Code Vein 2 ist der neueste Versuch von Bandai Namco, im überfüllten Soulslike-Genre Fuß zu fassen. Ein Genre, das längst nicht mehr nur von FromSoftware selbst geprägt wird, sondern von unzähligen Nachahmern, Variationen und Neuinterpretationen. Umso schwerer wiegt es, wenn ein Titel zwar mechanisch solide ist, aber kaum eigene Akzente setzt. Genau hier liegt das Kernproblem von Code Vein 2. Das Spiel funktioniert, es spielt sich kompetent, es bietet Tiefe und Umfang, doch es fehlt ihm an Seele, an erzählerischer Kraft und an einer klaren künstlerischen Vision.
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Als lose Fortsetzung des 2019 erschienenen Code Vein schlägt der zweite Teil einen neuen erzählerischen Weg ein. Die Verbindung zum Vorgänger ist eher thematischer Natur als eine direkte Fortsetzung. Wieder geht es um eine postapokalyptische Welt, in der vampirische Revenants und Menschen nebeneinander existieren und gemeinsam einer neuen existenziellen Bedrohung gegenüberstehen. Die sogenannte Resurgence verwandelt Lebewesen in groteske Monster und zwingt verfeindete Gruppen zu einem fragilen Bündnis. Auf dem Papier klingt das nach einem soliden Fundament für ein düsteres Action-RPG. In der Umsetzung bleibt davon allerdings erstaunlich wenig hängen.
Eine Geschichte, die sich selbst im Weg steht
Der größte Stolperstein von Code Vein 2 ist seine Erzählweise. Der Spieler schlüpft in die Rolle des Revenant Hunters, eines stummen, bewusst neutral gehaltenen Protagonisten. Diese Designentscheidung mag aus spielmechanischer Sicht nachvollziehbar sein, führt aber dazu, dass die Hauptfigur emotional vollkommen leer bleibt. Der Revenant Hunter reagiert kaum auf Ereignisse, kommentiert nichts und wirkt wie ein Fremdkörper in einer Welt, die eigentlich von Tragik, Verlust und moralischen Konflikten geprägt sein sollte.

Zwar begegnet man im Laufe der rund fünfzig Stunden zahlreichen Nebenfiguren, doch auch diese bleiben seltsam blass. Ihre Hintergrundgeschichten werden meist über lange, unüberspringbare Erinnerungssequenzen erzählt, die das Spieltempo massiv bremsen. Statt organisch in das Geschehen eingebettet zu sein, wirken diese Passagen wie Pflichtlektionen, die man über sich ergehen lassen muss, um weiterzukommen. Dabei mangelt es nicht an Ideen, sondern an Fokus. Zeitreiseelemente, philosophische Ansätze über Identität und Opferbereitschaft sowie politische Machtkämpfe werden angerissen, aber selten konsequent weitergedacht. Das Ergebnis ist eine Geschichte, die theoretisch komplex ist, sich aber emotional kaum entfaltet. Viele Spieler dürften früh dazu übergehen, Dialoge zu überspringen, nicht aus Ungeduld, sondern aus schlichter Gleichgültigkeit.
Charaktererstellung als größte Stärke
Ironischerweise besitzt Code Vein 2 eines der besten Charaktererstellungssysteme des Genres. Die Möglichkeiten zur Anpassung sind enorm und erlauben detailverliebte Avatare, die sich optisch deutlich voneinander unterscheiden. Doch diese Stärke verpufft, da es keinen Mehrspielermodus gibt und der eigene Charakter narrativ kaum Bedeutung besitzt. Der Aufwand dient letztlich nur der eigenen Immersion, was schade ist, denn hier hätte das Spiel ein echtes Alleinstellungsmerkmal haben können. Dort, wo Code Vein 2 überzeugt, ist im Kern des Gameplays. Das Kampfsystem ist anspruchsvoll, vielseitig und bietet zahlreiche Anpassungsmöglichkeiten. Sieben verschiedene Waffentypen decken unterschiedliche Spielstile ab, von schnellen, ausweichbasierten Ansätzen bis hin zu schweren, kraftvollen Nahkampfvarianten. Ergänzt wird dies durch Forma, spezielle Fähigkeiten, die Angriffe modifizieren, Buffs verleihen oder defensive Optionen eröffnen.

Diese Forma sind eng mit dem Ichor-System verknüpft, einer Ressource, die durch erfolgreiche Aktionen im Kampf aufgebaut wird. Zusätzlich kommen sogenannte Jails zum Einsatz, ausrüstbare Kampfgeräte, die nicht nur das Moveset erweitern, sondern auch Einfluss auf Werte und Skalierungen haben. In der Theorie ist das Zusammenspiel dieser Systeme faszinierend. In der Praxis leidet es unter mangelnder Transparenz. Viele Mechaniken werden nur unzureichend erklärt, was besonders zu Beginn für Verwirrung sorgt. Begriffe wie Burden, Booster oder Partner-Assimilation tauchen auf, ohne klar einzuordnen, wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Erst nach vielen Stunden entsteht ein Gefühl von Kontrolle und Verständnis, was für Genrekenner akzeptabel sein mag, für andere jedoch abschreckend wirkt.

Blood Codes und Builds als Herzstück
Eine der interessantesten Ideen ist das Blood-Code-System. Anstatt einzelne Attribute manuell zu steigern, definiert ein Blood Code die gesamte Werteverteilung und den grundlegenden Spielstil. Diese Codes bringen klare Vor- und Nachteile mit sich und zwingen den Spieler, bewusst Entscheidungen zu treffen. In Kombination mit Waffen, Jails und Forma entstehen so sehr unterschiedliche Builds, die tatsächlich spürbar variieren. Zusätzlich interagieren Blood Codes mit dem Partner-System. Durch das Vertiefen von Beziehungen zu bestimmten Begleitern schaltet man stärkere Code-Varianten frei. Das sorgt zumindest spielmechanisch für Motivation, sich mit den Nebenfiguren auseinanderzusetzen, auch wenn deren Persönlichkeiten selten begeistern.

Kämpfe ohne emotionale Höhepunkte
Trotz der spielerischen Tiefe fehlt es dem Kampfsystem an Wucht. Treffer fühlen sich oft zu leicht an, selbst schwere Waffen vermitteln nicht immer das gewünschte Gewicht. Gegner reagieren träge oder uneindeutig auf Treffer, was das Feedback schwächt. Besonders im Vergleich zu Genrevertretern wie Lies of P oder Sekiro wirkt Code Vein 2 hier spürbar weniger präzise. Bosskämpfe sind funktional, aber selten erinnerungswürdig. Mehrphasige Auseinandersetzungen gehören zum Standard, doch es fehlt an ikonischen Designs oder erzählerischer Einbettung. Kaum ein Boss bleibt im Gedächtnis, was in einem Genre, das stark von seinen Gegnern lebt, ein erhebliches Manko ist.

Eine Welt ohne visuelle Identität
Auch die Spielwelt selbst trägt wenig zur Immersion bei. Die Areale sind halb offen, aber visuell eintönig. Zerstörte Städte, verlassene Industrieanlagen, ein düsterer Wald und eine giftige Zone erfüllen zwar die Genreerwartungen, wirken jedoch austauschbar. Besonders Innenräume leiden unter repetitivem Leveldesign und mangelnder Atmosphäre. Ein Motorrad dient als Fortbewegungsmittel und soll das Erkunden erleichtern. In der Praxis fühlt es sich jedoch unpräzise an und fügt sich kaum organisch ins Gameplay ein. Im direkten Vergleich zu Elden Rings Torrent wirkt diese Lösung wie ein nachträglicher Kompromiss statt eines integralen Designs.

Technisch läuft Code Vein 2 auf der PlayStation 5 überwiegend stabil, leidet jedoch unter gelegentlichen Framerate-Einbrüchen. Das ist umso enttäuschender, da die grafische Qualität insgesamt eher durchschnittlich ausfällt. Texturen, Umgebungen und Effekte sind funktional, aber nicht zeitgemäß. Die Art Direction bleibt generisch und verpasst es, der Welt ein eigenes visuelles Profil zu verleihen. Das Charakterdesign setzt teils fragwürdige Akzente, die mehr irritieren als bereichern. Bestimmte NPCs wirken stilistisch deplatziert und untergraben den ernsten Ton der Geschichte, anstatt ihn zu unterstützen.
Fazit
Code Vein 2 ist ein Spiel voller Systeme, Mechaniken und Ideen, das es dennoch nicht schafft, ein stimmiges Ganzes zu formen. Wer Freude an komplexen Build-Experimenten und anspruchsvollen Kämpfen hat, kann hier viele Stunden investieren. Doch ohne starke Geschichte, ohne einprägsame Figuren und ohne eine überzeugende Welt bleibt das Erlebnis erstaunlich emotionslos. In einem Genre, das sich zunehmend durch kreative Eigenständigkeit definiert, wirkt Code Vein 2 wie ein kompetenter, aber mutloser Nachzügler. Es ist kein Totalausfall, aber auch kein Titel, der Maßstäbe setzt. Für Genre-Fans mag es ein solides Zwischenspiel sein. Für alle anderen ist es schwer zu rechtfertigen, warum man hier Zeit investieren sollte, wenn so viele stärkere Soulslikes verfügbar sind.

