Kaum eine JRPG-Reihe verlangt von ihren Spielern so viel Zeit und belohnt diese gleichzeitig derart konsequent wie The Legend of Heroes: Trails. Über zahlreiche Spiele hinweg erzählt Nihon Falcom eine zusammenhängende Geschichte, in der politische Konflikte, persönliche Schicksale und vermeintlich nebensächliche Ereignisse oftmals erst viele Stunden oder sogar mehrere Spiele später ihre vollständige Bedeutung entfalten. Mittendrin befindet sich der Crossbell-Arc mit Trails from Zero und Trails to Azure, der nun auch vollständig für die PlayStation 5 verfügbar ist. Beide Spiele stammen ursprünglich aus der PSP-Ära. Trails from Zero erschien bereits 2010 in Japan, Trails to Azure folgte ein Jahr später. Dass westliche Spieler so lange auf offizielle Veröffentlichungen warten mussten, gehört mittlerweile selbst zur bewegten Geschichte dieser beiden JRPGs.
Nun liegen beide Abenteuer als native PS5-Versionen vor und unterstützen unter anderem Auflösungen bis 4K sowie bis zu 120 Bilder pro Sekunde. Besitzer der PS4-Fassungen können zudem ihre vorhandenen Spielstände übertragen. Nach dem erneuten Durchspielen beider Abenteuer auf der PlayStation 5 bleibt allerdings eine Erkenntnis besonders deutlich: Technisch sind diese neuen Versionen keine spektakulären Remaster. Spielerisch und erzählerisch haben Trails from Zero und insbesondere Trails to Azure dagegen kaum etwas von ihrer ursprünglichen Faszination verloren. Wer verstehen möchte, warum Crossbell innerhalb des Trails-Universums einen derart hohen Stellenwert besitzt, findet hier die bislang komfortabelste Möglichkeit, den kompletten Handlungsbogen zu erleben.
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Trails from Zero: Willkommen in Crossbell
Trails from Zero beginnt mit der Rückkehr von Lloyd Bannings in seine Heimatstadt Crossbell. Nach seiner Ausbildung tritt der junge Ermittler seinen Dienst bei der Polizei an und landet dort allerdings nicht in einer gewöhnlichen Abteilung. Stattdessen wird Lloyd der neu gegründeten Special Support Section, kurz SSS, zugeteilt. Gemeinsam mit Elie MacDowell, Tio Plato und Randy Orlando soll Lloyd dort Aufgaben übernehmen, die irgendwo zwischen klassischer Polizeiarbeit, Bracer-Aufträgen und den alltäglichen Problemen der Bevölkerung liegen. Was zunächst nach einer Ansammlung kleiner Fälle klingt, entwickelt sich langsam zu einer wesentlich größeren Geschichte.

Crossbell befindet sich politisch in einer denkbar schwierigen Lage. Der kleine Stadtstaat liegt zwischen zwei mächtigen Nachbarn, dem Erebonischen Imperium und der Republik Calvard. Beide Großmächte besitzen eigene Interessen in der Region und üben erheblichen politischen Einfluss aus. Genau diese Ausgangslage macht Crossbell zu einem der interessantesten Schauplätze der gesamten Trails-Reihe. Falcom erzählt hier keine einfache Geschichte über Helden, die einen bösen Herrscher besiegen müssen. Stattdessen geht es um politische Abhängigkeiten, Korruption, organisierte Kriminalität und die Frage, wie ein vergleichsweise kleiner Staat überhaupt seine eigene Identität bewahren kann. Lloyd und seine Kollegen befinden sich dabei mitten in diesem komplizierten Geflecht.
Vier Figuren werden zu einer Familie
Wie so häufig bei Trails braucht die Geschichte allerdings Zeit. Gerade zu Beginn stehen nicht große politische Ereignisse im Mittelpunkt, sondern kleinere Aufträge der SSS. Bürger benötigen Hilfe, Monster müssen beseitigt und vermeintlich unspektakuläre Fälle untersucht werden. Das klingt nicht unbedingt aufregend, ist aber entscheidend für die Wirkung der späteren Handlung. Durch diese Struktur lernt man Crossbell nicht einfach als Karte kennen. Man lernt seine Bewohner kennen. NPCs besitzen eigene Tagesabläufe und kleine Geschichten. Nach wichtigen Ereignissen verändern sich ihre Dialoge und manchmal entwickeln sich scheinbar belanglose Nebenfiguren über viele Stunden hinweg weiter. Wer ausschließlich den Hauptmissionen folgt, kann Trails from Zero natürlich wesentlich schneller abschließen. Wer sich dagegen regelmäßig mit den Bewohnern unterhält, Bücher liest und Nebenaufgaben erledigt, bekommt eine beeindruckend detaillierte Welt präsentiert.

Gleichzeitig wächst die SSS immer stärker zusammen. Lloyd ist der besonnene Ermittler, der selbst in schwierigen Situationen versucht, einen vernünftigen Weg zu finden. Randy gibt zunächst den lebenslustigen Frauenhelden, dessen Interessen vor allem Alkohol, Glücksspiel und attraktive Frauen zu sein scheinen. Elie und Tio wiederum bringen völlig andere Persönlichkeiten und Hintergründe in die Gruppe. Gerade weil diese Charaktere so unterschiedlich sind, funktioniert ihre Dynamik hervorragend. Trails from Zero erzählt letztlich ebenso sehr die Entstehung dieser ungewöhnlichen Ersatzfamilie wie einen politischen Kriminalfall.
Ein Kampfsystem, das simpel beginnt und immer besser wird
Spielerisch folgt Trails from Zero dem klassischen Aufbau der Reihe. Gegner sind direkt in den Gebieten sichtbar und können vor einem Kampf angegriffen werden, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Wer einen Gegner von hinten erwischt, startet häufig unter deutlich besseren Bedingungen. Die eigentlichen Gefechte laufen rundenbasiert auf einem begrenzten Schlachtfeld ab. Positionierung spielt dabei eine wichtige Rolle. Charaktere können sich innerhalb ihrer Bewegungsreichweite frei positionieren und anschließend angreifen, verteidigen oder Fähigkeiten einsetzen.

Die beiden wichtigsten Kategorien sind Arts und Crafts. Crafts sind individuelle Fähigkeiten der jeweiligen Figuren und verbrauchen CP. Diese Punkte werden unter anderem durch normale Angriffe und eingesteckten Schaden wieder aufgebaut. Wer genügend CP sammelt, kann mächtige S-Crafts beziehungsweise S-Breaks einsetzen. Gerade in schwierigen Kämpfen können diese Spezialattacken innerhalb weniger Sekunden die komplette Situation verändern. Arts entsprechen dagegen den Zaubern des Spiels und hängen unmittelbar vom Quartz-System ab.
Quartz macht aus einfachen Figuren Spezialisten
Besiegte Gegner hinterlassen unter anderem Sepith. Diese Ressource existiert in verschiedenen Elementen und kann zur Herstellung von Quartz verwendet werden. Die kleinen Kristalle werden anschließend in die Orbments der Charaktere eingesetzt. Quartz erhöhen nicht nur verschiedene Attribute, sondern bestimmen auch, welche Arts zur Verfügung stehen. Damit besitzt das System wesentlich mehr Tiefe, als zunächst ersichtlich ist. Je nach Zusammenstellung kann ein Charakter beispielsweise zu einem mächtigen Zauberer, Unterstützer oder deutlich stärkeren physischen Kämpfer werden.

Weitere Sepith werden benötigt, um zusätzliche Slots innerhalb der Orbments freizuschalten. Da die Ressource gleichzeitig gegen Mira, die normale Währung der Spielwelt, eingetauscht werden kann, muss man regelmäßig entscheiden, wofür man seine Vorräte verwendet. Glücklicherweise verteilt Zero genügend Sepith, sodass daraus nur selten unnötiger Grind entsteht. Das Erfahrungssystem verhindert ebenfalls weitgehend übermäßiges Leveln. Wer für ein Gebiet bereits deutlich zu stark ist, erhält entsprechend weniger Erfahrungspunkte.
Trails to Azure: Jetzt zahlt sich alles aus
Trails to Azure setzt die Geschichte direkt fort und sollte unter keinen Umständen vor Zero gespielt werden. Theoretisch versucht das Spiel zwar, genügend Kontext zu vermitteln, praktisch würde man sich damit jedoch einen großen Teil seiner Wirkung nehmen. Zero baut Crossbell, seine politischen Konflikte und vor allem die SSS auf. Azure nimmt anschließend all diese Grundlagen und beginnt, sie gegeneinander auszuspielen. Schon die ersten Stunden besitzen deshalb ein anderes Tempo. Lloyd wird praktisch unmittelbar wieder in die Ereignisse hineingezogen und schnell wird deutlich, dass Crossbells ohnehin fragile politische Situation immer instabiler wird.
Wer zuvor Trails in the Sky oder Teile der Cold-Steel-Reihe gespielt hat, wird außerdem zahlreiche zusätzliche Zusammenhänge und Referenzen erkennen. Zwingend notwendig ist dieses Vorwissen allerdings nicht. Zero und Azure bilden gemeinsam einen weitgehend eigenständigen Handlungsbogen. Wer beide Spiele in der richtigen Reihenfolge spielt, bekommt eine vollständige Geschichte. Die Stadt bleibt auch in Azure das Zentrum des Abenteuers. Die SSS nimmt weiterhin Aufträge an, die von simplen Botengängen bis zur Jagd auf gefährliche Monster reichen. Viele dieser Missionen sind optional.
Gerade deshalb lohnt es sich erneut, regelmäßig mit den Bewohnern zu sprechen. Einige Aufgaben werden nicht einfach über das zentrale Terminal angekündigt, sondern ergeben sich erst durch Gespräche. NPCs reagieren außerdem weiterhin auf nahezu jedes größere Ereignis. Das kann fast schon gefährlich werden, wenn man zu den Spielern gehört, die wirklich jeden neuen Dialog lesen möchten. Nach wichtigen Storymomenten könnte man theoretisch erneut durch halb Crossbell laufen, weil zahlreiche Bewohner plötzlich etwas Neues zu erzählen haben. Aber genau dadurch entsteht dieses außergewöhnliche Gefühl einer lebendigen Welt. Crossbell ist nicht einfach ein Hub mit Händlern und Questgebern. Die Stadt entwickelt sich gemeinsam mit der Handlung.
Azure erhöht die Einsätze massiv
Während Zero noch viel Zeit damit verbringt, die Ausgangslage aufzubauen, kann Azure wesentlich schneller eskalieren. Politische Konflikte, persönliche Geschichten und Ereignisse aus dem Vorgänger laufen zunehmend zusammen. Dabei wird auch deutlich, wie wichtig die vermeintlich kleinen Geschichten aus Zero waren. Charaktere, Organisationen und Ereignisse bekommen plötzlich eine neue Bedeutung. Einige Entwicklungen funktionieren überhaupt erst deshalb so gut, weil man bereits Dutzende Stunden in Crossbell verbracht hat. Ähnlich wie bei Trails in the Sky 2nd Chapter liegt die große Stärke deshalb in der erzählerischen Auszahlung. Azure muss seine Welt nicht mehr ausführlich erklären. Das Fundament steht bereits. Falcom kann es nun erschüttern.

Master Quartz erweitern die Charakterentwicklung
Ebenfalls neu sind Master Quartz. Wer spätere Trails-Spiele wie Cold Steel kennt, wird mit dem Prinzip sofort vertraut sein. Jeder Charakter kann einen Master Quartz ausrüsten, der zusätzliche Boni verleiht und durch Kämpfe Erfahrung sammelt. Mit steigenden Stufen werden die Effekte stärker. Auf der höchsten Stufe können schließlich besonders mächtige Master Arts freigeschaltet werden. Dadurch gewinnt das ohnehin schon flexible Quartz-System zusätzliche Tiefe. In Kombination mit normalen Quartz lassen sich Charaktere noch stärker auf bestimmte Rollen spezialisieren. Gerade gegen Ende des Spiels entstehen dadurch zahlreiche interessante Möglichkeiten, die Gruppe individuell zusammenzustellen.
Fazit
The Legend of Heroes: Trails from Zero und Trails to Azure gehören auch viele Jahre nach ihrer ursprünglichen Veröffentlichung zu den stärksten Kapiteln der Trails-Saga. Zero überzeugt vor allem durch die Einführung Crossbells und die fantastische Chemie der Special Support Section. Lloyd, Elie, Tio und Randy wachsen im Verlauf des Abenteuers zu einer Gruppe zusammen, deren Dynamik problemlos ein komplettes Rollenspiel tragen kann. Azure profitiert anschließend von dieser Vorarbeit und liefert die wesentlich dramatischere zweite Hälfte des Crossbell-Arcs. Politische Konflikte eskalieren, persönliche Geschichten laufen zusammen und zahlreiche Details aus Zero erhalten plötzlich eine neue Bedeutung.
Spielerisch mögen beide Titel nach heutigen Maßstäben zunächst relativ klassisch wirken, doch das taktische Kampfsystem besitzt dank Positionierung, Arts, Crafts, S-Breaks und Quartz erstaunlich viel Tiefe. Azure erweitert dieses Fundament mit Burst und Master Quartz sinnvoll, ohne das funktionierende System unnötig umzubauen. Die neuen PS5-Versionen sind allerdings keine spektakulären Neuauflagen. Die Herkunft von der PSP bleibt deutlich sichtbar und Besitzer der PS4-Versionen erhalten nur überschaubare Verbesserungen. 4K, bis zu 120 Bilder pro Sekunde und die Möglichkeit zur Spielstandübertragung sind willkommen, verändern die Spiele aber nicht grundlegend.

