Madden NFL 27 im Test: Der nächste Schritt in die richtige Richtung

    Quelle: EA

    Madden NFL 27 wirkt schon in den ersten Minuten überraschend frisch. Spieler laufen aufs Feld, die Kameras fangen die Stimmung im Stadion ein, Trainer stehen an der Seitenlinie und die Zuschauer sorgen für eine Atmosphäre, die sich tatsächlich wie ein NFL-Sonntag anfühlt. EA Sports gelingt es damit, der traditionsreichen Reihe erneut etwas mehr Leben einzuhauchen. Das ist wichtig, denn Madden musste sich über viele Jahre hinweg den Vorwurf gefallen lassen, zu wenig Fortschritt zu machen. Madden NFL 27 löst längst nicht alle Probleme der Serie, setzt den positiven Trend der letzten Ausgaben aber konsequent fort. Vor allem das Passspiel, der Franchise-Modus und die Präsentation profitieren von sinnvollen Neuerungen. Ganz oben angekommen ist die Reihe damit noch nicht. Langsame Menüs, technische Aussetzer und ein weiterhin wenig aufregendes Ultimate Team verhindern den ganz großen Wurf. Auf dem Spielfeld überzeugt Madden NFL 27 jedoch erneut.

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    Fangen wird endlich zur eigenen Aufgabe

    Die vielleicht auffälligste Neuerung ist das neue Timing-Based Catching. Nach einem Pass erscheint über dem anvisierten Receiver eine kleine Anzeige. Wer die Catch-Taste gedrückt hält und sie innerhalb des grünen Bereichs loslässt, verschafft seinem Receiver einen Vorteil gegenüber dem Verteidiger. Das klingt zunächst nach einer simplen Ergänzung, verändert das Passspiel aber stärker als erwartet. Bislang konnten wir Wurfrichtung und Stärke eines Passes bereits beeinflussen. Jetzt kommt zusätzlich der Moment des Fangens hinzu. Ein schwieriger Catch fühlt sich dadurch deutlich stärker nach einer eigenen Leistung an. Landet der Zeiger perfekt im grünen Bereich und der Receiver sichert den Ball trotz enger Coverage, entsteht genau das befriedigende Gefühl, das solchen Aktionen bislang häufig gefehlt hat. Fehler werden allerdings ebenfalls bestraft. Wer zu früh oder zu spät loslässt, riskiert einen Drop oder sogar einen abgefälschten Ball, der direkt beim Verteidiger landet.

    Ganz unkompliziert ist das neue System nicht. Besonders Bullet Passes verlangen ein sehr präzises Timing, da der Ball deutlich schneller beim Receiver ankommt und sich dadurch das Zeitfenster verkürzt. In Modi, in denen man sowohl Quarterback als auch Receiver kontrolliert, kann das außerdem schnell zu einer ganzen Kette aus Eingaben führen. Richtung, Wurfstärke, Catch-Taste und Timing müssen innerhalb weniger Augenblicke zusammenspielen. Das fühlt sich gelegentlich fast wie eine Kombination aus einem Fighting Game an. Zum Glück kehrt der Skills Trainer zurück. Dort lassen sich sämtliche Neuerungen in Ruhe ausprobieren. Das betrifft nicht nur das Catching, sondern auch neue Tackling-Varianten und zusätzliche Pass-Rush-Manöver. Gerade für Spieler, die nicht jedes Jahr mehrere hundert Stunden in Madden investieren, ist dieser Trainingsbereich enorm hilfreich.

    Mehr Möglichkeiten in der Defensive

    Auch defensiv gibt es neue Werkzeuge. Conservative Tackles und Dive Tackles erweitern die Möglichkeiten, Ballträger zu stoppen. Gleichzeitig stehen neue Pass-Rush-Techniken zur Verfügung, mit denen Verteidiger gezielter versuchen können, an der Offensive Line vorbeizukommen. Die Veränderungen wirken weniger spektakulär als das Timing-Based Catching, tragen aber dazu bei, dass sich Madden NFL 27 auf dem Feld etwas kontrollierter anfühlt. Besonders angenehm ist, dass sich erfolgreiche Aktionen dadurch häufiger wie das Ergebnis einer eigenen Entscheidung anfühlen. Genau darin liegt eine der größten Stärken des aktuellen Ablegers: Madden möchte dem Spieler häufiger selbst die Verantwortung überlassen, anstatt das Ergebnis ausschließlich über Attribute und Animationen zu bestimmen. Optisch macht Madden NFL 27 erneut einen sehr guten Eindruck.

    Spielermodelle, Trainer und Zuschauer kommen ihren realen Vorbildern immer näher. Auch die Inszenierung vor und während der Spiele trägt viel zur Atmosphäre bei. Gerade die ersten Minuten einer Partie wirken hervorragend. Spielertunnel, Kameraeinstellungen, Zuschauerreaktionen und die Präsentation der Teams vermitteln stärker als zuvor das Gefühl einer echten Fernsehübertragung. Ganz ohne kuriose Fehler funktioniert das allerdings nicht. So kann die Kamera bei Jubelszenen gelegentlich innerhalb eines Spielermodells landen oder wichtige Momente werden durch Figuren auf den Zuschauerrängen verdeckt. Solche Situationen sind meistens eher amüsant als wirklich problematisch, zerstören aber natürlich kurzzeitig die gewünschte Authentizität.

    Die Menüs sind der eigentliche Endgegner

    Deutlich weniger lustig sind die Ladezeiten. Die Menüs gehören zu den größten Schwächen von Madden NFL 27. Schon einfache Eingaben können mit einer spürbaren Verzögerung verbunden sein. Selbst das Wechseln zwischen verschiedenen Untermenüs fühlt sich stellenweise unnötig träge an. Besonders schlimm ist das in Ultimate Team. Wer nach dem Öffnen eines Packs versehentlich den falschen Menüpunkt auswählt, muss teilweise mehrere Sekunden warten, bis das Spiel wieder reagiert. Bei einem Spiel, das ständig zwischen verschiedenen Statistiken, Kadern, Trainingsoptionen und Menüs wechselt, fällt diese Trägheit sehr schnell auf. Hier besteht dringend Verbesserungsbedarf. Das Herzstück der diesjährigen Neuerungen ist die Persona Engine im Franchise-Modus. Jeder Spieler besitzt nun eigene Motivationen, Erwartungen und Ziele.

    Superstars wollen entsprechend bezahlt werden. Andere Spieler erwarten mehr Einsatzzeit oder wünschen sich langfristige Sicherheit. Wer diese Bedürfnisse ignoriert, muss mit Unzufriedenheit, Trade-Forderungen oder sogar Holdouts rechnen. Damit verändert sich die Kaderverwaltung spürbar. Franchise besteht nicht mehr ausschließlich daraus, Zahlen miteinander zu vergleichen und Verträge möglichst effizient abzuschließen. Plötzlich muss stärker berücksichtigt werden, wie einzelne Spieler auf Entscheidungen reagieren. Das verleiht der Mannschaft mehr Persönlichkeit und macht besonders Vertragsverhandlungen spannender. Ein wichtiger Spieler, dessen Vertrag ausläuft, wird dadurch nicht einfach zu einer weiteren Position in einer Tabelle, sondern tatsächlich zu einem Problem, das gelöst werden muss.

    Superstar bleibt unterhaltsam, aber nicht fehlerfrei

    Ähnliche Probleme gibt es im Superstar-Modus. Der Einstieg über Combine-Übungen kann gelegentlich unfair wirken. Besonders ärgerlich sind Situationen, in denen das Spiel bestimmte Ziele vorgibt, die KI aber nicht entsprechend mitspielt. Soll ein Pass beispielsweise in einer bestimmten Zone gefangen werden, der Quarterback wirft den Ball aber mehrere Meter daneben, wird der Spieler trotzdem für ein Verfehlen des Ziels bestraft. Das fühlt sich schlicht falsch an. Sobald die eigentliche Karriere beginnt, verbessert sich der Modus allerdings deutlich. Nach dem Draft arbeitet man sich langsam innerhalb des Teams nach oben, bekommt mehr Einsatzzeit und entwickelt sich Schritt für Schritt zu einem wichtigen Bestandteil der Mannschaft. Genau dieses Gefühl der sportlichen Karriere funktioniert weiterhin hervorragend. Kleine Szenen zwischen den Spielen, etwa Pressekonferenzen oder Gespräche mit dem eigenen Agenten über Werbedeals, sorgen für etwas zusätzliche Atmosphäre. Diese Elemente sind nicht besonders tief, erfüllen aber ihren Zweck.

    Wenig verändert hat sich dagegen bei Madden Ultimate Team. Das Prinzip bleibt weitgehend identisch: Packs öffnen, Challenges absolvieren, neue Packs bekommen und anschließend bessere Spieler in den eigenen Kader einbauen. Das funktioniert weiterhin. Wer Spaß daran hat, seine individuelle Mannschaft aus aktuellen Stars und NFL-Legenden zusammenzustellen, wird auch dieses Jahr wieder viele Stunden verbringen können. Das Problem ist vielmehr, dass Ultimate Team mittlerweile erschreckend vertraut wirkt. Abgesehen vom neuen Madden-Gameplay entsteht kaum das Gefühl, einen wirklich neuen Modus zu spielen. EA müsste Ultimate Team inzwischen deutlich stärker überarbeiten, damit sich der Modus wieder frisch anfühlt. Immerhin fällt die aggressive Monetarisierung hier weniger stark auf als bei manchen anderen EA-Sportspielen. Natürlich werden weiterhin Packs beworben, ein konkurrenzfähiges Team lässt sich aber zumindest grundsätzlich auch aufbauen, ohne sofort zusätzliches Geld investieren zu müssen. Das macht Ultimate Team nicht innovativer, aber zumindest etwas erträglicher.

    Fazit

    Madden NFL 27 setzt den positiven Kurs der vergangenen Jahre fort. Das neue Timing-Based Catching gehört zu den besten spielerischen Neuerungen und gibt dem Spieler deutlich mehr Kontrolle über entscheidende Passsituationen. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase entstehen dadurch spektakuläre Catches, die sich wesentlich befriedigender anfühlen. Auch Franchise macht einen weiteren Schritt nach vorne. Die Persona Engine verleiht dem Kader Persönlichkeit und sorgt dafür, dass Verträge, Spielerwünsche und langfristige Entscheidungen stärker miteinander verbunden sind. Dazu kommt eine Präsentation, die stellenweise näher an einer echten NFL-Übertragung ist als je zuvor.

    Ganz ohne Probleme kommt Madden NFL 27 allerdings nicht davon. Die Menüs sind unnötig langsam, einzelne Minispiele können frustrierend unfair sein und Superstar leidet stellenweise unter merkwürdigen KI-Situationen. Ultimate Team funktioniert weiterhin, benötigt aber dringend größere Veränderungen, um nicht jedes Jahr wie eine leicht überarbeitete Wiederholung zu wirken. Trotzdem überwiegt das Positive. Madden NFL 27 ist noch nicht der perfekte Football-Titel, bewegt sich aber erneut sichtbar in die richtige Richtung. Vor allem auf dem Feld beweist EA Sports, dass die Serie längst wieder mehr zu bieten hat als bloß neue Kader und aktualisierte Trikots.