Wasteland 3 – Test

    Wasteland 3 ist die große Hoffnung am RPG-Himmel, das sowohl Einsteiger, als auch Hardcore-Profis gleichermaßen begeistern soll. Ob dieser Spagat gelingt und wie gut sich Wasteland 3 auf der Konsole schlägt, das erfahrt ihr hier in unserem Test!

     

    Im post-atomaren Colorado

    Irgendwie fühlte man sich bei Wasteland 2 (hier unser Test) in längst vergangene Zeiten zurück katapultiert. Also nicht wegen der Story des Spiels, denn die setzt bekanntlich in der postapokalyptischen Zukunft an. Nein, es geht um das Gameplay an sich, viel mehr oldschool-RPG in ein modernes Bild eingebettet ist nahezu unmöglich. Vielleicht übt gerade das auch einen Stück des Reizes der Wasteland-Serie aus.

    Inhaltlich knüpft Teil 3 ziemlich direkt an den Vorgänger an. Die einst so erfolgreichen Ranger sind mittlerweile ziemlich runtergewirtschaftet und es fehlt dem Trupp so ziemlich alles, was das Überleben in der kargen Welt sichert. Ein Angebot des „Patriarchen“ kommt da ganz gelegen. Die Ranger sollen ihm bei einer etwas diffusen Mission helfen und im Gegenzug wird er sie mit allerlei Habseligkeiten versorgen. Das klingt in der aussichtslosen Situation zu gut, als dass man den Auftrag nicht annehmen könnte. Als die Ranger losziehen, werden sie brutal in einen Hinterhalt gelockt und zahlreich dezimiert. Nur zwei Ranger überleben das Massaker, wobei genau diese beiden dann unsere ersten spielbaren und definierbaren Charaktere bilden. Der Patriarch winkt ab, er habe damit nichts zu tun, vermutet allerdings seine drei völlig durchgeknallten Sprösslinge dahinter. Und damit steht die erste dreiteilige Mission: Findet die drei und bringt sie, möglichst lebendig, zum Patriarchen.

    Damit ist der Weg in ein umfangreiches Unterfangen in Colorado geebnet. Man kann schon mit diesem ersten Auftrag erahnen, dass Wasteland 3 etliche Stunden Unterhaltung bieten wird. Die drei extrem fanatischen Möchtegerns – jeder besitzt seine eigenen Missionsstrang – sind sogenannte Hoch-Level-Aufträge. Bis man ihnen also wirklich ans Leder kann, muss man seine Ranger zunächst fleißig hochleveln. Zum Glück bietet das Spiel dahingehend mehr als genug Optionen.

    Wo die drei Knilche anfangs schon das Prädikat „wahnsinnig“ verdienen, gilt gleiches auch für das Spiel insgesamt. Man ist buchstäblich erschlagen von all den Möglichkeiten, die einem Wasteland 3 an die Hand gibt. Und das Gute dabei ist, dass man sich nie überfordert fühlt, es macht sich eher im Kleinen bemerkbar. Was im ersten Schritt der Charaktereditor ist, den man schon recht früh zu Gesicht bekommt. Allein hier alle Varianten aufzuzählen würde diesen Text um 5 Seiten erweitern, also lassen wir es einfach damit, es zu benennen. Passend zum Stil à la komm-lass-uns-durchdrehen sind auch neue Skills, wie z.B. „Hinterlistiger Scheiß“.

     

    Zwei sollte ihr sein … oder sechs!

    Ebenfalls neu ist die Teamgröße, die jetzt mit zwei statt vier Figuren startet. Je nach Vorliebe kann man auf ein vorgegebenes Figurenset zurückgreifen. Wer sich lieber selbst am waghalsigen Duo versuchen möchte, der kann sich wie oben erwähnt extrem lange mit dem Editor beschäftigen und jedes noch so kleine Detail anpassen. Für den Start können wir eine sich gegenseitig unterstützende Kombo empfehlen, also beispielsweise einen Distanzschützen und einen Tank.

    Im Spiel angekommen fühlt man sich ab der ersten Minute zuhause. Gerade Kenner des Vorgängers wissen sofort, was Sache ist. Ansonsten werdet ihr aber auch gerne ein Stück weit an die Hand genommen und lernt anfängliche Gameplay-Mechaniken kennen. Nach den ersten Dialogen bekommen wir kleinere Aufträge oder finden uns, je nach Dialogverlauf, auch mal ganz schnell in einem Scharmützel wieder. Die Kämpfe indes laufen nach dem bekannten Muster ab und sind rundenbasiert. Je nach Skillung der einzelnen Figuren sollte man tunlichst ihre Stärken ausspielen und die Schwachpunkte verborgen halten. Seid ihr anfangs noch im Duett unterwegs, wächst euer Trupp im weiteren Verlauf auf bis zu 6 Mitglieder an.

    All das kennt man und all das hat man als Fan des klassischen RPG-Musters zu schätzen gelernt. Wasteland 3 ist allerdings ein kleiner Meilensprung im Vergleich zu Teil 2, wenn man sich die Mühe macht und einen Blick auf die sehr feinen Details wirft. Vordergründig liegen sehr viele Ähnlichkeiten und Parallelen, im Kleinen stecken die hervorragenden Veränderungen. Das Interface in Wasteland war nie wirklich schlecht, aber hier und da etwas sperrig bzw. unzugänglich. Für Teil 3 wurde der weitreichende Feinschliff angelegt und man hat den Eindruck, als hätte man tatsächlich auf etliche Vorschläge aus der Community gehört und diese dann auch umgesetzt. inXile Entertainment und Deep Silver haben hier ganze Arbeit geleistet.

    Beim Looten wird jetzt die komplette Beute angezeigt und man kann direkt genau die Teile rauspicken, die man einsacken möchte. Vorher musste man umständlich zu jedem Gegner separat hinlaufen. Bei anstehenden Talentproben macht der Charakter aus der Party automatisch einen Schritt vorwärts, auf den dieses Talent auch passt. Hier muss man also nicht mehr in die Charakterbögen blicken und händisch den am geeignetsten herauspicken. Deckungen sind jetzt ebenso möglich zu nutzen, was sich unschlagbar gut auf den Bonus fürs Ausweichen auswirkt. Nicht weniger spannend ist das neue Feature für Hinterhälte: Hierbei plant man seinen Angriff für den nächsten Zug des Gegners, der dann hoffentlich in den gelegten Hinterhalt tappst. Verbleibende AP (Aktionspunkte) werden so für die kommende Runde aufgespart. Kombiniert man diesen Angriff noch mit dem Präzisionsschlag, dann wandert selbst der stärkste Gegner fix ins virtuelle Nirvana. Der Präzisionsschlag muss allerdings gewissenhaft eingesetzt werden und kann erst genutzt werden, wenn die dafür vorgesehene Leiste gefüllt ist. Weitere Änderungen umfassen zu guter Letzt auch das Inventar und dessen Bedienung. Egal, wohin man blickt, alles ist hier deutlich logischer, einfacherer und zielgerichteter. Bekannt und stark verbessert, so mögen wir das!

     

    Verrückt ist das neue normal

    Während des Spielverlaufs lernt man immer mehr Figuren und Fraktionen kennen. Nie hat man den Eindruck, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht. Alles und jeder scheint in Wasteland 3 komplett am Rad zu drehen. Achtet bei der Rekrutierung neuer Partymitglieder auf deren Gesinnung, denn nicht immer harmonieren diese grundverschiedenen Ideologien gut miteinander. Ein durchgedrehter Okkultistenanführer birgt wohlmöglich zu viel Sprengstoff für die Gruppe, als dass er uns vorwärts bringen würde. Und was es mit einer Ziege in einem Bordell auf sich hat, müsst ihr schon selbst herausfinden. Worauf wir hinaus wollen: Derber Humor und mehr als abgedrehte Figuren sind hier völlig normal.

    Zwischen den einzelnen Locations bewegen wir uns neuerdings mit einem Schneemobil, genannt Kodiak. Das ist der schieren Größe des Spiels geschuldet, wobei Wasteland 3 erstmal auch mit weitläufigen Außenarealen glänzt. Hier und da warten kleinere Camps oder größere Ortschaften auf euch. Was ihr damit anstellt, ist euch überlassen, nur zufällige Ereignisse drücken euch die nächste Sequenz unweigerlich auf. Neben der Fortbewegung dient das Schneemobil gleichzeitig auch noch als mobile Kampfeinheit. Schrittweise rüsten wir das Kodiak immer weiter auf, bis es irgendwann schon einer Art Panzer ähnelt. Die Kämpfe unter Einsatz des Vehikels machen fortan extrem viel Spaß.

    Skilltechnisch arbeitet ihr euch aber nicht nur am Schneemobil ab, sondern vorrangig natürlich an den eigenen Teammitgliedern. Wie wir bereits oben schrieben, sollte man hierbei möglichst viele Parameter im Auge behalten. Nicht nur, was die Ethik betrifft, sondern primär natürlich den Sinn und Nutzen jeder Figur. Wie so oft birgt ein bunter Mix oftmals auch eine schlagfertige Truppe. Einer, der gut Schlösser knacken kann, ein anderer ist Redegewand und der nächste der Spezialist für den Nahkampf. Wie auch immer, tobt euch aus, Grenzen setzt das Spiel so gut wie keine, ihr müsst sie euch selbst setzen.

    Die Kämpfe per Rundenzug sind dabei wieder einmal ein kleines Highlight. Macht bloß nie den Fehler und geht unvorbereitet in ein Gefecht, denn selbst auf niedrigem Schweregrad zieht ihr sonst den Kürzeren. Schaut umher und lernt die Umgebung zu nutzen. So lassen sich schon im Vorfeld ein paar Taktiken finden, die das Pendel zu den eigenen Gunsten ausschlagen lassen. Mitunter entdeckt man Wege, um einen Seitenangriff zu startet oder Objekte, die sich wunderbar aus Auslöschung gleich mehrerer Feinde eignen. Die KI macht indes einen guten und ausgewogenen Eindruck, bietet aber im Modus leicht so gut wie keine Aufgabe. Einzig die zahlenmäßige Überlegenheit bringt den Spieler ins Schwitzen. Solltet ihr eine gute und faire Auseinandersetzung wünschen, dann spielt auf der Stufe normal oder höher. Dann merkt ihr auch mal, was es heißt, wenn ein Elementarschaden nicht einfach nur so tituliert wird, sondern auch echte Konsequenzen hat, wenn ihr euch nicht um die Wunde kümmert.

    Auf der technischen Seite muss man klar festhalten, dass Wasteland 3 heuer niemals einen Schönheitspreis verdienen würde. Das will es aber auch gar nicht und wir meinen damit auch nicht, dass das Spiel hässlich ausschaut. Tut es nicht, aber es ist eben alles nur dem Gameplay dienlich und damit Mittel zum Zweck. Es ist einfach OK so, wie es ist. Der Sound ist unaufgeregt, die Texturen sind OK, die Animationen sind es und das World-Design ist es auch. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Ebenso wurden mittlerweile die üblichen Bugs zum Launch eines Spiel schon zum größten Teil behoben. Gerade der Koop, der die Kampagne in trauter Zweisamkeit spielen lässt, zickte zunächst etwas herum. So stürzte bei uns das Spiel gleich mehrfach ab oder lief einfach nur asynchron. Nach der Installation des Patches funktionierte es deutlich reibungsloser, eigentlich fehlerfrei.

     

    Fazit

    Wasteland 3 ist nicht einfach nur der Nachfolger von Teil 2, sondern in nahezu allen Belangen ein klein bisschen besser. Der große Pluspunkt der Serie war schon immer die bis ins Kleinste austarierte Story mit spannenden Facetten und eine eben solche erwartet euch auch hier wieder. Könnte man die Geschichte nicht auch noch als Buch veröffentlichen? Wie auch immer. Die konsequenten Weiterentwicklungen aller bisherigen Features plus sinnvolle Ergänzungen zaubern ein kleines Prachtstück auf die Mattscheibe. Zwar nicht optisch, aber dafür in fast allen anderen Aspekten. Und trotz aller Komplexität geht Wasteland 3 sehr flüssig und geschmeidig von der Hand. Diesen schmalen Grad an sauberem Handling gepaart mit komplexen RPG-Elementen bekommt nicht jedes Entwicklerteam auf die Reihe, bravo! Gerade die Kämpfe werden im Verlauf sehr vielschichtig und reich an Möglichkeiten, so dass man irgendwann freudestrahlend jedem nächsten Konflikt ins entgegen sieht. Wenn sich ein gelungenes RPG dadurch auszeichnet, dass man vollständig in ihm versinken kann, dann findet ihr in Wasteland 3 euren Meister!

    Christoph
    Kind der 70er. Seit '84 Musiker, seit '85 Hobby-Jedi, seit '86 Zocker und seit 2011 hier Redakteur