinungen und widerspricht gelegentlich den Entscheidungen des Spielers. Diese Reibung verleiht dem Abenteuer Authentizität, auch wenn nicht jede Figur dauerhaft im Gedächtnis bleibt.

Der wahre Star ist das Kampfsystem
Warum also lohnt sich Avowed besonders jetzt auf PS5? Ganz klar wegen des Gameplays. Das Kampfsystem ist wuchtig, direkt und befriedigend. Schwere Nahkampftreffer fühlen sich physisch an, Magie knistert kraftvoll, und unterschiedliche Builds erlauben vielfältige Spielstile. Man kann auf Schwerter und Schilde setzen, Fernkampf bevorzugen oder Magie in den Vordergrund stellen. Im Kern erinnert das an Skyrim, besitzt jedoch mehr Punch und Dynamik. Kämpfe gegen Kopfgeldziele, Bossgegner oder zufällige Kreaturen sorgen konstant für Action. Besonders hervorzuheben ist, wie stark das Spiel auf Kampf fokussiert ist. Zwischen Erkundung und Storymomenten bleibt die Action stets präsent, wodurch sich ein motivierender Gameplay-Loop etabliert. Selbst nach mehreren Dutzend Stunden funktioniert dieser Rhythmus noch erstaunlich gut.

PS5-Version und Anniversary Update
Mit der PS5-Veröffentlichung kommt Avowed in einer deutlich verbesserten Fassung. Das Anniversary Update integriert zahlreiche Fan-Wünsche. New Game Plus, neue spielbare Völker, ein zusätzlicher Waffentyp, ein Fotomodus sowie umfangreiche Komfortoptionen gehören zum Paket. Besonders interessant ist die komplett anpassbare Schwierigkeit. Ein häufig kritisierter Punkt des Original-Release war das Ausrüstungs-Upgrade-System, das stärkere Gegner stark an Item-Qualität koppelte. Mit den neuen Einstellungen lässt sich dieser Mechanismus entschärfen oder nahezu neutralisieren. Das sorgt für mehr Freiheit im Spielfluss und weniger Frust bei Progression und Ausrüstungsmanagement. Technisch läuft das Spiel auf PS5 stabil, auch wenn kleinere Animationsmacken und gelegentlich inkonsistenter Soundmix bleiben. Insgesamt wirkt das Gesamtpaket jedoch deutlich runder als noch zum ursprünglichen Launch.

Fazit
Avowed ist vielleicht nicht das erzählerische Meisterwerk, das manche erwartet haben. Die Story ist vorhersehbar, Dialoge bleiben oft blass, und die Inszenierung wirkt stellenweise etwas steif. Doch das Spiel überzeugt dort, wo es wirklich zählt. Bedeutungsvolle Entscheidungen, eine beeindruckende Welt und vor allem ein wuchtiges, flexibles Kampfsystem machen Avowed zu einem starken Action-RPG. Mit dem Anniversary Update und den erweiterten Optionen auf PS5 präsentiert sich das Abenteuer in seiner bislang besten Form. Wer Wert auf Exploration, Build-Vielfalt und knackige Kämpfe legt, bekommt hier ein überraschend unterschätztes Rollenspiel. Nicht das neue Skyrim, aber vielleicht Obsidian’s stärkstes modernes Werk

