Die Atelier-Reihe ist seit Jahrzehnten eines der wichtigsten Standbeine von Gust. Mindestens ebenso prägend wie die Alchemie-Rollenspiele war für viele Fans allerdings der unverwechselbare Zeichenstil von Mel Kishida. Seine filigranen Figuren, aufwendig gestalteten Kostüme und sanften Farbwelten verliehen bereits Atelier Totori eine besondere Identität. Einige Jahre später bildete genau diese Ästhetik die Grundlage für Blue Reflection. Die Reihe kombinierte ein modernes Schulsetting mit Magical-Girl-Elementen, emotionalen Konflikten und rundenbasierten Kämpfen. Aus dem ersten Spiel entstanden später eine Anime-Serie, ein Mobile-Ableger und eine direkte Fortsetzung. Mit Blue Reflection Quartet bündelt Koei Tecmo nun sämtliche Projekte in einem einzigen Paket. Das klingt nach der perfekten Gelegenheit, die gesamte Reihe nachzuholen. Tatsächlich enthält die Sammlung mit Blue Reflection und Blue Reflection: Second Light zwei interessante Rollenspiele. Gleichzeitig fallen die Umsetzungen von Blue Reflection Ray und Blue Reflection Sun jedoch deutlich schwächer aus. Das Ergebnis ist eine umfangreiche, aber überraschend unausgeglichene Kollektion.
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Der Anfang einer emotionalen Reise
Im ersten Blue Reflection übernehmen wir die Rolle von Hinako Shirai. Die talentierte Balletttänzerin muss ihre vielversprechende Karriere nach einer schweren Knieverletzung aufgeben. Ohne den Tanz fehlt ihr plötzlich jeder Halt. Selbst der Besuch der Schule wird für sie zu einer Belastung, weshalb sie sich zunehmend von ihrer Umwelt zurückzieht. An ihrem ersten Schultag trifft sie auf eine Mitschülerin, die sie aus ihrer Zeit als Ballerina kennt. Die Begegnung löst derart starke negative Emotionen aus, dass Hinako in eine fremde Welt gezogen wird. Diese sogenannte Common ist eine verzerrte Realität, in der sich Gefühle und psychische Konflikte als gefährliche Kreaturen manifestieren. Dort erhält Hinako den Reflector Ring, durch den sie sich in eine magische Kämpferin verwandeln kann. Kurz darauf begegnet sie den geheimnisvollen Zwillingen Yuzu und Lime. Sie erklären ihr, dass das Besiegen aller Sephira einen einzigen Wunsch erfüllen könnte.

Das Spiel folgt einer klaren Kapitelstruktur. In nahezu jedem Abschnitt steht eine andere Mitschülerin im Mittelpunkt. Ihre Ängste, Sorgen oder negativen Gefühle erschaffen jeweils eine eigene Version der Common, in die Hinako reisen muss. Außerhalb dieser emotionalen Welten besucht sie die Schule, spricht mit Freundinnen und nimmt an alltäglichen Aktivitäten teil. Diese Begegnungen belohnen sie mit Fragmenten, die bestimmte Werte und Fähigkeiten beeinflussen. Der Alltag gehört zu den stärkeren Elementen des Spiels. Hinako unterscheidet sich deutlich von vielen klassischen Rollenspielheldinnen. Sie ist nicht durchgehend optimistisch oder sofort bereit, anderen zu helfen. Ihre Verletzung hat sie zynisch, verbittert und zurückhaltend gemacht. Gerade diese weniger perfekte Persönlichkeit wirkt angenehm glaubwürdig. Leider bleibt ihre Vergangenheit im ersten Spiel nur oberflächlich behandelt. Viele wichtige Aspekte ihrer Entwicklung werden erst später in Second Light ausführlicher aufgegriffen.
Ein Kampfsystem mit wenig Tiefgang
Die Kämpfe laufen klassisch rundenbasiert ab. Eine Zeitleiste zeigt an, wann Figuren und Gegner handeln dürfen. Mit zunehmender Erfahrung verteilt ihr Punkte auf verschiedene Kategorien und schaltet dadurch neue Ether Skills frei. Grundsätzlich funktioniert das System ordentlich. Mächtige Kombinationen und besonders starke Fähigkeiten ermöglichen später spektakuläre Angriffe. Allerdings ist die Balance so großzügig, dass viele Spieler das Ende erreichen dürften, ohne sich jemals intensiv mit den komplexeren Möglichkeiten zu beschäftigen. Noch deutlicher zeigt sich das Alter des Spiels bei der Erkundung. Die Common besteht häufig aus kleinen, kreisförmigen Bereichen, die mehrfach wiederverwendet werden. Abseits einiger Ressourcen und Gegner gibt es kaum etwas zu entdecken. Blue Reflection besitzt ein starkes emotionales Fundament und eine interessante Hauptfigur, wirkt spielerisch jedoch deutlich unausgereifter als seine Fortsetzung. Die Quartet-Fassung ergänzt mehrere Komfortfunktionen. Dazu gehören eine Beschleunigungsoption, technische Optimierungen und ein neues Glossar, das wichtige Begriffe direkt erklärt.

Blue Reflection Ray war ursprünglich eine Anime-Serie, die zeitlich nach dem ersten Spiel angesiedelt ist. Für Blue Reflection Quartet wurde allerdings nicht einfach die vollständige Serie integriert. Stattdessen hat Gust daraus ein spielbares Kapitel erstellt. Die Idee klingt zunächst interessant. Leider ist die Umsetzung der mit Abstand schwächste Bestandteil der Sammlung. Ray beginnt beinahe am Ende der ursprünglichen Anime-Handlung. Die vermutlich zentralen Figuren Hiori und Ruka stellen sich einer mächtigen Gegnerin, verlieren den Kampf und erwachen anschließend ohne Erinnerungen. Daraufhin erkundet ihr mit Hiori erneut die Common und sucht dort Erinnerungsfragmente. Diese schalten Standbilder aus dem Anime frei, die von kurzen Erzählpassagen begleitet werden.
Eine Geschichte ohne Zusammenhang
Das größte Problem besteht darin, dass Blue Reflection Ray praktisch keinerlei Kontext liefert. Wer den Anime nicht gesehen hat, wird mitten in den letzten Handlungsbogen geworfen und soll emotionale Beziehungen verstehen, die nie aufgebaut wurden. Die Figuren sprechen ständig über Personen und Ereignisse, die innerhalb dieser Umsetzung kaum erklärt werden. Sätze wie „Erinnerst du dich noch an sie?“ oder „Weißt du noch, was damals passiert ist?“ bleiben vollkommen wirkungslos, wenn der Spieler weder die Figur noch das Ereignis kennt. Zwar gibt es optionale Dokumente mit zusätzlichen Hintergrundinformationen, doch wichtige Storyelemente ausschließlich über Textarchive zu erklären, ist keine überzeugende Erzählmethode. Noch schwerer wiegt das fehlende Gameplay. Blue Reflection Ray besitzt keinerlei Kämpfe. Ihr bewegt Hiori durch sehr einfache Gebiete, sammelt Erinnerungen ein und betrachtet anschließend Standbilder. Dadurch entsteht keine echte Spieladaption des Anime, sondern eine unvollständige Zusammenfassung seines Finales.

Der dritte Teil der Sammlung basiert auf Blue Reflection Sun, einem ursprünglich nur in Japan veröffentlichten Mobile-Spiel. Für Quartet wurden sämtliche Gacha-Mechaniken entfernt und das Spiel in eine klassische Einzelspielerfassung umgebaut. Zeitlich spielt Sun während beziehungsweise direkt nach den Ereignissen des ersten Blue Reflection. Nachdem Hinako den Sephirot besiegt, wird unbeabsichtigt eine Katastrophe ausgelöst. Asche fällt vom Himmel und verwandelt Menschen entweder in Monster namens Testa oder verleiht ihnen übernatürliche Fähigkeiten. Menschen, die ihre Persönlichkeit trotz der Veränderung behalten, werden als Eroded bezeichnet. Wir übernehmen die Rolle eines namenlosen Kommandanten, der eine Gruppe aus Eroded und Reflectors gegen die wachsende Bedrohung führt.
Zwischen Schulalltag und Missionen
Das Gameplay teilt sich in zwei Bereiche. Zwischen den Einsätzen verbringen wir Zeit in der Schule, sprechen mit den Gruppenmitgliedern und erleben kurze Charaktergeschichten. Anschließend geht es in verschiedene Kampfeinsätze. Die Umsetzung funktioniert grundsätzlich. Die Figuren erhalten ausreichend Raum, um Beziehungen aufzubauen, und der Verzicht auf Gacha-Systeme sorgt für eine deutlich angenehmere Struktur. Gleichzeitig wirkt diese Version kaum wie das ursprüngliche Blue Reflection Sun. Gust hat große Teile des Spiels auf Basis der Engine und Mechaniken von Blue Reflection: Second Light neu aufgebaut. Kämpfe, Präsentation und Struktur erinnern daher stärker an eine umfangreiche Modifikation des Nachfolgers als an eine authentische Neuauflage des Mobile-Spiels. Selbst der ursprüngliche Soundtrack wurde teilweise durch Musik aus Second Light ersetzt.

Auch das elementare Kampfsystem und zahlreiche eigene Mechaniken des Mobile-Titels fehlen. Das Ergebnis ist keineswegs schlecht. Blue Reflection Sun spielt sich solide und profitiert von der besseren Grundlage des Nachfolgers. Dennoch wurde dem Spiel ein großer Teil seiner ursprünglichen Identität genommen. Blue Reflection: Second Light ist der chronologisch letzte und zugleich mit Abstand beste Teil der Sammlung. Im Mittelpunkt steht Ao Hoshizaki, die plötzlich in einer fremden Parallelwelt erwacht. Dort trifft sie auf drei weitere Mädchen, die ihre Erinnerungen verloren haben. Ao ist die Einzige, die sich an ihr früheres Leben erinnern kann und deshalb unbedingt einen Weg nach Hause finden möchte. Die Gruppe lebt gemeinsam in einer verlassenen Schule, die von einer endlosen Wasserlandschaft umgeben ist. Neue Gebiete entstehen durch die Erinnerungen der Figuren und werden als Heartscapes bezeichnet.
Eine Fortsetzung, die alles verbessert
Second Light erweitert nahezu jeden Bestandteil des ersten Spiels. Die Figuren erhalten mehr Tiefe, Beziehungen entwickeln sich glaubwürdiger und die Handlung verbindet persönliche Konflikte mit einem deutlich größeren Geheimnis. Die Heartscapes fallen wesentlich abwechslungsreicher aus als die wiederverwendeten Common-Gebiete des Originals. Jeder Bereich ist auf die Erinnerungen und Gefühle einer bestimmten Figur zugeschnitten. Dadurch erzählen schon die Umgebungen kleine Geschichten. Auch das Kampfsystem wurde umfassend verbessert. Es bleibt grundsätzlich rundenbasiert, besitzt aber eine deutlich dynamischere Zeitleiste. Figuren bauen während des Kampfes Ether auf und können dadurch immer stärkere Fähigkeiten einsetzen. Wechselnde Gruppenmitglieder, aktive Unterstützungsaktionen und transformierte Reflector-Formen verleihen den Auseinandersetzungen mehr taktischen Tiefgang. Lediglich die verpflichtenden Schleichpassagen wirken weiterhin unnötig. Sie unterbrechen das Tempo und passen kaum zum ansonsten gelungenen Spielablauf. Trotzdem ist Second Light nicht nur der beste Teil der Reihe, sondern auch eines der stärkeren Rollenspiele von Gust.
Wunderschöne Kunst trifft auf wechselhafte Technik
Die gesamte Reihe lebt von Mel Kishidas unverwechselbarem Charakterdesign. Die Figuren besitzen elegante Silhouetten, aufwendige Kostüme und eine bewusst verträumte Ausstrahlung. Besonders die Reflector-Verwandlungen und die farbenfrohen Kampfeffekte transportieren den Magical-Girl-Stil hervorragend. Second Light zeigt dabei am deutlichsten, wie gut sich Kishidas Illustrationen in dreidimensionale Modelle übertragen lassen. Die technischen Verbesserungen der Quartet-Version bleiben allerdings überschaubar. Schnellere Abläufe und einige Optimierungen sind willkommen, doch eine umfassende grafische Überarbeitung sollte niemand erwarten. Vor allem beim ersten Blue Reflection fallen einfache Umgebungen, wiederholte Assets und ältere Animationen weiterhin deutlich auf.

Rein rechnerisch enthält Blue Reflection Quartet vier Spiele. Qualitativ fühlt sich die Sammlung jedoch eher wie zwei vollwertige Rollenspiele und zwei experimentelle Zusatzkapitel an. Das erste Blue Reflection besitzt interessante Figuren und eine starke Atmosphäre, leidet aber unter dünnen Gebieten und einem einfachen Kampfsystem. Second Light löst fast all diese Probleme und zeigt, wie gut das Konzept funktionieren kann. Ray hingegen ist weder eine gelungene Zusammenfassung des Anime noch ein überzeugendes Spiel. Sun bietet mehr Substanz, verliert durch seine umfangreiche Umgestaltung aber einen großen Teil seiner ursprünglichen Identität. Für Neueinsteiger bleibt die Sammlung dennoch interessant. Sie erhalten die gesamte bisherige Reihe in chronologischer Reihenfolge und können die Entwicklung der Welt sowie wiederkehrender Figuren nachvollziehen. Besitzer der ursprünglichen Spiele finden hingegen kaum überzeugende Gründe für einen erneuten Kauf. Die Verbesserungen sind zu gering und die beiden neu adaptierten Projekte zu unausgeglichen.
Fazit
Blue Reflection Quartet ist eine Sammlung mit einer hervorragenden Grundidee, deren Umsetzung jedoch nicht durchgehend überzeugt. Das erste Blue Reflection bleibt ein emotional interessantes, wenn auch spielerisch unausgereiftes Rollenspiel. Blue Reflection: Second Light ist dagegen der klare Höhepunkt und verbessert nahezu jeden Aspekt des Vorgängers. Blue Reflection Sun funktioniert als solides Einzelspielerabenteuer, fühlt sich aber kaum noch wie das ursprüngliche Mobile-Spiel an. Blue Reflection Ray ist schließlich eine misslungene Adaption, die Neueinsteiger ohne Kontext zurücklässt und kaum echtes Gameplay bietet.
Trotzdem besitzt das Paket einen klaren Wert. Wer bisher keinen Kontakt mit der Reihe hatte, erhält zu einem vergleichsweise günstigen Preis zwei empfehlenswerte Rollenspiele und einen umfassenden Einblick in das gesamte Blue-Reflection-Universum. Fans, die beide Hauptspiele bereits besitzen, sollten dagegen genau überlegen. Die technischen Verbesserungen rechtfertigen allein keinen Neukauf, und die Umsetzung der beiden zusätzlichen Projekte bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurück. Blue Reflection Quartet ist damit weniger die endgültige Fassung der Reihe als eine interessante Archivsammlung. Sie bewahrt sämtliche wichtigen Projekte, zeigt aber gleichzeitig schonungslos, wie unterschiedlich ihre Qualität ausfällt.

