Mars First Logistics im Test

    (Bildquelle: Outersloth/Shape Shop)

    Physikbasierte Spiele sind oft entweder als reiner Gag gedacht oder als verkopfte Knobelaufgabe. Bei Mars First Logistics könnte man denken, dass es sich von ersterem zu letzterem weiterentwickelt hat. Was zunächst wie ein kurioses Indie-Projekt wirkt, entpuppt sich als eines der überraschendsten und fesselndsten Knobelspiele. Verfügbar ist es für den PC via Steam.

    Entwickelt von Shape Shop und veröffentlicht von Outersloth, ist Mars First Logistics ein 3D-Sandbox-Delivery-Spiel, das brillante Fahrzeugkonstruktion mit einer außergewöhnlich präzisen Fahrphysik verbindet.

    Vielen Dank an Outersloth für die Bereitstellung des Keys.

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    Ingenieurskunst im Baukastenformat

    Viele von uns haben in ihrer Kindheit mit Klemmbausteinen die verrücktesten Konstruktionen erschaffen und tuen das auch oft noch heute. Wer dabei schon die verrücktesten Fahrzeuge mit Sonderfunktionen entwickelt hat, der wird sich hier wohl fühlen. Denn der Baumodus in Mars First Logistics erinnert ganz klar an die Bauanleitung der Technikmodelle des dänischen Klemmbausteinspezialisten. Denn wie damals und heute in der Bausteinwelt ermöglicht einem das Spiel das Bauen nach Anleitung und auch das komplett freie Bauen.

    Man konstruiert Fahrzeuge und Werkzeuge aus Einzelteilen, probiert Halterungen, Arme, Räder und Servos aus, justiert Winkel und Gewichtsverteilungen. Und wenn eine spontane Idee tatsächlich funktioniert und eine Mission erfolgreich abschließt, fühlt es sich beinahe an wie ein kleiner Triumph auf persönlicher Ebene. Fast so, als würde man zusehen, wie ein eigenes Projekt laufen lernt. Bei eigenen Konstruktionen ist ein gewisses technisches Grundverständnis unabdingbar, denn es gilt Dinge wie Gleichgewicht oder auch Biegekräfte im Auge zu behalten und zu berücksichtigen. So kann man hier auch durchaus spielerisch das ein oder andere über klassische Mechanik in Form von Statik, Kinematik und Dynamik lernen.

    Vom Rover zum Koloniebauer

    Die Spielenden übernehmen die Rolle eines (zunächst) kleinen Rovers, der beim Aufbau einer Marskolonie hilft. Aufträge führen von Punkt A nach Punkt B, meist mit sperriger oder instabiler Fracht. Für abgeschlossene Missionen gibt es Punkte und Geld, mit denen neue Teile freigeschaltet oder zusätzliche Komponenten gekauft werden können. Die Missionen sind oft mit einem Augenzwinkern zu sehen, denn es kann durchaus sein, dass man mal eine Gießkanne transportieren soll.

    Diese Progression sorgt dafür, dass das Spiel nicht sofort zur völligen Sandbox wird. Man muss sich neue Bauteile verdienen, Prioritäten setzen und entscheiden, welche Art von Fahrzeugen man spezialisieren möchte. Dadurch entsteht eine clevere Mischung aus Wirtschaftssystem und kreativer Freiheit. Zudem kann man in der Spielwelt Baupläne für vorkonfigurierte Fahrzeuge erhalten.

    Gravity of the Situation – Physik, die Maßstäbe setzt

    Wie bereits erwähnt, ist die Physik ein integraler Bestandteil des Spiels. Während große AAA-Produktionen oft immense Ressourcen in visuelle Details stecken, konzentriert sich dieses Spiel auf das, was wirklich zählt: Bewegung, Gewicht, Reibung, Drehmoment. Hier ist nichts nur Dekoration, jedes Teil erfüllt eine mechanische Funktion. Natürlich kann man hier aber auch kreativ designen und durch die Art der Bauelemente verschiedene Looks realiseren oder man passt einfach die Farbe den eigenen Wünschen entsprechend an.

    Baust du dein Fahrzeug zu hoch, kippt es bei der ersten Kurve. Zu leicht? Dann hüpft es über Felsen wie ein Spielzeugauto. Der Schwerpunkt falsch berechnet? Deine Ladung rollt beim kleinsten Kraterrand davon.

    Vergleiche mit Titeln, wie Kerbal Space Program, drängen sich unweigerlich auf, denn auch hier arbeitet man stets auf dem schmalen Grat zwischen Erfolg und Scheitern. Doch Mars First Logistics besinnt sich hier noch viel mehr auf die Grundlagen der Newton’schen Physik und der daraus abgeleiteten Technischen Mechanik.

    Scheitern macht hier Spaß

    Was das Spiel besonders macht, ist sein Ton. Trotz der anspruchsvollen Mechaniken entsteht kaum Frust. Die reduzierte Mars-Schwerkraft, die freundliche Farbgebung und das leicht „knuffige“ Fahrgefühl sorgen dafür, dass selbst katastrophale Fehlkonstruktionen eher Lacher als Wutanfälle hervorrufen. Denn manche Konstruktion wird eher lustig holpernd über den Mars eiern, als elegant dahin zu gleiten. Durch die Begrenzung der Bauteile muss man oft mehr als einen Kompromiss eingehen.

    Jeder Crash lehrt etwas. Jede wackelige Fahrt zeigt Schwächen im Design. Jede unmögliche Steigung wird zur Lektion. Man fährt nicht nur, man lernt, experimentiert und meistert Schritt für Schritt das Terrain. Und genau darin liegt die Magie: Keine Cutscenes, kein übertriebener Bombast, kein gigantischen Animation. Man ist mit dem Mars, seinem Auftrag und seinem Rover allein.

    Fazit

    Mars First Logistics ist weit mehr als ein kurioser Physik-Simulator mit Mars-Setting. Es ist ein durchdachtes, clever strukturiertes Ingenieursspiel, das Kreativität, technisches Verständnis und Experimentierfreude gleichermaßen belohnt. Was zunächst wie ein charmantes Indie-Projekt wirkt, entfaltet schnell eine erstaunliche spielerische Tiefe, und beweist, dass komplexe Mechanik und zugängliches Design kein Widerspruch sein müssen.

    Das Spiel fordert, aber überfordert nicht. Es lässt Raum für ineffiziente, improvisierte Lösungen ebenso wie für perfekt ausbalancierte Meisterwerke. Jeder Erfolg fühlt sich verdient an, weil er das Resultat eigener Überlegungen ist, nicht das Abarbeiten vorgefertigter Skripte. Und selbst das Scheitern ist hier Teil des Vergnügens.

    Wer Freude am Tüfteln hat, wer Mechanik nicht nur verstehen, sondern erleben möchte, und wer lieber mit Köpfchen statt mit Quick-Time-Events gewinnt, findet hier ein außergewöhnliches Spielerlebnis.

    Kurz gesagt: Mars First Logistics ist ein intelligentes, charmantes und überraschend lehrreiches Sandbox-Spiel, eines, das lange im Gedächtnis bleibt.

    Das Sandbox-Spiel Mars First Logistics wurde Game2Gether für den Test zur Verfügung gestellt. Eine Einflussnahme des Publishers oder Entwicklers auf den Testbericht hat nicht stattgefunden.

    Alexander Schaaf
    Seit der Jugend bin ich von PC-Hardware begeistert und habe Systeme in den verschiedensten Hardware-Generationen gebaut. Mit der Zeit kamen dann auch Videokonsolen dazu. Ich bin hier eigentlich in allen Bereich aktiv. Mit einem Schwerpunkt auf Hardware.