Regie: Pauline Roenneberg | Deutschland, 138 Min. | Ab 17. September 2026 im Kino
Manchmal reicht eine einzige Eröffnungsszene, um zu wissen, was man von einem Film zu erwarten hat. In „Kalter Hund“ fegt Marianne (Corinna Harfouch) durchs Schlafzimmer, erklärt ihrem Mann, was er zur Feier seines 100. Geburtstags zu tragen hat, wer heute Abend erwartet wird, wie wichtig der Bürgermeister ist und braucht erschreckend lange, um zu bemerken, was mit ihrem Mann passiert ist. Das Publikum begreift. schneller als sie. Und lacht. Dieser Moment ist das Versprechen des Films und er hält es, zumindest für eine gute Stunde.
Familienaufstellung auf einem Pulverfass
Die Manns sind eine Familie mit Fassade: gepflegtes Anwesen, Familienstiftung, Ehrenbürgerwürde des Patriarchen – und hinter der Tür ein Rattennest aus Rivalitäten, Geheimnissen und unausgesprochenen Vorwürfen . Als nach dem Tod des Familienoberhaupts das lang geplante Familienfest dennoch stattfindet, treffen all diese Charaktere aufeinander: die überforderte Witwe Marianne, die verbitterte Tochter Valerie (Victoria Mayer) im Rollstuhl, der ehrgeizige Stiefsohn Kasimir (Thomas Mraz), die esoterisch aufgeladene Karoline (Karoline Eichhorn), die sich nur noch „Oonagh“ nennen lässt und mittendrin Enkelin Fanny (Lea Drinda), die kurz vor ihrem 18. Geburtstag steht und sich vorkommt wie im falschen Film .Was folgt, ist ein turbulentes Kammerspiel, das sich zu einem erbitterten Kampf um Erbe, Wahrheit und Macht zuspitzt .
Frisch, improvisiert, unmittelbar
Regisseurin Pauline Roenneberg – Initiatorin des Branchenappells ANGST ESSEN KINO AUF und nun endlich mit ihrem Langfilmdebüt im Kino – hat sich für eine außergewöhnliche Arbeitsmethode entschieden . Anstatt fertige Dialogseiten ans Set zu bringen, ließ sie ihre Darstellerinnen und Darsteller die Gespräche direkt aus der Situation ihrer Figur heraus improvisieren, in mehreren Durchläufen verfeinert und im Schnitt zugespitzt . Der entscheidende Kniff: Jede Figur kannte die Geheimnisse der anderen während des Drehs nicht. Kino-Zeit-Kritiker Harald Mühlbeyer beschreibt das treffend als den Trick, „der dazu führt, dass alles flott und zugleich emotional, sehr lustig und zugleich schmerzhaft geworden ist“ .Das spürt man. Die Dialoge klingen nicht wie Drehbuch sie klingen wie das echte, hässliche Durcheinander einer Familie unter Druck.
Ein Ensemble zum Fürchten
Wer sich auf „Kalter Hund“ einlässt, bekommt ein Schauspielerensemble auf Topniveau. Corinna Harfouch trägt den Film mit sichtlichem Vergnügen: Mariannes vielsagend spöttisches Lächeln das Lächeln einer Frau, die genau weiß, dass ihr die Situation über den Kopf wächst, und es trotzdem für einen Moment genießt ist allein schon den Kinobesuch wert . Karoline Eichhorn beweist als esoterisch-schamanierende Stieftochter einmal mehr, dass sie Überzeichnung und Ernsthaftigkeit gleichzeitig spielen kann. Und Niels Bormann als Heilpraktiker Ingo Fleischmann stiehlt nahezu jede Szene, in der er auftritt: herrlich diplomatisch, dabei erschreckend übergriffig . Den stärksten Eindruck hinterlässt jedoch Lea Drinda, die als Fanny in einer Welt aus Opportunisten die einzige wirklich sympathische Figur formt und das mit einer natürlichen Frische, die man im deutschen Kino selten sieht .
Wo der Film an seine Grenzen stößt
Kalter Hund ist mit 138 Minuten schlicht zu lang . Das erste Drittel funktioniert nahezu perfekt temporeich, böse komisch, mit einem Sinn für absurde Situationskomik, der seinesgleichen sucht. Doch nach dem dramaturgischen Höhepunkt rund um die Familienaufstellung verliert das Drehbuch an Schwung . Das Erzähltempo stockt, die Figuren stehen teils unschlüssig herum, und einige der spannenden gesellschaftskritischen Andeutungen die das Skript immerhin mutig aufwirft versanden, ohne je richtig zuzubeißen . Mehrere inhaltliche Fäden werden stichwortartig fallen gelassen, statt konsequent auserzählt. Hier fehlt der finale Mut zum klaren Schnitt.
Fazit: Mutiges Debüt mit Verschnitt
Kalter Hund“ist kein perfekter Film –aber ein wichtiger. Pauline Roenneberg beweist in ihrem Langfilmdebüt ein feines Gespür für menschliche Abgründe, für Familienstruktur als Machtgefälle und für schwarzen Humor, der wirklich trifft . Die unkonventionelle Entstehungsweise zahlt sich aus und gibt dem Film eine Unmittelbarkeit, die man in deutschen Kammerspiel-Komödien a là „Der Vorname“ oder „Das perfekte Geheimnis“ nur selten findet .
Wer bereit ist, für eine gute Viertelstunde Leerlauf im Mittelblock die restlichen zwei Stunden mitzunehmen – und das sollte man, wird mit einem der unterhaltsamsten und bissigsten deutschen Kinofilme des Jahres belohnt.

