Marvel und Kampfspiele haben eine lange gemeinsame Geschichte. Vor allem Marvel vs. Capcom hat über Jahre hinweg gezeigt, wie gut sich die überzeichnete Dynamik von Superhelden mit schnellen Tag-Team-Kämpfen verbinden lässt. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an Marvel Tokon: Fighting Souls, das von Arc System Works in Zusammenarbeit mit Sony und Marvel Games entwickelt wurde. Das Ergebnis fühlt sich allerdings nicht wie ein bloßer geistiger Nachfolger zu Marvel vs. Capcom an. Stattdessen kombiniert Arc System Works seine Erfahrungen aus Guilty Gear Strive und Dragon Ball FighterZ mit einem ungewöhnlichen Vier-gegen-Vier-System, einem starken Anime-Look und enorm hohen Produktionswerten. Gerade dadurch entwickelt Marvel Tokon: Fighting Souls schnell eine eigene Identität. Das Spiel ist leicht zugänglich, bietet aber genügend Tiefe für erfahrene Fighting-Game-Spieler. Dazu kommen ein starker Kader, hervorragend inszenierte Charaktere und mehrere Einzelspielermodi. Lediglich der Crossplay-Start leidet unter Problemen der PC-Version, während die PS5-Fassung selbst ausgesprochen sauber läuft.
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Vier gegen vier statt klassischem Tag-Team
Die größte Besonderheit von Marvel Tokon: Fighting Souls ist sein Vier-gegen-Vier-System. Auf dem Papier klingt das zunächst chaotisch. Vier Figuren pro Team könnten schnell dazu führen, dass Kämpfe unübersichtlich werden oder sich unnötig in die Länge ziehen. Tatsächlich funktioniert das System erstaunlich gut. Im Kern lässt sich Marvel Tokon weiterhin wie ein klassisches Eins-gegen-Eins-Kampfspiel spielen. Der aktive Charakter steht im Mittelpunkt, während die restlichen Teammitglieder verschiedene Unterstützungsfunktionen übernehmen. Diese Assists können beispielsweise als Anti-Air-Angriffe eingesetzt werden oder bestimmte Bereiche des Bildschirms kontrollieren. Dadurch entsteht bereits auf grundlegender Ebene eine überraschend große taktische Vielfalt. Je tiefer man sich in das System einarbeitet, desto wichtiger werden allerdings direkte Wechsel. Charaktere lassen sich in laufende Kombos integrieren, wodurch deutlich längere Angriffsketten entstehen können. Die Tag-Mechanik fühlt sich dabei nicht immer ganz so unmittelbar an, wie sie sollte. Wechsel reagieren stellenweise etwas träge, besonders im Vergleich zur ansonsten sehr schnellen Steuerung. Trotzdem besitzt das System enorm viel Potenzial. Gerade im kompetitiven Bereich dürfte es spannend werden zu beobachten, welche Teamkombinationen und Assist-Strategien sich langfristig durchsetzen.

Ein Fighting Game für Einsteiger und Profis
Trotz der vielen Systeme bleibt Marvel Tokon überraschend zugänglich. Das Tutorial fällt zwar zunächst etwas umfangreich aus, erklärt aber die wichtigsten Grundlagen nachvollziehbar. Automatische Kombos ermöglichen schnelle Erfolge, während Spezialangriffe mit vereinfachten Eingaben ausgelöst werden können. Dadurch können auch Spieler ohne große Fighting-Game-Erfahrung bereits nach kurzer Zeit spektakuläre Attacken ausführen. Erfahrene Spieler finden unter dieser zugänglichen Oberfläche jedoch deutlich mehr Tiefe. Jeder Charakter besitzt individuelle Kombos, Spezialmechaniken und taktische Möglichkeiten. Die Grundbefehle ähneln sich zwar häufig, wodurch sich neue Figuren relativ schnell ausprobieren lassen, doch ihre eigentlichen Stärken erfordern deutlich mehr Übung. Das ist eine der größten Qualitäten des Spiels. Marvel Tokon schafft es, Neueinsteiger nicht sofort zu verschrecken, ohne erfahrenen Spielern langfristig die Herausforderung zu nehmen.
Zum Start stehen 20 spielbare Figuren zur Verfügung. Natürlich dürfen bekannte Namen wie Spider-Man, Iron Man, Hulk oder Captain America nicht fehlen. Gleichzeitig hat Arc System Works auch weniger offensichtliche Charaktere berücksichtigt. Besonders interessant ist beispielsweise Danger aus den X-Men-Comics. Solche ungewöhnlicheren Ergänzungen verhindern, dass der Kader ausschließlich wie eine Aufzählung der bekanntesten Marvel-Gesichter wirkt. Spielerisch unterscheiden sich sämtliche Charaktere erfreulich stark. Captain America kann seinen Schild sowohl defensiv als auch offensiv einsetzen. Er lässt ihn über den Bildschirm fliegen, kontrolliert damit Bereiche und kann gleichzeitig Angriffe blockieren. Ghost Rider besitzt hingegen ein eigenes Überhitzungssystem. Je stärker seine Hitze ansteigt, desto gefährlicher wird er. Übertreibt man es jedoch, entstehen wiederum Nachteile. Diese Mechaniken passen hervorragend zu den jeweiligen Figuren. Arc System Works versteht es, Charaktereigenschaften nicht nur optisch, sondern auch spielerisch abzubilden.

Marvel trifft auf Anime
Visuell gehört Marvel Tokon: Fighting Souls zu den beeindruckendsten Fighting Games der letzten Jahre. Arc System Works überträgt bekannte Marvel-Figuren in einen klar erkennbaren Anime-Stil, ohne ihre ursprüngliche Identität zu verlieren. Iron Mans Rüstung erinnert beispielsweise stark an einen Gundam, während Peni Parker mit ihrem riesigen Sp//dr-Mech große Teile des Bildschirms einnimmt. Die Animationen sind hervorragend. Jede Bewegung wirkt bewusst inszeniert, Angriffe besitzen enormen Impact und selbst kleine Übergänge zwischen Kombos sehen flüssig aus. Gerade hier zeigt sich die Erfahrung des Studios mit Guilty Gear Strive und Dragon Ball FighterZ. Auch die Arenen überzeugen optisch. Besonders Marvels New York und das X-Mansion sind vollgestopft mit kleinen Details und Easter Eggs. Ein paar zusätzliche Schauplätze hätten dem Spiel zum Start allerdings gutgetan. Die vorhandenen Arenen sind hochwertig, die Auswahl wirkt aber etwas knapp.
Marvel Tokon besitzt eine überraschend umfangreiche Einzelspielerkampagne. Diese ist in fünf Episoden aufgeteilt, die jeweils unterschiedliche Teams in den Mittelpunkt stellen. Präsentiert werden die Geschichten als animierte Comics. Das Besondere daran ist, dass jede Episode von einem anderen Künstler gestaltet wurde. Dadurch erhalten die verschiedenen Handlungsstränge ihren eigenen visuellen Charakter. Betten Court verleiht der Amazing-Guardians-Geschichte beispielsweise einen niedlichen, stark von Shonen-Manga beeinflussten Stil. Mike Deodato setzt die Knights-of-Doom-Episode dagegen wesentlich düsterer und stärker an westlichen Comics orientiert um. Geschrieben wurden sämtliche Geschichten von Kieron Gillen. Gerade die Charakterisierung einzelner Figuren überzeugt. Besonders Robbie Reyes als Ghost Rider erhält interessante Momente, in denen seine innere Zerrissenheit stärker beleuchtet wird.

Klassisch, aber hochwertig erzählt
Spielerisch folgen die Kampagnen einem recht klassischen Muster. Zwischensequenzen werden von Kämpfen unterbrochen, anschließend folgt die nächste Storysequenz. Große spielerische Freiheiten wie im World-Tour-Modus von Street Fighter 6 sollte man nicht erwarten. Dadurch bleibt der Einzelspielermodus vergleichsweise linear. Die starke Inszenierung gleicht dies jedoch weitgehend aus. Die verschiedenen Kunststile, hervorragende Sprecher und unterhaltsame Dialoge sorgen dafür, dass die fünf Episoden durchgehend sehenswert bleiben. Je nach Können benötigt man ungefähr sechs bis acht Stunden, um alle Geschichten abzuschließen. Damit bietet Marvel Tokon deutlich mehr Solo-Inhalte als viele klassische Fighting Games, erreicht aber nicht ganz die außergewöhnliche Vielfalt eines Street Fighter 6. Neben der Story gibt es weitere Einzelspielermodi. Die All-Star Arena erinnert an einen klassischen Arcade-Modus mit verzweigten Wegen. Je nach gewählter Route kämpft man gegen unterschiedliche Teams und schaltet am Ende exklusive Illustrationen für die Galerie frei.
Hinzu kommt ein Survival-Modus mit leichten Roguelite-Elementen. Dieser sorgt für zusätzliche Abwechslung und motiviert dazu, unterschiedliche Charakterkombinationen auszuprobieren. Etwas ungewöhnlicher ist Arcadia Rumble. Hier werden die niedlichen Chibi-Avatare aus der Online-Lobby in einen Partyspiel-Modus verfrachtet, der teilweise an Mario Party erinnert. Dieser lässt sich sowohl offline als auch online spielen. Die Idee ist charmant und sorgt für Abwechslung, gehört aber nicht zu den stärksten Bestandteilen des Spiels. Wer Marvel Tokon hauptsächlich wegen der Kämpfe spielt, dürfte diesen Modus eher gelegentlich ausprobieren. Combo Trials und spezielle Charakterlektionen runden das Offline-Paket ab.

Online grundsätzlich stark
Langfristig dürfte Marvel Tokon vor allem vom Online-Modus leben. Das Rollback-Netcode-System funktioniert auf der PS5 überwiegend sehr gut. Kämpfe gegen andere PS5-Spieler liefen im Test nahezu problemlos. Allerdings sorgt die PC-Version aktuell für Schwierigkeiten im Crossplay. Unter anderem können langsamere SSDs auf der PC-Seite während Arenenwechseln kurze Unterbrechungen verursachen. Solche Probleme beeinflussen dann auch Konsolenspieler, obwohl die PS5-Version selbst technisch sauber arbeitet. Gelegentlich kann natürlich auch eine schlechte Internetverbindung des Gegners für Probleme sorgen. Insgesamt macht der Online-Modus auf der PS5 jedoch einen stabilen Eindruck. Lediglich in Casual Matches kann es teilweise länger dauern, einen Gegner zu finden.
Die PS5-Fassung läuft ausgesprochen sauber und profitiert auf der PS5 Pro von einer sehr stabilen Präsentation. Besonders positiv fällt die DualSense-Unterstützung auf. Während viele Fighting Games die besonderen Funktionen des Controllers kaum nutzen, arbeitet Marvel Tokon mit kleinen haptischen Details. Gerade während der Storyepisoden sorgen unterschiedliche Vibrationen und Effekte für zusätzliche Atmosphäre. Auch das Intro nutzt den Controller überraschend kreativ. Natürlich werden viele ambitionierte Spieler weiterhin auf Arcade Sticks oder Fightpads setzen, doch für normale DualSense-Nutzer ist die Umsetzung hervorragend.

Stimme, Musik und Persönlichkeit
Auch akustisch überzeugt Marvel Tokon. Die Sprecher liefern durchgehend starke Leistungen. Besonders Nolan North als Deadpool fällt durch zahlreiche situationsabhängige Kommentare auf. Deadpool bricht regelmäßig die vierte Wand, macht sich über andere Fighting Games lustig und kommentiert sogar frühere Spiele von Arc System Works. Solche kleinen Details verleihen dem Kader zusätzliche Persönlichkeit. Der Soundtrack deckt eine breite Palette verschiedener Stile ab. Heavy Metal trifft auf elektronische Musik und J-Pop. Besonders Peni Parkers Theme bleibt schnell im Ohr und passt hervorragend zum überdrehten Gesamtstil. Marvel Tokon ist klar als langfristig unterstütztes Fighting Game konzipiert.
Arc System Works hat bereits angekündigt, das Spiel über einen längeren Zeitraum mit neuen Figuren und Inhalten zu erweitern. Als erster DLC-Charakter soll Phoenix Cyclops folgen. Das Studio hat bereits mit Dragon Ball FighterZ und Guilty Gear Strive gezeigt, dass es seine Spiele über Jahre hinweg erfolgreich unterstützen kann. Ob tatsächlich der ambitionierte langfristige Plan aufgeht, hängt natürlich stark davon ab, wie groß und aktiv die Community bleibt. Das Fundament dafür ist allerdings hervorragend. Schon zum Release besitzt Marvel Tokon genug Inhalt, spielerische Tiefe und Persönlichkeit, um unabhängig von zukünftigen Erweiterungen zu überzeugen.

Fazit
Marvel Tokon: Fighting Souls ist eines der spannendsten Fighting Games der vergangenen Jahre und zeigt eindrucksvoll, was passieren kann, wenn Marvel, Sony und Arc System Works ihre jeweiligen Stärken miteinander verbinden. Das Vier-gegen-Vier-System wirkt zunächst ungewöhnlich, entwickelt aber schnell enorme taktische Tiefe. Gleichzeitig sorgen Auto-Kombos und vereinfachte Spezialangriffe dafür, dass auch Neueinsteiger problemlos spektakuläre Kämpfe erleben können. Der abwechslungsreiche Kader, die herausragenden Animationen und die individuellen Mechaniken der Figuren gehören zu den größten Stärken des Spiels.
Auch Einzelspieler erhalten mit fünf aufwendig gestalteten Comic-Kampagnen, All-Star Arena, Survival und weiteren Modi überraschend viel Inhalt. Nicht alles ist perfekt. Der Tag-Wechsel könnte etwas unmittelbarer reagieren, die Arenenauswahl fällt etwas knapp aus und Arcadia Rumble wirkt eher wie ein netter Bonus als ein echtes Highlight. Zum Start stören außerdem technische Probleme der PC-Version das eigentlich sehr gute Crossplay-Erlebnis. Die PS5-Version selbst präsentiert sich dagegen ausgesprochen stabil und punktet zusätzlich mit hervorragender DualSense-Unterstützung. Marvel Tokon: Fighting Souls ist damit nicht einfach Marvel vs. Capcom im Anime-Look. Es ist ein eigenständiges, selbstbewusstes Fighting Game mit einer klaren Identität und einer hervorragenden Grundlage für viele weitere Jahre.

