Marvel’s Wolverine im Test: Krallen raus und keine Gefangenen

    Quelle: Sony

    Nach drei großen Spider-Man-Abenteuern schlägt Insomniac Games mit Marvel’s Wolverine bewusst einen anderen Weg ein. Statt Logan in die nächste riesige Open World zu schicken und die Karte mit Aktivitäten, Sammelobjekten und Nebenmissionen zu füllen, konzentriert sich das PS5-Abenteuer auf eine weitgehend lineare Kampagne. Rund 20 Stunden lang geht es von einer Mission zur nächsten, unterbrochen von ruhigeren Dialogen, kleineren Erkundungspassagen und spektakulären Inszenierungen. Im Mittelpunkt steht aber fast immer die Frage, wann Wolverine endlich wieder seine Krallen ausfahren darf. Und genau dann ist Marvel’s Wolverine am stärksten. Insomniac versucht gar nicht erst, die brutale Natur der Figur abzuschwächen. Logan zerlegt seine Gegner mit einer Konsequenz, die man von den bisherigen Marvel-Spielen des Studios nicht kennt. Körperteile fliegen durch die Gegend, Blut bleibt an Wänden und Böden zurück und Finisher werden in Nahaufnahme präsentiert. Das Spiel weiß ziemlich genau, weshalb viele Fans ein Wolverine-Abenteuer spielen wollen. Unter der Maske funktioniert Logan deshalb hervorragend. Sobald es jedoch stärker um den Menschen dahinter und die eigentliche Geschichte geht, kann das Abenteuer dieses Niveau nicht vollständig halten.

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    Wolverine darf endlich Wolverine sein

    Die Handlung spielt zu einer Zeit, bevor die X-Men in ihrer bekannten Form existieren. Logan lebt zunächst zurückgezogen in der Wildnis, bis Nathaniel Essex, ein ehemaliger Teamkamerad, ihn zurückholt. Essex bietet Mutanten einen Zufluchtsort vor den Vorurteilen der Gesellschaft, gleichzeitig verschwinden jedoch immer mehr von ihnen. Logan soll helfen, die Entführungen aufzuklären und die Verantwortlichen aufzuhalten. Parallel beschäftigt sich das Spiel mit Wolverines Vergangenheit. Anfangs geschieht das hauptsächlich über kurze Rückblenden und optionale Nightmare Doors. Im späteren Verlauf werden diese Erinnerungen zunehmend wichtiger und beide Handlungsebenen laufen schließlich zusammen.

    Die Geschichte liefert damit grundsätzlich genügend Stoff für ein persönliches Wolverine-Abenteuer. Auch die Nebenfiguren besitzen eigene Motive und Beziehungen zu Logan. Trotzdem bleibt die Handlung überraschend blass. Einzelne Wendungen, Verfolgungsjagden und große Setpieces sorgen immer wieder für starke Momente, doch gerade der eigentliche Payoff kann mit dem Aufbau nicht mithalten. Problematisch ist außerdem, wie einige wichtige Elemente aus Logans Vergangenheit präsentiert werden. Die optionalen Nightmare Doors kombinieren Kampf- und Traversal-Herausforderungen und belohnen erfolgreiche Spieler mit Erinnerungen aus Wolverines Vergangenheit. Diese werden allerdings teilweise lediglich als weißer Text auf einem dunklen, transparenten Hintergrund dargestellt, während Logan den Inhalt vorliest. Für Informationen, die zum Verständnis seiner Vergangenheit beitragen, wirkt diese Umsetzung erstaunlich lieblos. Verlässt man die entsprechende Anzeige, endet sogar die Sprachausgabe. Gerade bei einem Spiel, das an anderen Stellen enorme Produktionswerte auffährt, wirken diese Abschnitte beinahe unfertig.

    Wenn die Krallen draußen sind, gibt es kein Zurück

    Die eigentliche Hauptattraktion ist ohnehin das Kampfsystem. Marvel’s Wolverine macht von Beginn an klar, dass Logan kein Spider-Man mit Krallen ist. Die Kämpfe sind aggressiver, direkter und vor allem wesentlich brutaler. Eine Ausdauerleiste gibt es nicht. Wolverine kann entsprechend ohne größere Unterbrechungen auf Gegner einschlagen, sie aufspießen und mit seinen Adamantiumkrallen bearbeiten. Grundlegende Kombinationen sind schnell gelernt und bewusst überschaubar gehalten. Im Verlauf der Kampagne werden zusätzliche Spezialangriffe freigeschaltet, wodurch das Repertoire wächst. Wer allerdings ein Kampfsystem im Stil von Devil May Cry erwartet, bei dem komplexe Eingaben und immer längere Kombinationen gemeistert werden müssen, liegt falsch. Marvel’s Wolverine bleibt zugänglich und relativ unkompliziert. Die Faszination entsteht weniger aus mechanischer Komplexität als aus der Wucht und Präsentation der Angriffe. Besonders die Takedowns spielen dabei eine entscheidende Rolle. Insomniac inszeniert die Finisher mit kurzen Zeitlupen und teilweise extrem brutalen Animationen. Gliedmaßen werden abgetrennt, Gegner aufgespießt und die Umgebung trägt anschließend sichtbare Spuren der Auseinandersetzung. Das Spiel blendet auch bei besonders drastischen Szenen nicht weg.

    Dadurch entwickelt jeder Kampf eine enorme Dynamik. Normale Angriffe gehen fließend in Finisher über und anschließend befindet man sich sofort wieder mitten im Gefecht. Gerade wenn mehrere Gegner gleichzeitig angreifen, entsteht ein wunderbar kontrolliertes Chaos. Zusätzliche Abwechslung bringen Teamaktionen. Jean Grey kann beispielsweise ihre telekinetischen Kräfte einsetzen, um Gegner für Logan vorzubereiten und gemeinsame Angriffe zu ermöglichen. Solche Momente gehören zu den spektakulärsten Szenen des Kampfsystems und unterstreichen gleichzeitig, wie unterschiedlich die Fähigkeiten der beteiligten Mutanten sind. Etwas enttäuschend fällt lediglich der Fähigkeitenbaum aus. Die Anzahl wirklich neuer Moves bleibt überschaubar und das Spiel hätte durchaus mehr Möglichkeiten bieten können, Logan stärker an den eigenen Spielstil anzupassen. Das grundlegende Kampfsystem funktioniert jedoch so gut, dass es die rund 20 Stunden problemlos trägt.

    Von Kanada über Japan bis nach Madripoor

    Dass sich die Kampagne trotz ihres starken Fokus auf Kämpfe nicht zu schnell abnutzt, liegt auch an den abwechslungsreichen Schauplätzen. Logan reist im Verlauf des Abenteuers durch mehrere Länder und Regionen. Kanada, Japan und die fiktive Insel Madripoor gehören zu den wichtigsten Stationen. Die einzelnen Gebiete unterscheiden sich teilweise erheblich voneinander. In einer Mission bewegt man sich durch ein neonbeleuchtetes Tokio, wenig später geht es durch alte Ruinen in der Nähe eines Vulkans. Insomniac nutzt diese Ortswechsel geschickt, um der linearen Kampagne immer wieder eine andere Atmosphäre zu verleihen. Hinzu kommen größere Setpieces und Fahrzeugsequenzen. Motorradpassagen funktionieren erstaunlich gut und lassen sich angenehm kontrollieren, während eine Sequenz in einem außer Kontrolle geratenen Flugzeug für klassisches Blockbuster-Spektakel sorgt. Zwischen den Kämpfen wird das Tempo regelmäßig reduziert. Logan kann seine geschärften Sinne einsetzen, um Geruchsspuren zu verfolgen und wichtige Objekte aufzuspüren. Seine übermenschliche Kraft kommt wiederum bei der Fortbewegung und kleineren Umgebungsaufgaben zum Einsatz.

    Teilweise legt Wolverine enorme Distanzen mit einem Sprung zurück. Diese Fähigkeiten führen allerdings zu einem der auffälligsten Probleme des Spiels. Marvel’s Wolverine ist nicht nur linear, sondern gelegentlich geradezu restriktiv. Grundsätzlich ist gegen eine lineare Struktur überhaupt nichts einzuwenden. Nach mehreren Open-World-Spielen wollte Insomniac offensichtlich bewusst ein fokussierteres Abenteuer entwickeln. Gerade angesichts der zunehmenden Größe vieler moderner Spiele ist dieser Ansatz sogar angenehm. Problematisch wird es erst, wenn die Grenzen der Spielwelt zu deutlich sichtbar werden. Marvel’s Wolverine verwendet zahlreiche unsichtbare Wände. Teilweise wirken diese Einschränkungen vollkommen willkürlich. Logan kann in einer Mission problemlos gewaltige Sprünge absolvieren, scheitert wenige Minuten später aber an einem gewöhnlichen Hindernis, weil das Spiel schlicht nicht möchte, dass man diesen Weg nimmt. Einige Abschnitte gehen noch weiter. Entfernt man sich zu weit vom vorgesehenen Ziel, blendet das Bild einfach aus und setzt Logan wieder an die gewünschte Position. Besonders merkwürdig ist das in Bereichen, die kurz zuvor noch frei erkundet werden konnten.

    Starke Darsteller tragen die schwächere Geschichte

    Dass die Handlung trotz ihrer Schwächen funktioniert, ist vor allem den Darstellern zu verdanken. Liam McIntyre liefert als Wolverine eine hervorragende Performance ab. Er beherrscht sowohl die aggressiven Seiten der Figur als auch deren ruhigere Momente. Schreie, Knurren und wütende Ausbrüche wirken ebenso überzeugend wie persönliche Gespräche und verletzlichere Szenen. McIntyre schafft es, Logan nicht auf den wütenden Mann mit Krallen zu reduzieren. Auch die weiteren Rollen sind stark besetzt. Troy Baker übernimmt Nathaniel Essex, Krizia Bajos spielt Jean Grey und Brett Gipson verkörpert Sabretooth. Sprachausgabe und Motion Capturing bewegen sich durchgehend auf einem hohen Niveau und sorgen dafür, dass selbst weniger spannende Storyabschnitte hervorragend präsentiert werden.

    Gerade hier entsteht allerdings ein gewisser Widerspruch. Insomniac verfügt über ausgezeichnete Darsteller, überzeugende Charaktermodelle und eine aufwendige Inszenierung, doch die eigentliche Geschichte kann dieses Potenzial nicht vollständig ausschöpfen. Einzelne Szenen funktionieren hervorragend, als Gesamtwerk hinterlässt die Handlung jedoch weniger Eindruck als das Kampfsystem. Grafisch spielt Marvel’s Wolverine dagegen ganz vorne mit. Besonders Charaktermodelle und Gesichter erreichen stellenweise eine Qualität, die zu den beeindruckendsten gehört, die wir bislang auf der PlayStation 5 gesehen haben. Auf der PS5 Pro stehen unterschiedliche Darstellungsmodi zur Verfügung. Für unseren Durchgang kam der Performance-Pro-Modus zum Einsatz. Dieser kombiniert 60 Bilder pro Sekunde mit der visuellen Qualität des regulären Fidelity-Modus und verwendet zusätzlich PSSR, Sonys PlayStation Spectral Super Resolution.

    Technisch mit an der Spitze

    Alternativ steht Fidelity Pro zur Verfügung. Hier wird die Bildrate auf 30 FPS reduziert, dafür kommen aufwendigere Raytracing-Funktionen zum Einsatz. Auf der regulären PlayStation 5 lässt sich ebenfalls zwischen Performance und höherer Grafikqualität wählen. Der Performance-Pro-Modus macht gerade angesichts der schnellen Kämpfe eine hervorragende Figur. Die Bildrate hält mit der Action Schritt und gleichzeitig bleiben die zahlreichen Details erhalten. Besonders beeindruckend ist, dass auch die Spuren der Kämpfe sichtbar bleiben. Wenn Logan einen Raum voller Gegner zerlegt hat, sieht dieser anschließend entsprechend aus. Während unseres Durchgangs traten lediglich einige kleinere Fehler auf, die einen Neustart vom letzten Kontrollpunkt notwendig machten. Davon abgesehen lief das Spiel ausgesprochen sauber. Auch der DualSense wird ordentlich eingebunden. Haptisches Feedback unterstützt wichtige Szenen und verstärkt unterschiedliche Aktionen, während die adaptiven Trigger bei Wolverines Angriffen einen gewissen Widerstand erzeugen. Es handelt sich nicht um die beste DualSense-Integration auf der PS5, doch die vorhandenen Funktionen ergänzen das Spielgefühl sinnvoll.

    Fazit

    Marvel’s Wolverine zeigt eindrucksvoll, dass Insomniac Games auch ohne eine riesige Open World ein hervorragendes Superhelden-Abenteuer entwickeln kann. Nach drei Spider-Man-Spielen schlägt das Studio bewusst einen anderen Weg ein und konzentriert sich auf eine lineare Kampagne, deren gesamtes Design um Wolverine und seine Krallen herum aufgebaut wurde. Das Kampfsystem ist dabei eindeutig der Star. Es ist schnell, unmittelbar und kompromisslos brutal. Die grundlegenden Kombinationen bleiben zwar relativ einfach und auch der Fähigkeitenbaum hätte umfangreicher ausfallen dürfen, doch die spektakulären Takedowns, Teamangriffe und hervorragenden Animationen sorgen dafür, dass das Zerlegen gegnerischer Gruppen selbst nach vielen Stunden kaum an Reiz verliert. Weniger überzeugend fällt die Geschichte aus. Logans Vergangenheit, die Entführungen von Mutanten und die unterschiedlichen Interessen der Nebenfiguren liefern grundsätzlich genügend Material für ein spannendes Abenteuer. Der Aufbau besitzt auch einige starke Wendungen und Setpieces, doch die letztendliche Auflösung bleibt hinter den Erwartungen zurück. Besonders die schwache Präsentation einiger wichtiger Erinnerungen innerhalb der Nightmare Doors wirkt angesichts der ansonsten enorm hohen Produktionsqualität überraschend.

    Die lineare Struktur ist ebenfalls Fluch und Segen zugleich. Einerseits entsteht dadurch ein fokussiertes Abenteuer, das kaum mit unnötigen Beschäftigungstherapien aufgebläht wird. Andererseits übertreibt es Insomniac stellenweise mit der Kontrolle. Unsichtbare Wände und Bereiche, die Logan trotz seiner Fähigkeiten nicht überwinden darf, erinnern den Spieler regelmäßig daran, dass nur ein einziger Weg vorgesehen ist. Dafür stimmen Präsentation und Technik. Die Schauplätze reichen vom neonbeleuchteten Tokio über Kanada bis nach Madripoor und sorgen zusammen mit starken Setpieces für genügend visuelle Abwechslung. Die hervorragenden Darsteller, allen voran Liam McIntyre als Logan, verleihen den Charakteren zusätzliche Glaubwürdigkeit.