Schach, aber bitte mit Chaos, Bossen, Gambits, Goldfeldern und Roguelike-Suchtspirale: Gambonanza nimmt ein uraltes Brettspiel, wirft es durch den Balatro-Fleischwolf und macht daraus ein überraschend zugängliches Strategiespiel, selbst wenn man eigentlich keine Ahnung von Schach hat.
Intro

Ich gebe es direkt zu: Ich bin kein Schach-Profi. Wirklich nicht. Ich hatte mal eine kurze Schachphase, habe The Queen’s Gambit geschaut, Chess.com ausprobiert und mir eingeredet, dass ich jetzt bestimmt total strategisch unterwegs bin. In der Realität weiß ich ungefähr, wie Bauern laufen, dass Springer komisch hüpfen und dass man mit der Dame ziemlich viel Unfug anstellen kann. Das war es dann aber auch fast schon.
Genau deshalb war ich bei Gambonanza erst einmal skeptisch. Ein Schach-Roguelike? Klingt cool, aber auch nach einem Spiel, bei dem ich nach zehn Minuten von irgendeinem 4D-Schach-Gehirn komplett auseinandergenommen werde. Überraschenderweise ist aber genau das nicht passiert. Oder na ja, doch, ich wurde schon auseinandergenommen. Aber auf eine Art, die trotzdem Spaß gemacht hat.
Im Kern ist Gambonanza ein rundenbasiertes Schach-Roguelike, das klassische Schachfiguren mit Gambits, Feld-Upgrades, Boss-Effekten und einer ordentlichen Portion Chaos kombiniert. Auf Steam wird das Spiel als „turn-based chess roguelike“ beschrieben, bei dem man taktische Kniffe meistert, Gewinne investiert und regelbrechende Gambits sowie Feld- und Figurenkombinationen entdeckt. Entwickelt wurde das Ganze von Blukulélé, während Sidekick Publishing und Stray Fawn Publishing als Publisher auftreten.

Besonders spannend für den deutschsprachigen Raum: Sidekick Publishing stammt aus dem Umfeld von INSTINCT3, also dem Unternehmen rund um HandOfBlood. Offiziell beschreibt sich Sidekick Publishing als deutscher Indie-Publisher, der aus der Kreativagentur INSTINCT3 hervorgegangen ist. Besser wird das Spiel dadurch natürlich nicht automatisch. Für die deutsche Gaming-Community ist dieser Hintergrund aber trotzdem interessant, weil man bei einem Projekt aus dem HandOfBlood-Umfeld automatisch etwas genauer hinschaut.
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Einordnung: Schach trifft Balatro

Am ehesten lässt sich das Ganze als Mischung aus Schach-Roguelike und Balatro-artigem Build-Spiel beschreiben. Der Balatro-Vergleich kommt nicht daher, dass hier Karten statt Figuren gespielt werden, sondern durch die Struktur dahinter: Man startet mit einem bekannten Regelkern, baut dann Runde für Runde immer stärkere Synergien auf und merkt irgendwann, dass aus einer simplen Idee ein komplett durchgedrehter Run geworden ist.
Bei Balatro sind es Pokerhände, Joker und Multiplikatoren. Bei Gambonanza sind es Schachfiguren, Gambits, Felder, Boss-Effekte und Geldentscheidungen. Genau dieses Gefühl, ein bekanntes Spielsystem durch Modifikatoren aufzubrechen, findet man auch hier wieder. Nur eben mit Bauern, Läufern, Springern, Königen und dem restlichen Gespann.
Trotzdem wäre „Balatro mit Schachfiguren“ als Beschreibung zu kurz gedacht. Balatro funktioniert stark über Wahrscheinlichkeiten, Kartenhände und Score-Explosionen. Gambonanza denkt viel räumlicher. Hier zählt nicht nur, welchen Effekt man hat, sondern auch, wo eine Figur steht, wie sie ziehen kann, welches Feld unter ihr liegt und ob der Gegner im nächsten Zug nicht plötzlich alles kaputt macht.
Dadurch fühlt sich das Spiel taktischer an, als der lockere Look zunächst vermuten lässt. Man spielt nicht nur seine Boni runter, sondern muss permanent auf dem Brett reagieren. Genau das macht den Unterschied: Der Roguelike-Loop ist spaßig und chaotisch, aber darunter steckt immer noch ein kleines, fieses Strategiespiel.
Gameplay: Schach für Leute, die Schach einschüchternd finden

Das Herzstück von Gambonanza ist natürlich das Gameplay. Und hier wird es richtig spannend, weil das Spiel auf den ersten Blick nach Schach aussieht, sich aber sehr schnell nach etwas Eigenem anfühlt.
Grundsätzlich spielt man mit bekannten Schachfiguren wie Bauer, Läufer, Springer, Turm, Dame und König. Wer also schon einmal ein Schachbrett gesehen hat, erkennt die Grundlogik sofort wieder. Der große Unterschied liegt aber darin, dass Gambonanza nicht erwartet, dass man ein wandelndes Eröffnungslexikon ist.
Gerade für Spieler wie mich, die zwar grob wissen, wie Figuren ziehen, aber keine Ahnung von tiefer Schachstrategie haben, ist das extrem wichtig. Mögliche Züge werden klar visualisiert. Man sieht, wohin eine Figur ziehen kann, welche gegnerischen Figuren man in der Theorie schlagen kann und was auf dem Brett gerade passiert. Dadurch bleibt alles verständlich, auch wenn die eigenen Schachkenntnisse irgendwo zwischen „Bauer geht nach vorne“ und „Springer macht halt dieses L-Ding“ liegen.
Das nimmt dem Spiel eine große Einstiegshürde. Man muss Schach nicht perfekt verstehen, um Spaß zu haben. Natürlich hilft taktisches Denken. Sicher würden bessere Spieler deutlich sauberere Entscheidungen treffen. Trotzdem bekommt man genug visuelle Hilfen, um nicht komplett verloren zu sein.
Der Spielablauf: Figuren schlagen statt Schachmatt
Genau das ist wichtig, weil Gambonanza eben nicht einfach normales Schach auf einem kleineren Brett ist. Das Ziel besteht nicht darin, den gegnerischen König mattzusetzen. Laut Steam geht es darum, jede gegnerische Figur vom Brett zu nehmen, Synergien zu nutzen und dabei die eigenen Figuren am Leben zu halten. Gleichzeitig kann das Brett zerbrechen, wenn man zu viele Züge verschwendet.
Dadurch ändert sich das Spielgefühl komplett. In klassischem Schach denkt man oft langfristig, baut Positionen auf und versucht, den König in eine ausweglose Lage zu bringen. Hier ist alles direkter. Jede Figur zählt. Jeder schlechte Tausch kann wehtun. Manchmal ist ein Zug nicht deshalb gut, weil er hübsch aussieht, sondern weil er gerade verhindert, dass der letzte Springer in den Abgrund fällt.
Besonders gut funktioniert dabei der Rhythmus der einzelnen Runden. Man schaut auf das Brett, checkt mögliche Züge, sucht nach sicheren Captures und überlegt gleichzeitig, welche Effekte gerade aktiv sind. Kann ich mit dieser Figur schlagen? Triggert dadurch ein Gambit? Lande ich auf einem nützlichen Feld? Öffne ich dem Gegner gerade eine komplett dumme Möglichkeit, meine wichtigste Figur zu kassieren? Genau diese kleinen Denkprozesse machen jeden Zug spannender, als man zunächst erwartet.
Kleine Fehler, große Folgen
Fehler passieren schnell. Gerade am Anfang sieht man oft einen möglichen Capture und denkt: „Nice, gratis Figur.“ Zwei Sekunden später merkt man dann, dass die eigene Figur danach komplett offen steht oder dass man seine wichtigste Einheit in eine richtig miese Position gebracht hat.
Gambonanza ist darin ziemlich ehrlich. Es lässt einen Fehler machen, aber meistens versteht man danach auch, warum es schiefging. Das sorgt für diesen typischen Roguelike-Kreislauf: verlieren, kurz beleidigt sein, den eigenen Fehler erkennen, nochmal starten. Nur denkt man hier eben nicht: „Der Gegner war unfair“, sondern eher: „Okay, vielleicht hätte ich den Bauern nicht heldenhaft in den sicheren Tod schicken sollen.“
Die eigentliche Tiefe: Gambits verändern alles

Die eigentlichen Stars von Gambonanza sind die Gambits. Sie funktionieren im Prinzip wie passive Effekte, Regelbrüche oder Joker, die bestimmte Figuren, Felder oder Situationen verändern. Genau hier entsteht dieser Balatro-Sog.
Zum Full Release spricht das Team von 200 Gambits, mit denen man Figuren upgraden und klassische Schachregeln brechen kann. Dazu kommen acht einzigartige Bosse, ein neues Schwierigkeitssystem und Steam-Achievements.
Von Kontrolle bis komplettem Regelbruch
Die Effekte fallen ziemlich unterschiedlich aus. Einige verändern direkt, wie Figuren funktionieren. Andere sorgen dafür, dass Gegner Züge aussetzen, eigene Figuren geschützt werden, geschlagene Figuren zurückkommen, bestimmte Felder neue Eigenschaften erhalten oder man wirtschaftlich besser dasteht. Es gibt Gambits, die sich eher nach Kontrolle anfühlen, andere pushen Schaden, Mobilität oder Geld. Dann gibt es natürlich noch die richtig absurden Effekte, bei denen man merkt: Okay, das ist jetzt kein Schach mehr, das ist ein kleiner Regel-Unfall mit Pixelgrafik.
Dadurch bekommt jeder Run eine eigene Richtung. In einem Run baut man vielleicht um Bauern herum, weil man sie zu Damen befördern möchte. Im nächsten wird plötzlich ein Läufer zum wichtigsten Teil des Builds, weil ein Gambit perfekt mit seinen diagonalen Zügen funktioniert. Ein anderes Mal setzt man auf Springer, weil sie durch ihre Bewegung Gegner erreichen, die andere Figuren nicht sauber kriegen. Manchmal nimmt man einfach ein Gambit, weil es lustig klingt, und merkt erst später, dass es überraschend stark ist.
Besonders cool ist, dass diese Effekte nicht nur Bonuswerte geben, sondern wirklich das Denken verändern. Wenn Gegner aussetzen müssen, kann man plötzlich aggressiver spielen. Ein Schutz-Effekt macht riskantere Züge möglich. Ein Geld-Gambit verändert den gesamten Shop-Plan, weil man früher an stärkere Optionen kommt. Mit einem Bewegungs-Gambit wird aus einer vorher eher mittelmäßigen Figur plötzlich der Star des Runs.
Wenn Figuren plötzlich neue Rollen bekommen
Mit der Zeit beginnt man, Figuren nicht mehr als feste Schachrollen zu sehen. Ein Bauer ist nicht mehr nur ein Bauer. Ein Läufer ist nicht mehr nur ein Läufer. Durch Gambits, Felder und Boss-Effekte werden sie zu Bausteinen eines Builds. Plötzlich läuft ein Bauer gefühlt wie eine Königin, ein Turm übernimmt Aufgaben, die eigentlich ein Läufer machen würde, oder eine Figur wird nur deshalb wertvoll, weil sie einen bestimmten Effekt besonders gut auslösen kann.
Das ist für mich der Moment, in dem Gambonanza klickt. Man spielt nicht mehr „korrektes Schach“. Stattdessen spielt man sein eigenes kleines System. Und wenn dieses System aufgeht, fühlt sich das richtig gut an.
Freischaltungen, Achievements und dieser Sammeltrieb

Gambonanza wirft einem nicht einfach von Anfang an alles komplett vor die Füße. Ein Teil des Reizes liegt darin, nach und nach neue Möglichkeiten freizuschalten, mehr Gambits kennenzulernen und über Achievements den eigenen Fortschritt sichtbar zu machen.
Steam listet aktuell 53 Achievements für Gambonanza. Darunter sind klassische Fortschrittsziele wie das Abschließen des Tutorials, das Erreichen bestimmter Stages oder der erste gewonnene Run. Zusätzlich gibt es Achievements, die sehr deutlich zeigen, welche Systeme das Spiel langfristig pushen möchte: 1.000 Figuren schlagen, 100 Züge überspringen, 100 gegnerische Figuren in Fallen locken, 300 Figuren schützen, 100 Figuren promoten oder 777 Figuren in goldene Figuren verwandeln.
Mehr als nur hübsche Steam-Abzeichen

Das ist clever, weil die Achievements nicht nur hübsche Steam-Abzeichen sind. Sie geben einem auch kleine Ziele, die über den einzelnen Run hinausgehen. Man merkt: Das Spiel will, dass man verschiedene Systeme ausprobiert. Nicht nur gewinnen, sondern auch Fallen nutzen. Nicht nur Figuren schlagen, sondern promoten. Nicht nur Geld ausgeben, sondern wirtschaften. Nicht nur ein Gambit finden, sondern langfristig verstehen, wie verschiedene Effekte funktionieren.
Gerade bei so einem roguelike-artigen Spiel ist das wichtig. Wenn man verliert, bleibt trotzdem Fortschritt im Kopf hängen. Vielleicht hat man ein neues Gambit gesehen, eine neue Kombination verstanden oder ein Achievement teilweise vorangetrieben. Dadurch fühlt sich ein Run selten komplett verschwendet an.
Und das motiviert. Man will nicht nur besser werden, sondern auch wissen, welche Gambits noch fehlen, welche verrückten Effekte es noch gibt und welche Builds komplett eskalieren könnten. Dieser Sammeltrieb passt sehr gut zu Gambonanza, weil das Spiel sowieso vom Experimentieren lebt.
Felder, Fallen und das Brett als Waffe

Neben den Gambits spielen auch die Felder eine wichtige Rolle. Einer der cleversten Punkte an Gambonanza ist nämlich, dass das Brett nicht nur die Fläche ist, auf der gespielt wird. Es wird selbst zum Teil des Builds.
Einzelne Felder lassen sich verändern und mit neuen Eigenschaften versehen. Ein goldenes Feld kann beispielsweise dafür sorgen, dass Geld ins Spiel kommt. Fallen blockieren oder bremsen Gegner aus. Andere Feldtypen können Figuren schützen, kopieren oder auf weitere Weise beeinflussen. Steam nennt explizit Tile-Upgrades, mit denen man Gegner in Fallen halten oder Figuren in geldbringende Goldstücke verwandeln kann. Außerdem gibt es ein Reserve-System, über das man zusätzliche Figuren außerhalb des Bretts lagert und im richtigen Moment einsetzt.
Positionierung wird plötzlich noch wichtiger
So entsteht eine zweite taktische Ebene. Man schaut nicht mehr nur: „Welche Figur kann ich schlagen?“ Sondern auch: „Auf welchem Feld lande ich danach? Was passiert, wenn der Gegner auf dieses Feld zieht? Kann ich eine Figur so positionieren, dass sie nicht nur überlebt, sondern auch einen Effekt auslöst?“
Das macht Gambonanza deutlich räumlicher. Es reicht nicht, einfach die stärkste Figur nach vorne zu werfen. Man will Gegner auf bestimmte Felder locken, eigene Figuren auf sichere Positionen bringen und Kettenreaktionen vorbereiten. Gerade Goldfelder sind spannend, weil sie das Wirtschaftssystem direkt mit dem Brett verbinden. Eine gute Position kann also nicht nur taktisch helfen, sondern auch finanziell.
Dann sind da noch die Fallen. Wenn eine gegnerische Figur auf so einem Feld landet und plötzlich nicht mehr sauber agieren kann, fühlt sich das herrlich fies an. Das sind genau diese kleinen Momente, in denen Gambonanza seinen Humor zeigt. Man hat nicht einfach nur gut gespielt. Man hat dem Gegner eine kleine Gemeinheit auf den Boden gelegt und freut sich dann viel zu sehr darüber, dass sie funktioniert.
Shop, Geld und Roguelike-Progression

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Geldsystem. Wie bei Balatro lohnt es sich, nicht immer sofort alles auszugeben. Wenn man Geld spart, bekommt man Zinsen und kann dadurch langfristig stärker wirtschaften. Das sorgt für eine schöne Entscheidungsebene zwischen „Ich kaufe jetzt sofort etwas Nützliches“ und „Ich spare lieber, damit ich später mehr Möglichkeiten habe“.
Genau solche Systeme machen Roguelikes oft so gefährlich für die eigene Zeitplanung. Nur noch ein Run. Nur noch ein Upgrade. Nur noch ein bisschen mehr Geld.
Der Shop als Herzstück des Runs

Zwischen den Kämpfen besucht man den Shop und muss entscheiden, wie man den Run weiterentwickelt. Kaufe ich ein Gambit, das meinen aktuellen Plan stärkt? Nehme ich eine neue Figur mit, um meine Reserve aufzufüllen? Investiere ich in ein Feld, das mir langfristig Geld oder Kontrolle bringt? Oder rolle ich den Shop neu und hoffe, dass etwas Besseres kommt?
Auf dem Papier klingt das simpel, im Spiel ist es aber extrem wichtig. Gambonanza bestraft schlechte Ökonomie nicht sofort, sondern oft ein paar Runden später. Man gibt zu viel aus, verliert dann eine wichtige Figur, hat kein Geld für Ersatz und steht plötzlich ziemlich traurig auf einem halb zerfallenen Brett. Andersherum fühlt es sich richtig gut an, wenn man früh spart, Zinsen mitnimmt und später genau die Optionen kaufen kann, die den Build komplett zusammenziehen.
Der Shop fühlt sich deshalb nicht wie eine kurze Pause zwischen den Brettern an, sondern wie ein zentraler Teil des Runs. Hier entscheidet sich oft, ob ein Run eine klare Richtung bekommt oder ob man einfach irgendwelche Effekte einsammelt und hofft, dass es schon irgendwie funktioniert. Spoiler: Manchmal funktioniert es. Oft nicht. Aber genau das ist ja der Spaß.
Reserve-System und Figuren-Management
Ein Punkt, der leicht untergeht, aber spielerisch wichtig ist, ist das Reserve-System. Gambonanza beschränkt sich nicht nur auf die Figuren, die gerade auf dem Brett stehen. Man kann zusätzliche Figuren außerhalb des Bretts halten und sie später einsetzen. Steam beschreibt genau dieses Experimentieren „off board“ als Teil des Systems, bei dem man extra Schachfiguren lagert und im richtigen Moment ausspielt.
Das verändert die Art, wie man über Verluste denkt. Eine Figur zu verlieren ist nicht automatisch das Ende, aber es tut trotzdem weh. Schließlich ist jede Figur Teil des langfristigen Runs. Wer zu viele Figuren verheizt, kann vielleicht das aktuelle Brett gewinnen, steht danach aber schlechter da. Genau das unterscheidet Gambonanza von einer einzelnen Schachpartie. Man denkt nicht nur an diesen einen Kampf, sondern an die nächsten Runden.
Rettungsanker, aber kein Freifahrtschein
Die Reserve kann dabei retten, was eigentlich schon verloren wirkt. Eine zusätzliche Figur im richtigen Moment kann einen Gegner blockieren, einen wichtigen Capture ermöglichen oder einfach verhindern, dass man komplett ausgelöscht wird. Gleichzeitig kostet das Einsetzen Zeit und muss gut geplant sein. Es ist also nicht einfach ein Notfallknopf, sondern wieder eine Entscheidung mehr.
Gerade für Einsteiger ist das spannend, weil man dadurch Fehler etwas abfedern kann, ohne dass das Spiel seinen Biss verliert. Man bekommt Möglichkeiten, sich aus einer schlechten Lage zurückzukämpfen. Nutzen muss man sie aber trotzdem richtig.
Bosse, Druck und Schwierigkeit

Auch die Bosskämpfe bringen zusätzliche Würze rein. Zum Full Release nennt das Team acht einzigartige Bosse, die jeweils andere Taktiken verlangen sollen. Nach dem ersten Sieg werden außerdem neue Schwierigkeitsstufen mit zusätzlichen Modifikatoren freigeschaltet.
Bosse sind in Gambonanza nicht einfach nur „mehr Figuren auf dem Brett“. Sie bringen eigene Effekte mit, die den Run plötzlich in eine andere Richtung drücken. Manche Effekte legen bestimmte Figuren lahm, andere verändern den Umgang mit Feldern oder erschweren gewohnte Strategien. Besonders gemein sind Zustände wie Stasis, bei denen eine Figur für mehrere Runden nicht angefasst werden kann. Das zwingt einen dazu, spontan umzudenken.
Wenn der eigene Build plötzlich wackelt
Genau da merkt man, wie gut der Roguelike-Ansatz funktioniert. Ein Build, der in normalen Runden richtig stark wirkt, kann gegen einen Boss plötzlich Probleme bekommen. Vielleicht ist man zu abhängig von einer bestimmten Figur. Vielleicht funktioniert die eigene Bewegung nicht mehr so sauber. Vielleicht hat man zu wenig Reserve. Oder man merkt einfach, dass man zwar einen lustigen Build gebaut hat, aber keinen stabilen.
Dazu kommt der bröckelnde Boden. Wenn man im Spiel zu lange keine Figur schlägt, beginnt sich das Spielfeld aufzulösen. Das ist nicht nur visuell ein netter Stressfaktor, sondern auch mechanisch sinnvoll. Gambonanza verhindert damit, dass man ewig passiv spielt. Stattdessen muss man Risiken eingehen, Positionen ausnutzen und auch mal improvisieren.
Gerade als nicht besonders guter Schachspieler war ich dadurch oft überfordert, aber selten gelangweilt. Und das ist ein wichtiger Unterschied. Gambonanza bestraft Fehler, aber es macht diese Fehler meistens verständlich. Man merkt oft: Okay, das war jetzt nicht unfair. Ich war einfach schlecht. Schmerzhaft ehrlich, aber motivierend.
Schwierigkeit: Zugänglich, aber nicht harmlos
Was Gambonanza für mich so interessant macht, ist diese Mischung aus Zugänglichkeit und Härte. Das Spiel hilft einem beim Einstieg, aber es spielt sich nicht von selbst.
Die Visualisierung der Züge nimmt zwar viel Druck raus, trotzdem muss man Entscheidungen treffen. Diese Entscheidungen werden mit der Zeit immer komplexer. Anfangs fragt man sich nur: „Welche Figur kann ich schlagen?“ Später fragt man sich: „Welche Figur kann ich schlagen, ohne meinen Build zu zerstören, meinen wichtigsten Effekt zu verlieren, auf einem schlechten Feld zu landen oder den Boss nächste Runde komplett eskalieren zu lassen?“
Noob-freundlich, aber nicht anspruchslos
Das ist ein großer Unterschied. Gambonanza startet freundlich, wird aber schnell taktisch. Man kann es auch als Noob spielen und Spaß haben, merkt gleichzeitig aber, wie viel besser man werden könnte. Genau das motiviert enorm.
Besonders angenehm ist, dass Niederlagen meistens nicht komplett frustrierend wirken. Klar, manchmal sitzt man kurz da und denkt: „Wie bitte sollte ich das jetzt wissen?“ Meistens sieht man den Fehler aber recht schnell. Man hat zu gierig gespielt. Zu spät gekauft. Zu wenig auf das Brett geachtet. Den Boss-Effekt unterschätzt. Oder einfach mal wieder eine Figur stehen lassen wie ein Gratis-Snack für den Gegner.
Weil die Runden kompakt genug sind, tut ein Neustart nicht so weh. Genau hier entsteht dieser „Nur noch einmal“-Effekt.
Vergleich mit ähnlichen Spielen
Gambonanza steht nicht komplett allein da. Wer den Grundgedanken spannend findet, kann das Spiel gut neben andere kleine Strategie- und Roguelike-Experimente stellen.
Am offensichtlichsten ist natürlich Balatro, weil beide Spiele ein bekanntes Regelsystem nehmen und es durch Modifikatoren, Synergien und Eskalation neu zusammensetzen. Balatro macht das mit Poker, Gambonanza mit Schach.
Wer speziell den Schach-Roguelike-Ansatz mag, dürfte außerdem an Shotgun King: The Final Checkmate denken. Dort wird Schach ebenfalls auf den Kopf gestellt, allerdings mit einer deutlich anderen Idee: Der König ersetzt seine Armee durch eine Schrotflinte. Auch Steam selbst bietet Gambonanza in einem Bundle mit Shotgun King unter dem Namen „Illegal Chess“ an, was diesen Vergleich ziemlich schön auf den Punkt bringt.
Auch Pawnbarian passt als Vergleich, weil es Schachbewegungen mit einem rundenbasierten Puzzle-Roguelike verbindet. Dort bewegt man den Helden über Karten wie eine Schachfigur durch kleine Dungeons.
Gambonanza sitzt irgendwo zwischen diesen Spielen. Es ist zugänglicher und build-lastiger als klassisches Schach, aber taktischer als reine Glücks- oder Slot-Roguelikes. Wer Balatro mochte und gleichzeitig Lust auf ein Brettspiel-System mit mehr Positionierung hat, könnte hier ziemlich schnell hängenbleiben.
Grafik und Präsentation
Optisch setzt Gambonanza auf eine charmante Retro-Ästhetik mit Pixel-Art und CRT-Filter. Die offizielle Beschreibung spricht von einem kleinen Schachbrett mit hohen Einsätzen, auf dem man regelbrechende Gambits, Tile- und Piece-Kombinationen entdeckt. Diese kompakte Präsentation passt sehr gut zum Spiel, weil Gambonanza nicht nach großem Hochglanz aussehen muss, sondern nach einem kleinen, wilden Strategiespiel.
Das Spiel sieht nicht aus wie ein großes, teures Hochglanzprojekt. Es will das aber auch gar nicht. Stattdessen wirkt alles bunt, kompakt, verspielt und leicht schräg. Dieser Stil passt extrem gut zur Spielidee, weil Gambonanza eben kein ehrfürchtiges Schachspiel mit Marmorbrettern und ernster Klassikmusik sein möchte. Es ist eher die verrückte kleine Arcade-Version von Schach, bei der das Brett plötzlich Geld ausspuckt, Felder Fallen stellen und Bosse einem die Tour vermasseln.
Lesbarkeit vor Hochglanz
Wichtig ist auch: Die Lesbarkeit stimmt. Gerade bei einem taktischen Spiel ist das entscheidend. Man muss schnell erkennen können, welche Figur wo steht, welche Züge möglich sind und welche Effekte gerade aktiv sind. Da Gambonanza viele Informationen auf kleinem Raum unterbringt, hätte das schnell unübersichtlich werden können. In meinen Eindrücken blieb es aber erstaunlich gut verständlich, auch weil mögliche Züge und Aktionen klar visualisiert werden.
Natürlich kann es je nach Run und Anzahl der Effekte mal wuselig werden. Aber das gehört hier fast ein bisschen dazu. Gambonanza lebt von diesem Gefühl, dass das kleine Brett langsam immer absurder wird.
Sound
Der Sound von Gambonanza ist weniger der Bereich, über den man stundenlang philosophieren muss. Trotzdem erfüllt er seinen Zweck sehr gut. Die akustische Präsentation unterstützt diesen leicht chaotischen, spielerischen Retro-Charme, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen.
Gerade bei einem Spiel, das man wahrscheinlich in mehreren Runs spielt, ist das wichtig. Musik und Effekte dürfen nicht nerven, sondern müssen diesen „Nur noch eine Runde“-Flow unterstützen. Gambonanza wirkt hier eher charmant als aufdringlich. Kleine Sounds für Aktionen, Treffer, Effekte und Belohnungen geben dem Spiel genug Feedback, damit sich Züge und Entscheidungen angenehm greifbar anfühlen.
Besonders wichtig ist das bei den Momenten, in denen eine Figur geschlagen wird oder ein Effekt auslöst. Das Spiel lebt davon, dass man seine Aktionen direkt versteht. Wenn ein Gegner blockiert wird, ein Feld etwas auslöst oder eine Figur vom Brett fliegt, muss das nicht nur visuell, sondern auch akustisch klar ankommen.
Der Sound ist damit kein riesiger Showstopper, aber ein sauberer Teil des Gesamtpakets. Er gibt dem Spiel Persönlichkeit, unterstützt die Retro-Stimmung und trägt dazu bei, dass die einzelnen Runs angenehm flüssig wirken.
Steam-Rezeption

Auch auf Steam scheint Gambonanza aktuell gut anzukommen. Zum Zeitpunkt unseres Tests liegt das Spiel bei „Sehr positiv“. Rund 81 Prozent der 519 Nutzerrezensionen fallen positiv aus. Natürlich kann sich dieser Wert mit weiteren Bewertungen noch verändern, die erste Richtung ist aber klar.
Das passt ziemlich gut zu meinem eigenen Eindruck. Gambonanza ist kein riesiges Hochglanzspiel und auch kein Titel, der jeden sofort abholen wird. Aber es hat eine klare Idee, einen starken Loop und genug Eigenheiten, um aus der Masse kleiner Roguelike-Experimente herauszustechen.
Ich verstehe sehr gut, warum viele Spieler diesen Balatro-Vergleich ziehen. Nicht, weil es sich identisch spielt, sondern weil es diesen gefährlichen Sog hat. Man verliert, ist kurz genervt, sieht aber direkt drei Dinge, die man beim nächsten Run besser machen könnte. Und plötzlich ist eine Stunde weg.
Fazit zu Gambonanza
Gambonanza ist eines dieser Spiele, bei denen man am Anfang denkt: „Okay, witzige Idee.“ Ein paar Runs später sitzt man dann vor einem völlig absurden Brett und überlegt ernsthaft, ob man jetzt einen Bauern opfert, um später mit einem Goldfeld, einem Gambit und einem Boss-Effekt irgendeinen komplett bekloppten Masterplan auszulösen.
Für mich funktioniert Gambonanza vor allem deshalb so gut, weil es Schach nicht wie ein elitäres Denkspiel behandelt. Man muss kein Profi sein, um reinzukommen. Die Visualisierung der Züge hilft enorm, während Gambits, Feldmechaniken und Shop-System genug Tiefe liefern, um langfristig zu motivieren.
Nicht alles ist perfekt. Die vielen Effekte und Sonderregeln können anfangs etwas überfordern, und wer eine große Story oder ein ruhiges Schachspiel erwartet, ist hier eher falsch. Trotzdem fühlen sich Niederlagen selten verschwendet an, weil man fast immer etwas daraus mitnimmt.
Wer Balatro mochte, Schach zumindest grob interessant findet oder generell Lust auf clevere Roguelike-Systeme hat, sollte Gambonanza definitiv im Auge behalten. Es ist kein klassisches Schachspiel. Es ist Schach nach drei Energy-Drinks, mit Jahrmarktlichtern, kaputten Regeln und einem sehr gefährlichen „Nur noch eine Runde“-Effekt.
Und obwohl ich wirklich nicht gut darin war, hatte ich verdammt viel Spaß damit. Vielleicht ist genau das das größte Kompliment, das man einem Schach-Roguelike machen kann.
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