Nach einer langen Pause kehrt James Bond endlich auf die Videospielbühne zurück. Doch anstatt eine bekannte Filmgeschichte nachzuerzählen oder sich an einem der Darsteller zu orientieren, geht IO Interactive einen mutigen Schritt: 007 First Light erzählt die Entstehungsgeschichte des berühmtesten Geheimagenten der Welt und präsentiert einen jungen Bond, der sich seinen legendären Ruf erst verdienen muss. Die Entscheidung, eine komplett eigenständige Geschichte zu erzählen, zahlt sich aus. Das dänische Studio verbindet seine Erfahrung aus der Hitman-Reihe mit einer aufwendig inszenierten Einzelspieler-Kampagne und liefert eines der atmosphärischsten Action-Adventures des Jahres.
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Ein James Bond, der erst noch zur Legende werden muss
Anders als in den Filmen beginnt Bond seine Karriere nicht als souveräner Doppelnull-Agent, sondern als talentierter, aber impulsiver Offizier der Royal Navy. Nach einem folgenschweren Einsatz wird das MI6 auf ihn aufmerksam und rekrutiert ihn für ein streng geheimes Ausbildungsprogramm.
Diese Ausgangslage nutzt das Spiel hervorragend, um den Charakter glaubwürdig aufzubauen. Bond muss lernen, Geduld zu beweisen, taktisch zu denken und Entscheidungen zu treffen, die weit über rohe Gewalt hinausgehen. Dadurch entwickelt sich die Figur kontinuierlich weiter und gewinnt mit jeder Mission an Selbstvertrauen.
Auch das Umfeld überzeugt. M, Q und Moneypenny erhalten genügend Bildschirmzeit, ohne den jungen Bond zu überstrahlen. Neue Figuren wie Cressida oder Monroe fügen sich nahtlos in das Universum ein und sorgen für gelungene Dialoge sowie einige überraschende Wendungen. Besonders Ausbilder John Greenway entwickelt sich im Verlauf der Geschichte zu einer der interessantesten Persönlichkeiten des Spiels.
Die Handlung bleibt dabei angenehm abwechslungsreich. Ruhigere Ermittlungsabschnitte wechseln sich mit spektakulären Actionsequenzen ab, während kleinere Charaktermomente dafür sorgen, dass Bond nicht nur als Actionheld, sondern auch als Mensch funktioniert.
Kinoreife Inszenierung trifft auf spielerische Freiheit
Bereits nach wenigen Missionen wird klar, dass IO Interactive seine Stärken gekonnt kombiniert. Viele Abschnitte erinnern mit ihrer Inszenierung an moderne Blockbuster wie Uncharted oder Mission: Impossible. Kameraführung, Musik und aufwendig choreografierte Actionsequenzen erzeugen regelmäßig echtes Kinofeeling.
Dennoch bleibt First Light kein reines Schlauchspiel. Immer wieder öffnen sich größere Areale, die verschiedene Lösungswege anbieten. Hier zeigt sich deutlich die Handschrift der Hitman-Entwickler.
Je nach Situation kann Bond:
- unbemerkt infiltrieren,
- Wachen umgehen,
- verschiedene Verkleidungen nutzen,
- Informationen sammeln,
- Sicherheitsanlagen manipulieren,
- oder den direkten Weg mit gezogener Pistole wählen.
Besonders gelungen ist das neue Bluff-System. Wird Bond kontrolliert oder gerät in Verdacht, kann er sich mit den richtigen Antworten aus kritischen Situationen herausreden. Dadurch entstehen spannende Momente, die perfekt zum klassischen Agenten-Flair passen und deutlich mehr Abwechslung bieten als reine Schleichmechaniken.
Spionage steht klar im Mittelpunkt
Während viele Action-Adventures den Spieler möglichst schnell in den nächsten Schusswechsel schicken, setzt 007 First Light bewusst andere Akzente. Wer sich Zeit nimmt, entdeckt zahlreiche Möglichkeiten, eine Mission ohne großes Aufsehen zu absolvieren. Gespräche zwischen Wachen liefern wertvolle Informationen über alternative Wege oder Sicherheitsmaßnahmen, während sich Schlüsselkarten und andere Gegenstände unauffällig aus den Taschen ahnungsloser Gegner stehlen lassen.
Besonders gelungen sind die Verkleidungen. Bond schlüpft glaubwürdig in unterschiedliche Rollen und kann Verdachtsmomente durch schlagfertige Antworten oder selbstbewusstes Auftreten zerstreuen. Das Bluff-System sorgt immer wieder für spannende Situationen, in denen nicht Reflexe, sondern die richtige Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Gerade diese Mechanik vermittelt deutlich stärker als klassische Stealth-Systeme das Gefühl, tatsächlich als Geheimagent unterwegs zu sein.
Vielseitiges Gameplay mit zahlreichen Möglichkeiten
Spielerisch bietet First Light eine gelungene Mischung aus Stealth, Action und Erkundung. Während manche Missionen nahezu lautlos abgeschlossen werden können, verlangen andere kompromisslose Feuergefechte oder spektakuläre Verfolgungsjagden.
Die Gadgets spielen dabei eine zentrale Rolle. Von Hack-Werkzeugen über Mini-Drohnen bis hin zu klassischen Bond-Spielereien eröffnet nahezu jedes Werkzeug neue Lösungswege. Statt lediglich Schlüssel zu finden, manipuliert Bond Kameras, öffnet Sicherheitssysteme oder schafft gezielt Ablenkungen.
Das Kampfsystem bleibt bewusst zugänglich. Nahkämpfe bestehen aus Paraden, Kontern und schnellen Kombinationen, wirken dynamisch und sind angenehm flüssig animiert. Zwar erreicht das System nicht die Tiefe eines reinen Actionspiels, erfüllt seinen Zweck jedoch problemlos.
Auch die Schusswechsel funktionieren zuverlässig. Waffen besitzen ein angenehmes Trefferfeedback und fühlen sich kraftvoll an. Lediglich der hohe Gegnernachschub in einigen Sequenzen sorgt dafür, dass manche Gefechte eher an klassische Shooter erinnern als an einen Geheimagententhriller.
Instinct macht Bond einzigartig
Eine interessante Ergänzung zum klassischen Gameplay bildet das Instinct-System. Erfolgreiche Spionageaktionen füllen eine spezielle Ressource, die anschließend gezielt eingesetzt werden kann. So lässt sich beispielsweise die Zeit beim Zielen kurz verlangsamen, wodurch mehrere Gegner präzise ausgeschaltet werden können. Ebenso dient Instinct dazu, Gegner aus ihrer Deckung zu locken oder sich mithilfe geschickter Dialoge unauffällig an Wachen vorbeizumogeln.
Da die Ressource nur begrenzt zur Verfügung steht, entsteht ein angenehmer strategischer Aspekt. Statt sämtliche Fähigkeiten permanent einzusetzen, überlegt man genau, wann sich ihr Einsatz wirklich lohnt.
Qs Gadgets eröffnen kreative Lösungswege
Natürlich dürfen auch die legendären Bond-Gadgets nicht fehlen. Statt lediglich als spektakuläre Einweg-Spielereien zu dienen, sind sie sinnvoll in den Spielablauf integriert und eröffnen regelmäßig neue Lösungsansätze.
Mit der Q-Lens analysiert Bond seine Umgebung, markiert Gegner sowie interaktive Objekte und erkennt potenzielle Schwachstellen. Die Q-Watch übernimmt dagegen verschiedene Hack-Aufgaben, manipuliert Überwachungskameras oder aktiviert elektronische Geräte, um Gegner abzulenken oder Fallen auszulösen. Ergänzt wird das Arsenal durch klassische Bond-Spielzeuge wie den explosiven Missile Pen, einen Laser zum Durchtrennen von Schlössern oder Kabeln sowie Rauch- und Blendgadgets, die besonders in hektischen Situationen wertvolle Dienste leisten.
Gerade die Kombination aus Stealth, Gadgets und den interaktiven Umgebungen sorgt dafür, dass viele Missionen mehrfach gespielt werden können, ohne sich identisch anzufühlen.
Unterschiedliche Gegnertypen sorgen für Abwechslung
Auch bei den Gegnern setzt IO Interactive auf Vielfalt. Während einfache Söldner vor allem durch ihre Anzahl gefährlich werden, verlangen schwer gepanzerte Eliteeinheiten oder Nahkampfspezialisten deutlich angepasste Strategien. Scharfschützen zwingen den Spieler dazu, permanent in Bewegung zu bleiben, während besonders robuste Tanks und Bossgegner deutlich mehr Aufmerksamkeit erfordern.
Dadurch bleibt das Kampfsystem auch über die gesamte Spielzeit abwechslungsreich, da nahezu jede Mission andere Prioritäten setzt und unterschiedliche Herangehensweisen belohnt.
Abwechslungsreiche Missionen rund um den Globus
Typisch für James Bond verschlägt es den Spieler an zahlreiche internationale Schauplätze. Von modernen Metropolen über militärische Einrichtungen bis hin zu exotischen Landschaften unterscheiden sich die Missionen deutlich voneinander.
Die Level überzeugen nicht nur optisch, sondern auch spielerisch. Einige konzentrieren sich auf Infiltration und Informationsbeschaffung, andere setzen auf groß angelegte Action oder intensive Fluchtsequenzen.
Dadurch entsteht kaum Leerlauf. Fast jede Mission führt eine neue Idee oder Spielmechanik ein, wodurch sich die rund 18 bis 20 Stunden lange Kampagne angenehm abwechslungsreich anfühlt.
Erkundung zahlt sich aus
Wer nicht nur der Hauptmission folgt, wird regelmäßig belohnt. In nahezu jedem Einsatzgebiet verstecken sich Sammelobjekte, Geheimdienstakten oder Erinnerungsstücke, die zusätzliche Hintergrundinformationen zur Welt von 007 liefern. Besonders Fans der Filmreihe dürfen sich über zahlreiche kleine Anspielungen auf frühere Bond-Abenteuer freuen, die dezent in den Levels versteckt wurden.
Dadurch entsteht ein zusätzlicher Anreiz, Missionen erneut zu besuchen und bislang unentdeckte Bereiche genauer unter die Lupe zu nehmen.
TacSim sorgt für Langzeitmotivation
Nach Abschluss der Geschichte ist noch lange nicht Schluss. Mit dem TacSim-Modus integriert IO Interactive separate Herausforderungen, bei denen einzelne Fähigkeiten gezielt getestet werden.
Hier gilt es unter anderem:
- perfekte Stealth-Durchgänge zu absolvieren,
- Gegner möglichst effizient auszuschalten,
- Zeitvorgaben einzuhalten,
- oder besonders hohe Punktzahlen zu erzielen.
Online-Ranglisten und Wertungssysteme motivieren dazu, Missionen mehrfach zu absolvieren und immer bessere Ergebnisse zu erzielen. Bereits zum Start bietet der Modus ordentlich Umfang und dürfte durch zukünftige Inhalte weiter wachsen.
Grafik und Sound gehören zur Spitzenklasse
Technisch präsentiert sich 007 First Light auf einem hohen Niveau. Die Glacier-Engine liefert beeindruckend detaillierte Umgebungen mit hervorragender Beleuchtung und zahlreichen kleinen Details. Ob schneebedeckte Landschaften, luxuriöse Hotels oder moderne Forschungseinrichtungen – jede Umgebung besitzt ihren eigenen Charakter.
Auch Gesichtsanimationen und Mimik überzeugen. Dialoge wirken glaubwürdig, Zwischensequenzen erreichen beinahe Filmqualität und unterstreichen den cineastischen Anspruch des Spiels.
Der Soundtrack orientiert sich hörbar an klassischen Bond-Kompositionen, entwickelt aber gleichzeitig einen eigenen Stil. In ruhigen Momenten sorgt dezente Musik für Spannung, während Actionsequenzen von orchestralen Klängen begleitet werden.
Die deutsche Synchronisation gehört ebenfalls zu den Stärken. Sämtliche Hauptfiguren werden überzeugend gesprochen und transportieren die unterschiedlichen Persönlichkeiten glaubwürdig.
DualSense wird sinnvoll genutzt
Auch auf der PlayStation 5 weiß IO Interactive die Möglichkeiten des DualSense-Controllers sinnvoll einzusetzen. Adaptive Trigger verleihen den verschiedenen Waffen ein individuelles Gefühl, während die haptischen Vibrationen Explosionen, Nahkampftreffer oder Fahrzeugsequenzen spürbar unterstützen. Zwar gehört die DualSense-Integration nicht zu den umfangreichsten ihrer Art, sie trägt jedoch dazu bei, die ohnehin starke Immersion zusätzlich zu erhöhen und das Agentenabenteuer noch greifbarer wirken zu lassen.
Kleine technische Schwächen bleiben
Ganz ohne Makel kommt First Light allerdings nicht aus.
Auf der PS5 läuft das Spiel überwiegend flüssig mit 60 Bildern pro Sekunde, in besonders aufwendigen Feuergefechten sinkt die Bildrate jedoch gelegentlich leicht ab. Gleichzeitig wirkt der Performance-Modus stellenweise etwas weich, wodurch Details sichtbar an Schärfe verlieren.
Größter Kritikpunkt bleiben allerdings die Fahrsequenzen. Die Fahrzeuge reagieren häufig zu indirekt und besitzen eine starke Lenkhilfe, wodurch Verfolgungsjagden weniger präzise wirken als der restliche Spielablauf. Gerade weil Bond traditionell für spektakuläre Autojagden bekannt ist, hätte hier deutlich mehr Feinschliff gutgetan.
Fazit
Mit 007 First Light gelingt IO Interactive ein beeindruckender Neustart der Marke. Statt sich an bekannten Filmen zu orientieren, entwickelt das Studio eine eigenständige Interpretation von James Bond, die sowohl Neueinsteiger als auch langjährige Fans überzeugen dürfte.
Die spannende Ursprungsgeschichte, hervorragend inszenierte Missionen und die gelungene Verbindung aus Stealth, Action und spielerischer Freiheit sorgen für ein durchgehend unterhaltsames Abenteuer. Besonders die offenen Einsatzgebiete zeigen eindrucksvoll, wie gut die Hitman-Erfahrung auf das Bond-Universum übertragen werden konnte.
Kleinere Performance-Einbrüche und die schwache Fahrzeugsteuerung verhindern zwar die absolute Bestwertung, ändern aber nichts daran, dass First Light zu den besten Action-Adventures des Jahres gehört.






