Auf den ersten Blick wirkt Obsidians Avowed wie ein vertrautes Game, ein klassisches Fantasy-Rollenspiel im Stile von The Elder Scrolls: Schwerter und Schilde kreuzen sich im Tanz des tödlichen Gefechts, während Arkane Magie und tödliche Feuerwaffen das Schlachtfeld mit Blitzen, Feuer und bunten Farben erhellen. Doch schnell wird klar, dass der wahre Kern des Spiels nicht im Kampf, sondern in der Geschichte selbst steckt. Diese dreht sich um Macht und Autorität – jene, die euch als Abgesandte eines fernen Imperiums übertragen wird, um über das Schicksal der Lebenden Lande zu entscheiden.
Hier entfaltet sich die narrative Stärke von Avowed. Es ist ein Spiel, das euch zwingt, über eure eigene Autorität nachzudenken – über die Verantwortung der Mächtigen und die Ohnmacht der Beherrschten. Eure Entscheidungen bestimmen, ob ihr als wohlwollender Diplomat, skrupelloser Eroberer oder gar als Abtrünniger agiert. Doch genau diese erzählerische Stärke wird durch ein Spielgerüst eingeschränkt, das nicht immer in der Lage ist, die erzählte Tiefe angemessen zu spiegeln.

Avowed – Eine Welt zwischen Schönheit und Unbehagen
Die Welt von Avowed ist eine vielschichtige Kulisse, deren Anblick an die karibischen Gefilde vor der europäischen Kolonialisierung erinnert: türkisfarbene Buchten, zerfallene Ruinen und eine Architektur aus warmem Sandstein. Doch unter der Oberfläche dieser exotischen Idylle liegt der Schatten der imperialen Expansion. Eure Mission? Die Erforschung einer mysteriösen Seuche, die die Lebenden Lande befallen hat und die die weitere Besiedlung verhindert – ein Auftrag, der euch nicht nur mit moralischen Dilemmata konfrontiert, sondern auch mit diplomatischen Krisen.
Die Stahlgarotte, eine gnadenlose Eliteeinheit aus eurem Heimatreich Aedyr, wütet bereits vor Ort und hinterlässt eine Spur der Zerstörung. Eure Position bleibt prekär: Einerseits seid ihr der Repräsentant des Imperiums, andererseits bietet euch das Spiel Freiheiten, um gegen diese Maschinerie der Unterdrückung zu arbeiten. Wollt ihr dem kolonialen Bestreben Aedyrs folgen oder einen alternativen Pfad einschlagen? Das Spiel fordert euch heraus, euch in der Grauzone zwischen Loyalität und Verrat zu bewegen.

Begleiter – Stimmen im moralischen Zwiespalt
Ein Rollenspiel lebt von seinen Figuren, und Avowed bietet eine Gruppe scharf gezeichneter Persönlichkeiten, die euren Weg begleiten. Jeder von ihnen betrachtet die Lebenden Lande mit eigenen Augen:
- Kai, ein Soldat und Söldner, der sich nach Frieden sehnt, aber dennoch bereit ist, mit Donnerbüchse an eurer Seite zu kämpfen.
- Marius, ein Fährtensucher, dessen Kenntnisse der Wildnis euch von unsichtbaren Gefahren bewahren.
- Giatta, eine Gelehrte der Beseelung, die sich mit Heilmagie und Schutzzaubern als wertvolle Verbündete erweist.
- Yatzli, eine Zauberin, die die Geheimnisse der Ruinen erforscht und mit Angriffszaubern brilliert.
Ihre Ansichten ergänzen nicht nur die Geschichte, sondern dienen auch als Spiegel eurer eigenen Entscheidungen – ein Element, das die Erzählstruktur des Spiels umso eindrucksvoller macht.

Avowed – Graue NPCs und monotone Quests
So faszinierend die moralischen Konflikte und die erzählerische Dichte von Avowed auch sein mögen, so enttäuschend präsentieren sich seine spielmechanischen Aspekte. Das Design der Gegner bleibt wenig inspirierend, die NPCs wirken oft leblos und die Nebenquests – eigentlich eine Königsdisziplin guter Rollenspiele – entpuppen sich als uninspirierte Pflichtaufgaben. Während man in der Hauptstory in komplexe politische Machenschaften verwickelt wird, degradieren die Nebenaufträge den Spieler zur Botenfigur für triviale Aufträge.
Besonders störend ist die Leblosigkeit der Bevölkerung. Weder besitzen diese einen Tagesablauf oder bestimmte Aufgaben, denen Sie nachgehen, noch stören Sie sich daran, wenn man Ihnen die Habseligkeiten aus der Bude räumt.
Man könnte dies noch als „Rollenspiel Light“ abtun, doch schwerer wiegt die hölzerne Mimik der Bewohner von Avowed. Egal, wie tragisch ein Schicksalsschlag auch sein mag – ihre Gesichter bleiben seltsam unbeteiligt. Emotionale Tiefe geht dabei oft verloren, was bedauerlich ist, denn die Geschichte hätte durchaus das Potenzial für mitreißende Dramatik.
Ein weiteres Problem: Die Welt von Avowed ist zwar atmosphärisch schön gestaltet mit einer eindrucksvoll ausgereizten Farbpalette, doch die allgegenwärtige Bedrohung durch den Pilz und dessen Design wecken unweigerlich Assoziationen mit dem Zombiepilz aus The Last of Us. Statt einzigartiger Weltgestaltung verliert sich Avowed in bekannten Mustern und verschenkt dadurch das vorhandene Potenzial.
Wuchtig aber simpel
Etwas mehr Dynamik liefert das Kampfsystem, das mit einer großen Auswahl an Waffen und Fertigkeiten bestritten werden kann. Avowed mag in diesem Bereich nicht besonders anspruchsvoll oder innovativ sein, doch die Kämpfe fühlen sich meist wuchtig an und es macht durchaus Spaß, den Gegnern ordentlich zuzusetzen.
Die Steuerung erinnert dabei stark an das Genre-Urgestein Skyrim. Die Hände können je nach bevorzugter Waffe mit Einhand-, Zweihandwaffen, Pistolen oder Macheten ausgerüstet werden, und Angriffe erfolgen über die linke oder rechte Maustaste. Ein längeres Gedrückthalten führt zu einem stärkeren Hieb – eine Mechanik, die sich vertraut anfühlt, aber solide umgesetzt ist.

Neben dem Ausweichen und Blocken feindlicher Angriffe könnt ihr mit kleinen Bomben oder offensiven Zaubersprüchen zusätzlichen Schaden anrichten. Die allgegenwärtige Seuche in den Lebenden Landen beeinflusst das Verhalten der Kreaturen, was zu einer spürbaren Bedrohung beiträgt.
Neben Lebens- und Mana-Leiste gibt es auch eine Ausdaueranzeige, die für alle relevanten Kampfaktionen benötigt wird. Um den Kampfstil weiter zu verfeinern, stehen verschiedene Skilltrees zur Verfügung, in denen sich nach einem Levelaufstieg neue Fähigkeiten und Vorteile freischalten lassen – sowohl für den eigenen Charakter als auch für die Begleiter, die jeweils über eigene Talentbäume verfügen.
Das ist zwar alles schon einmal da gewesen, Laune macht es aber trotzdem!
Sammeln und Basteln
Zum Glück ist der Skilltree nicht die einzige Möglichkeit, den Protagonisten in Avowed zu stärken. Auf eurer Reise sammelt ihr eine Vielzahl an Waffen und Rüstungen, und schon nach kurzer Zeit quillt das Inventar über.
Hier haben die Entwickler jedoch mitgedacht: Anstatt euch dazu zu zwingen, ständig zum Händler zu laufen, um das Gewichtslimit wieder zu unterschreiten, bietet das Spiel zwei komfortable Optionen an. Gegenstände können entweder direkt ins Lager teleportiert oder in ihre Bestandteile zerlegt werden.
Besonders clever: Die zerlegten Materialien haben kein Gewicht mehr, sodass das Inventar-Management selten länger als eine Minute dauert. Eine kleine, aber sehr angenehme Erleichterung!
Die gewonnenen Materialien eigenen sich später im Lager zur Verbesserung der Lieblingswaffen. Theoretisch lässt sich sogar ein einfaches Starter-Schwert so weit optimieren, dass es bis ins Endgame stark genug bleibt. Das System ist zwar simpel, schafft aber dennoch Anreize, stets nach Upgrade-Materialien Ausschau zu halten.
Für zusätzliche Vorbereitung auf die Gefahren der Lebenden Lande bietet das Begleiterlager die Möglichkeit, Buff-Food und Heiltränke herzustellen – eine nützliche Unterstützung für kommende Herausforderungen.
Avowed – flüssiges Gameplay, schicke Landschaften
Abseits des spielerischen Inhalts zeigt sich Avowed in einem ausgereiften Zustand. Die Ladezeiten dauern selten länger als einige Sekunden, und das Spielerlebnis läuft selbst auf einem durchschnittlichen Gaming-PC durchweg flüssig. Unabhängig davon, wie viele Gegner oder Zaubereffekte gleichzeitig auf dem Bildschirm toben, bleiben spürbare Frame-Drops aus.
Optisch hat Avowed ebenfalls einiges zu bieten. Besonders die detailreich gestalteten Außenareale und die hervorragende Lichtstimmung stechen hervor. Egal ob dunkler Wald, nebliger Sumpf oder karge Vulkanlandschaft – natürliche Lichtquellen erschaffen überall eine atmosphärische Beleuchtung und tauchen auch die trostlosesten Gebiete in ein beeindruckendes Farbenspiel.
Außerdem präsentiert sich Avowed erfreulich stabil, so dass während des gesamten Spieldurchlaufs keine Abstürze auftraten, und auch Bugs eine selten Ausnahme geblieben sind.
Starke Story im Korsett spielerischer Konventionen
Avowed ist ein Spiel der Gegensätze. Auf narrativer Ebene wagt es den Diskurs über Macht, Moral und die Natur der Kolonialisierung. Es zwingt die Spielerinnen und Spieler, sich mit ihrer eigenen Rolle auseinanderzusetzen und präsentiert moralische Entscheidungen, die weit über einfache Gut-und-Böse-Kategorien hinausgehen.
Doch diese komplexe Erzählung wird leider nicht von den hölzernen Charakteren getragen. Das Gameplay bleibt oft simpel, die Kämpfe folgen einem vorhersehbaren Muster, und die Nebenquests bleiben zu belanglos, um echte Tiefe zu bieten. So schöpft die wunderschön gestaltete Welt ihr Potenzial nicht aus. Während die Hauptgeschichte als spannende Erzählung überzeugt, wirkt das Drumherum zu generisch.
Was bleibt, ist ein Titel, der sich zwischen zwei Extremen bewegt: eine Geschichte, die ihresgleichen sucht, und ein Gameplay, das nicht in der Lage ist, ihr gerecht zu werden.
Co-Autor: Goetenklott