Der The Prisoner – DLC ist stellenweise das bessere REANIMAL – und genau deshalb ist seine Kürze so ärgerlich. Schon das Hauptspiel konnte vor allem mit seiner grotesken Bildsprache, seinen starken Setpieces und dieser eigentümlichen Mischung aus melancholischem Horror und schwarzem Humor überzeugen. Weniger sicher war sich REANIMAL dagegen immer dann, wenn seine faszinierende Welt auch spielerisch oder erzählerisch zusammenfinden sollte. Vieles blieb bewusst rätselhaft, manches allerdings auch schlicht zu lose miteinander verbunden. Den ausführlichen Review-Artikel zu REANIMAL findet ihr hier.
Mit The Prisoner, dem ersten von drei geplanten DLCs, setzt Tarsier Studios genau dort an. Die Erweiterung ist fokussierter, abwechslungsreicher und besitzt mit der neuen Kamera sogar eine Mechanik, die hervorragend zu dieser Welt passt.
Nur ist alles vorbei, kaum dass es richtig begonnen hat.
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Vom ersten Moment an unter Druck
The Prisoner führt zwei neue Figuren ein: den Soldier und den Prisoner. Über ihre Vergangenheit erfahren wir erneut kaum etwas. Stattdessen wirft uns das Spiel unmittelbar in ein Kriegsgebiet.
Bereits der Einstieg unterscheidet sich deutlich vom Hauptspiel. Nach einem Sprung aus einem Flugzeug landen wir mitten zwischen Bombardements, Soldaten und zerstörten Gebäuden. Der Horror entsteht weniger aus dem langsamen Herantasten an unbekannte Kreaturen, sondern aus permanenter Bedrohung.
Besonders stark ist eine frühe Verfolgung durch einen Soldaten mit Flammenwerfer. Während wir durch ein heruntergekommenes Gebäude fliehen, setzt unser Verfolger die Umgebung Stück für Stück in Brand. Hier funktioniert REANIMAL hervorragend: Bewegung, Inszenierung und Zusammenarbeit greifen ineinander, ohne dass das Spiel dafür große Erklärungen benötigt.

Die Kamera ist genau das richtige Werkzeug
Die beste Neuerung des DLCs ist allerdings eine Polaroidkamera.
Was zunächst wie ein weiteres skurriles Objekt dieser ohnehin bizarren Welt wirkt, entwickelt sich schnell zu einer überraschend vielseitigen Mechanik. Die Kamera wird für Schnellreise eingesetzt, greift später aber auch direkt in Rätsel und Gegnerbegegnungen ein.
Das klingt zunächst nur nach einer kleinen Ergänzung, trifft aber einen entscheidenden Punkt: Die Kamera verbindet die Ästhetik von REANIMAL endlich stärker mit seinem Gameplay. Im Hauptspiel waren die Monster, Räume und verstörenden Bilder häufig interessanter als die Mechaniken, mit denen wir uns durch sie bewegten. The Prisoner beginnt, diese Lücke zu schließen. Die Kamera fühlt sich nicht wie ein beliebiges Puzzle-Werkzeug an, sondern wie etwas, das tatsächlich aus dieser Welt stammen könnte.
Gleichzeitig stärkt sie den Koop. Einer beobachtet und kontrolliert die Situation, während der andere handelt. Dadurch entsteht genau jene Form gemeinsamer Interaktion, von der REANIMAL spielerisch stärker profitieren kann. Deshalb ist sie nicht nur die beste Neuerung des DLCs, sondern eine Mechanik, die bereits im Hauptspiel ein Gewinn gewesen wäre.

Mehr spielerisches Selbstvertrauen
Auch abseits der Kamera wirkt The Prisoner experimentierfreudiger. Eine Motorradsequenz lässt uns beispielsweise über eine zerstörte Straße rasen und gleichzeitig Gegner mit einem Geschütz bekämpfen. Andere Passagen wechseln zwischen Schleichen, Flucht und kurzen Actionmomenten. Das passt hervorragend zu REANIMAL. Schon das Hauptspiel war schließlich weniger ein mechanisch komplexes Horror-Abenteuer als eine Abfolge immer neuer Albtraumszenarien. Der Unterschied liegt darin, dass sich diese Setpieces hier etwas stärker voneinander unterscheiden und häufiger auch spielerisch eine eigene Idee besitzen.
The Prisoner zeigt damit ziemlich deutlich, wo die Stärken dieser Reihe liegen könnten: nicht im immer gleichen Schleichen und Klettern, sondern in kleinen, ungewöhnlichen Mechaniken, die aus der jeweiligen Situation heraus entstehen.
Und dann endet der DLC.

Kaum interessant geworden, schon vorbei
Denn beim größten Kritikpunkt fällt das Urteil deutlich aus: Eine Spielzeit von ungefähr einer Stunde ist für diese Erweiterung schlicht zu wenig. Nicht einmal unbedingt deshalb, weil jeder DLC eine bestimmte Anzahl an Stunden bieten müsste. Ein konzentriertes Horrorerlebnis kann problemlos kurz sein. The Prisoner fühlt sich jedoch nicht wie eine abgeschlossene kurze Geschichte an. Es fühlt sich wie das erste Drittel einer größeren Erweiterung an.
Neue Figuren werden eingeführt, erzählerische Fragen aufgebaut und Mechaniken etabliert – doch kaum haben wir uns an sie gewöhnt, läuft bereits der Abspann. Gerade die Motorradsequenz steht exemplarisch dafür: Sie eröffnet plötzlich eine komplett andere Form von Gameplay, bekommt aber kaum Gelegenheit, sich zu entwickeln.
Dasselbe gilt für die Kamera. Sie zeigt, wie sehr zusätzliche Werkzeuge REANIMAL bereichern können, doch auch ihr Potenzial wird innerhalb dieser kurzen Episode nur angerissen. Die Qualität des DLCs verschärft damit paradoxerweise sein größtes Problem. Wären die neuen Ideen uninteressant, würde ihre Kürze weniger schmerzen.
Aber The Prisoner ist richtig gut. Und gerade deshalb möchte man mehr davon.

Auch erzählerisch fehlt der Abschluss
Die fragmentarische Struktur betrifft allerdings nicht nur das Gameplay. Bereits beim Hauptspiel besteht die Schwierigkeit darin, dass dessen bewusst kryptische Erzählweise gelegentlich den Punkt überschreitet, an dem aus faszinierender Mehrdeutigkeit einfach fehlende Verbindung wird. The Prisoner beginnt zunächst etwas fokussierter. Das Kriegsszenario gibt der Episode einen klaren Rahmen, während die beiden neuen Figuren genügend Fragen aufwerfen, um Interesse an ihrer Geschichte zu erzeugen. Nur beantwortet die Erweiterung praktisch keine davon.
Das ist offensichtlich Absicht: The Prisoner bildet lediglich den Auftakt einer aus drei DLCs bestehenden Geschichte. Als Gesamtwerk kann dieses Konzept hervorragend funktionieren. Als einzelner kostenpflichtiger DLC bleibt allerdings ein unbefriedigendes Gefühl zurück. Statt eines offenen Endes erhalten wir im Grunde gar kein Ende.

Fazit: Das bessere REANIMAL ist noch nicht fertig
Das Frustrierendste an The Prisoner ist gleichzeitig das größte Kompliment, das ich dem DLC machen kann: Ich wollte deutlich mehr davon spielen.
Tarsier Studios verbessert hier einige der Aspekte, bei denen das Hauptspiel noch Potenzial liegen ließ. Die neuen Setpieces besitzen mehr spielerische Eigenständigkeit, das Kriegsszenario erzeugt enorme Spannung und vor allem die Polaroidkamera ist eine hervorragende Ergänzung. Sie verbindet Rätsel, Koop und die groteske Ästhetik dieser Welt auf eine Weise, die zeigt, wie sich REANIMAL spielerisch weiterentwickeln kann. Stellenweise ist The Prisoner deshalb für mich tatsächlich das bessere REANIMAL.
Nur bekommen wir davon gerade einmal rund eine Stunde. Die neuen Mechaniken dürfen sich kaum entfalten, die Geschichte besitzt keinen Abschluss und selbst die besten Momente enden häufig genau dann, wenn sie gerade Fahrt aufnehmen.
Wer REANIMAL geliebt hat, bekommt hier zweifellos sehenswerten Nachschub. Wer allerdings eine vollständige Erweiterung erwartet, sollte möglicherweise warten, bis auch die beiden weiteren DLCs erschienen sind. Denn The Prisoner macht nicht deshalb Lust auf mehr, weil es uns mit einem besonders cleveren Cliffhanger zurücklässt. Es macht Lust auf mehr, weil es gerade dabei ist, REANIMAL zu einem besseren Spiel zu machen – und dann plötzlich aufhört.
Informationen rund um den DLC
- Titel: REANIMAL: The Prisoner
- Release: 7. August 2026
- Entwickler: Tarsier Studios
- Publisher: THQ Nordic
- Genre: Kooperatives Horror-Puzzle-Adventure
- Spielmodi: Singleplayer, Online-Koop, lokaler Koop
- Plattformen: PC, PlayStation 5, Xbox Series X|S
- DLC: Erster von drei geplanten Story-DLCs
- Hauptspiel erforderlich: Ja
- Spielzeit: ca. 1 Stunde
- Neue Spielfiguren: The Soldier und The Prisoner
- Zentrale Neuerung: Polaroidkamera als neues Gameplay- und Rätselwerkzeug

