Eröffnung mit Cannes-Adel
Den Auftakt machte am 27. Juni ein echter Kinoknüller: Vaterland von Regisseur Paweł Pawlikowski feierte im vollbesetzten Gasteig HP8 seine Deutschland-Premiere und rund 1.600 Gäste waren live dabei. Das Schwarz-Weiß-Drama erzählt von der Deutschlandreise des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann (gespielt von Hanns Zischler) und seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) durch ein zerstörtes Nachkriegsdeutschland des Jahres 1949 von Frankfurt in der amerikanischen Besatzungszone bis ins sowjetisch kontrollierte Weimar. Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause eröffnete das Festival offiziell.
Die Highlights: Stars, Premieren, Weltentdeckungen
CineMerit Awards für Duchovny und Servillo
Zwei große Namen erhielten in diesem Jahr den renommierten CineMerit Award, den Ehrenpreis des Festivals: der italienische Schauspielstar Toni Servillo (La Grande Bellezza), der bereits zum Wochenbeginn geehrt wurde und seinen neuen Film La Grazia persönlich in München vorstellte, sowie David Duchovny alias Fox Mulder aus Akte X –der die Abschlussveranstaltung am 5. Juli krönte.
Duchovny brachte zugleich sein neues Werk mit: Die Tragikomödie See You When I See You von Jay Duplass feierte in München ihre internationale Premiere. Sein CineMerit-Preis folgt auf den seiner früheren Akte-X-Kollegin Gillian Anderson, die den Award ein Jahr zuvor erhalten hatte. Und er nutzte seine Dankesrede für einen deutlichen Seitenhieb auf US-Präsident Donald Trump und dessen Motto win, win, win der unterhaltsamste Moment des Abends.
Cannes an der Isar
Gleich 17 Produktionen reisten direkt von der Croisette nach München, darunter Werke von Weltkaliber wie Pedro Almodóvars Bitteres Festt Ryûsuke Hamaguchis Titanic Ocean und Everytime von Sandra Wollner, der in der Cannes-Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet worden war. Almodóvar selbst war persönlich in München ebenso wie Veronica Ferres, Tobias Moretti und die Brüder Florian und Maximilian Brückner.
Neues Deutsches Kino
Als No. 1 Platform for German Filmmaking lebte das Festival in der Reihe Neues Deutsches Kino besonders auf: 16 Weltpremieren deutschsprachiger Produktionen zeigten die Bandbreite des heimischen Films. Zu den bemerkenswertesten Titeln zählten „Erinnerungen eines Waldes“ (Katharina Rabl), Kalter Hund“(Pauline Roenneberg) und Morgen war Krieg (Nicolas Ehret). Auch das neue Tatort-München-Duo Carlo Ljubek und Ferdinand Hofer stellte beim Warm-Up Day am 26. Juni seinen Erstfall Zwischenwelten vor.
Indie-Perlen und globale Blickwinkel
Mit 45 Weltpremieren, elf internationalen Premieren und acht Europapremieren bot das Festival eine beeindruckende Entdeckungstiefe. Produktionen aus Singapur, Angola, Kasachstan, Saudi-Arabien, Ecuador und Syrien zeigten, wie vielfältig zeitgenössisches Kino geworden ist. Besonderes Augenmerk lag auf dem US-Independent-Kino: Der Horrorfilm „Ugly Cry“ von Emily Robinson, die schwarze Komödie „Chili Finger“ und die Tragikomödie Hot Water feierten ihre internationalen Premieren in München.
Im Haus der Kunst zeigte der Filmemacher Carlos Casas mit Krakatoa eine immersive Installation über den Vulkanausbruch von 1883 und die Klimakrise. Eine über 500 Quadratmeter große XR-Ausstellung (Munich Beyond) versammelte Arbeiten von der Biennale di Venezia und dem SXSW Festival. Im Museum Brandhorst diskutierte der jugoslawische Dokumentarist Želimir Žilnik über sein Schaffen ein Mann, der in den 1970er-Jahren in München im Exil lebte.
Die Gewinner 2026
Den am höchsten dotierten Preis des Festivals, den CineCoPro Award (100.000 Euro), gewann das deutsche Koproduktionsteam der Coming-of-Age-Geschichte Strange River des katalanischen Regisseurs Jaume Claret Muxart eine Geschichte über einen Jungen, der mit seiner Familie die Donau entlangradelt und dabei eine besondere Begegnung macht. Den Preis für den besten internationalen Debütfilm holte das Familiendrama „A Girl Unknown“ der chinesischen Filmemacherin Jing Zou.
Das Publikum hatte ebenfalls das Wort: Als beliebtester deutscher Film wurde Lieblingsmenschen Die außergewöhnliche Freundschaft von Agnes & Amir“ von Helena Hufnagel gekürt eine warmherzige Geschichte über eine 101-jährige Berlinerin und einen jungen Geflüchteten als Zweck-WG, die zu mehr wird was sich zwar sehr ähnlich zu ziemlich Beste Freunde anfühlt aber immer noch eine schöne Geschichte ist. In der internationalen Kategorie gewann If Only the Year Had 364 Days von Almourad Aldeeb über die Rückkehr eines syrischen Geflüchteten in seine Heimat. Beim Kinderprogramm holte sich Plitsch Platsch Forever über mutige Kinder, die ihr Freibad retten wollen, den Publikumspreis. Der FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik ging an Beautiful Souls von Tom Schreiber.
Zu Kalter Hund
Was den Film so besonders macht: Er ist gleichzeitig absurd komisch und emotional ehrlich. Roenneberg lässt ihre Figuren in grotesken Situationen stolpern und trifft dabei mit erstaunlicher Präzision den Schmerz dahinter, der in jeder dysfunktionalen Familie lauert.
Zu 23.000 Leben
Was den Film im Herzen trägt, ist nicht das Spektakel der Rettungsaktionen, sondern die kleinen menschlichen Momente dazwischen ein erschöpftes Lächeln, eine Hand, die jemanden aus dem Wasser zieht, ein Blick zwischen zwei Menschen, die gerade begriffen haben, was sie tun. Wer den Abspann trocken übersteht, hat während des Films nicht aufgepasst.
Das 43. Filmfest München war trotz Rekordhitze ein Festival der Höchstleistungen: zugleich Schaufenster für die Stärke des deutschen Kinos, Treffpunkt für internationale Filmkunst und unkompliziertes Sommerkino-Erlebnis für alle. Der nächste Sommer kann kommen.

