Nioh 3 Review: Boss-Muster lernen war gestern – heute komponierst du Antworten

    Playable Demo of Nioh 3 for PlayStation 5

    Nioh 3 lässt gleich zu Beginn keine Fragen offen. Es wird hart, schnell und gnadenlos, aber zugleich auch so atmosphärisch, dass man dem eigenen Scheitern erstaunlich gern zusieht. Außerdem wird deutlich: Team Ninja entwickelt die Serie mit Nioh 3 nicht durch einen radikalen Stilbruch weiter, sondern durch eine kluge Umrüstung. Open Field, Duality und der Crucible sind keine Beigaben. Es sind tragende Systeme, die das Spiel in eine neue Ordnung bringen. Erste Reaktionen zeigen: Das war ein sehr zielführender Move.

    Ausgerechnet der bewusst „formelhafte“ Open-World-Ansatz trifft den Wunsch vieler Gamer:innen nach klar strukturierten, gut lesbaren Welten, auch wenn er neben einem Elden Ring auf dem Papier altmodisch wirkt. Dadurch fühlt sich Nioh 3 wie die Vollendung der eigenen IP an. Gleichzeitig ist es eine Genre-Feinjustierung. Denn das Spiel sprengt die Soulslike-Formel nicht, es verdrahtet sie nur neu: mit mehr Tempo, mehr Werkzeugen, mehr Antworten.

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    Das Erfrischende an Nioh 3 ist, dass es im Souls-Kosmos nicht noch einen Mythos-Nebel aufblasen will, sondern eine neue Haltung anbietet. Ganz nach dem Motto: Boss-Muster lernen war gestern – heute komponierst du Antworten! Dieser Grundsatz beschreibt nicht nur die Kampfmechanik, er passt auch zur Struktur und zum mechanischen Grundprinzip. In seiner begrenzten Offenheit wirkt das Spiel weniger wie eine Welt, in der man sich stundenlang verliert, es fühlt sich vielmehr wie ein Soulslike-Dojo an: ein Trainingsgelände, in dem jede Abzweigung, jede Nebenprüfung und jeder Yokai-Disput dich auf die Kämpfe vorbereitet.

    Die Hauptfigur aus Nioh3 mit ihrem Begleiter

    Open Field: „Map-clearing“ statt Entdeckungsromantik

    Nioh 3 ist offener als seine Vorgänger, folgt aber einer deutlich konventionelleren Open-World-Philosophie als zum Beispiel Elden Ring. FromSoftware entwirft seine Gebiete als Rätsel, die du über Umwege, Intuition und Sturheit entschlüsselst. Team Ninja ist direkter: Die Karte soll benutzt werden und auch wirklich helfen. Regionen haben empfohlene Level, Ziele sind sichtbar und der eigene Fortschritt ist messbar. Du erkundest frei, sammelst und erledigst Herausforderungen. Dabei steigt dein Exploration Level, das nach und nach weitere Points of Interest aufdeckt. Das ist nicht revolutionär. Nüchtern betrachtet ist es klassisches, formelhaftes Map-Clearing.

    Und trotzdem funktioniert es hier erstaunlich gut, weil Nioh 3 dieses Gerüst wie einen Trainingsplan nutzt. Du „läufst“ nicht nur Marker ab, du baust dir Routen, auf denen du Ressourcen, Gear und vor allem Sicherheit im eigenen Build sammelst. Praktisch heißt das: Wenn dich ein Boss gerade in feinster Soulsmanier filetiert, ist der Weg zur Lösung nicht nur „noch zehnmal sterben“, sondern auch „zwei Regionen ablaufen, ein Set vervollständigen, Ninjutsu nachziehen, Arts Gauge-Tools freischalten, zurückkommen“. Das Spiel lädt dich ein, nicht nur zu grinden, sondern auch gezielt aufzubauen. Dabei folgt es in diesem Aspekt einer eigenen Dojo-Logik: Du gehst erst wieder in den Ring, wenn du eine neue Antwort gelernt hast.

    Map von Nioh3

    Ästhetik und Rhythmus: klassische Open-World-Reize, aber mit Soulslike-Druck

    Die Gebiete sind relativ groß, dicht und visuell attraktiv: Tempelanlagen, Wälder, Reisfelder, Seen, Höhlen und kleine Dörfer formen ein farbintensives, bewusst stilisiertes Japanbild. Am Tempo ändert das wenig. Rhythmus und Intensität bleiben hoch, die Welt erlaubt dir kaum, dich wirklich einzurichten. Die Panoramen sind keine Orte zum Verweilen oder Meditieren – eher kurze Atemzüge zwischen zwei Kämpfen, bevor dich der nächste Hinterhalt daran erinnert, dass „schön“ in Nioh selten „sicher“ bedeutet.

    So ordnet sich auch die Ästhetik dem subtilen Dojo-Gedanken unter: Die Schönheit der Umgebung ist eine Kulisse, die deine nächste Prüfung umso schärfer konturiert. Du schaust kurz über den See, dann zieht dich das Spiel zurück in den Fokus: Timing, Distanz, Ki.

    Boss-Fight in dem Spiel Nioh 3

    Nioh 3-DNA meets Rise-of-the-Ronin-Handwerk

    Vieles an dieser Struktur erinnert an Team Ninjas Open-World-Erfahrung Rise of the Ronin: Regionsfortschritt, Kartenlogik, die Idee, Erkundung in klare Fortschrittsstufen zu übersetzen. Man kann es so sagen: Nioh 3 verbindet die Nioh-DNA mit Ronins Weltenmechanik – und übernimmt damit bewusst eine Form, die man aus vielen Open Worlds kennt.

    Normalerweise droht hier Open-World-Müdigkeit: zu viele Marker, zu viele Nebenpfade, zu viel Beschäftigung. Nioh 3 umschifft das häufig, weil es diese Struktur nicht als Selbstzweck verkauft. Die Welt ist weniger ein Ort zum Verlieren, als eine Abfolge sinnvoll gesetzter Übungen: jede Abzweigung, jedes Nebenareal ist potenziell ein weiterer Drill, bevor der nächste große Fight dich wieder auf den Prüfstand stellt.

    Und dann sind da die Yokai. Sie sind keine Standardmobs, die man im Vorbeireiten abräumt. Eher kleinere Prüfungen mit eigenen Gemeinheiten. Ein früher „Wanderboss“ kann zur Lehrstunde werden. Solche Momente sind typisch Nioh. Das Spiel ist nicht geheimnisvoll, aber im Detail unberechenbar. Genau deshalb fühlt sich das Map-Clearing hier eher nach notwendigen Trainingseinheiten als nach ermüdender Routine an.

    Sequenz aus Nioh 3

    Kampfmechanik: Die Duality stellt das Herz von Nioh 3 dar

    Eines ist klar: In Nioh 3 lernst du nicht nur Bossmuster auswendig, du komponierst deine eigenen Reaktionen darauf. Anders als in manchen Soulslikes ist Zurückhaltung hier selten die beste Idee. Wer auf „safe“ spielt, verliert oft nicht nur HP, sondern das Momentum. Nioh 3 belohnt offensives, schnelles Vorgehen, und der Duality-Modus trägt dieses Tempo gekonnt und erstaunlich flüssig.

    Der Wechsel zwischen Samurai und Ninja – zwei klar getrennten Rhythmen – gelingt nahtlos und unmittelbar. Und er ist nicht nur Stilfrage, sondern ein handfester Vorteil im Fight: Richtig getimt kann der Wechsel wuchtige Gegnerangriffe unterbrechen, dir Raum verschaffen und den Kampf zurück in deine Hand holen. Dieses Gefühl, nicht nur zu überleben, sondern aktiv die Schlagabtausche zu diktieren, ist eine der großen Stärken des Spiels.

    • Samurai Style: Ki Pulse, Stances, Deflect, Arts Gauge → Stabilität, Druckfenster, Ressourcenführung

    • Ninja Style: Tempo, Ninjutsu, Mist/Evade-Logik → Positionierung, Hinterhalt, Distanzoptionen

    Der Wechsel ist nicht nur unterhaltsam, er bleibt auch bei hohem Tempo anspruchsvoll. Den Duality-Modus kann man kaum ignorieren. Nicht, weil das Spiel dich dazu zwingt, sondern weil hier sein Herz schlägt. Nioh 3 macht damit sehr deutlich: Du lernst nicht nur, was der Gegner tut. Du entscheidest, wie du antwortest. Und um in der Dojo-Metapher zu bleiben: Es reicht nicht, Techniken zu beherrschen, du musst lernen, sie im richtigen Moment zu kombinieren, bis aus einzelnen Moves eine Lösung wird.

    Nioh 3-Build-Ökonomie: Blessings & Soul Cores

    Was nach „Sidekram“ aussieht, ist in Nioh 3 ein fester Bestandteil deiner Build-Mechanik. An den Schreinen greifst du über Blessings gezielt in deine Werte- und Ressourcenökonomie ein, getrennt nach Kodama Blessings und Jizo Blessings, die du über Kodama Merit bzw. Jizo Merit freischaltest. Kodama-Merit erhältst du, indem du die kleinen Kodama aus der Wildnis zurück zum Schrein geleitest (inklusive spürbarer Vorteile bei deiner Elixier-Versorgung), Jizo-Merit sammelst du, indem du an den „Six Jizo-Statuen“ betest. Dazu passen die Mini-„Quests“ mit den katzenartigen Scampuss und dem neuen kleinen Wesen Chijiko: Finden, interagieren, Rewards einsacken, nicht als Deko, sondern als verlässliche Abkürzung zu Items, Guides und Upgrades, die deinen Fortschritt beschleunigen. Der stärkste Hebel in diesem Paket sind aber die Soul Cores: Drops aus härteren Yokai, die du in dein Setup integrierst, um zusätzliche Effekte und aktive Yokai-Fähigkeiten freizuschalten. Unterm Strich lohnt sich jede Abzweigung, weil du hier nicht einfach nur „Loot“ sammelst, sondern neue Stellschrauben und damit auch neue Antworten für den nächsten Bossraum findest.

    Schwierigkeitsgrad, Balance, Koop und helfende NPCs

    Beim Schwierigkeitsgrad macht Nioh 3 keine Zugeständnisse. Das Spiel ist weniger „Ich taste mich vorsichtig vor“ als „Ich stehe im Sparring“. Schon normale Gegner können dich in Sekunden ausknipsen, wenn Ki-Ökonomie und Timing kippen. Die Bossdichte verstärkt das Gefühl einer Prüfungsreihe – passend zum Dojo-Gedanken.

    In Sachen Balance sitzt vieles erstaunlich sauber, hat aber Kanten. Einige Bosse wirken spürbar overtuned, als würden sie eine Stufe schneller spielen als das Gebiet, das sie einrahmt. Genau hier greift das Spiel aber zu einem pragmatischen Ventil: Koop ist nicht nur Beiwerk, sondern ein mitgedachter Stabilisator. Du kannst bis zu zwei Spieler:innen dazuholen. Je nach Team wird aus dem brutalen Duell eine kontrollierbare Übung. Die Skalierung wirkt dabei nicht immer elegant, hier kann es im Extremfall entweder deutlich leichter oder spürbar chaotischer werden.

    Wer solo bleibt, hat immerhin helfende „Geister“-Verbündete über wohlwollende Gräber. Das ist keine Wunderwaffe. Eher ein Trainingspartner, der mal Aggro frisst, mal ein Fenster öffnet. Gerade genug Hilfe, um wieder in den eigenen Rhythmus zu finden, ohne dir die Prüfung abzunehmen.

    Story: Power Fantasy – und warum sie hier nicht langweilig wird

    Die Welt von Nioh 3 ist weniger rätselhaft und weniger auf Distanz gebaut als viele andere Soulslikes. Aber genau darin liegt eine ihrer Stärken. Statt dich mit kryptischer Mythologie auf Armlänge zu halten, setzt das Spiel auf eine klare, fast schon klassische Prämisse: Japan, 1622, Edo Castle als Machtzentrum, und Tokugawa Takechiyo kurz vor der Ernennung zum nächsten Shogun. Was nach Ordnung klingt, kippt durch familiäre Rivalität und einen dunklen Einfluss in einen Yokai-Krieg, in dem Folklore nicht Dekor ist, sondern akute Bedrohung. Du spielst keine zufällige Figur, die in ein Schicksal stolpert, sondern einen angehenden Shogun, der bzw. die von Beginn an als handlungsfähige, mächtige Persönlichkeit gedacht ist. Als ein zeitreisender Samurai, der Dämonen jagt und nach immer mehr Stärke greift, stürzt ihr euch ins Abenteuer. Nioh 3 hat kein Interesse daran, diese Powerfantasie kleinzureden oder dich permanent in Demut zu erziehen. Du wirst sterben – oft – aber du fühlst dich selten dauerhaft machtlos.

    Dass diese Power nicht ins Leere läuft, liegt an der Struktur des Spiels. Die Zeitreisen sind kein bloßer Story-Gimmick, sondern ein Ordnungsprinzip. Über die Macht eines Guardian Spirits wirft dich Nioh 3 in unterschiedliche Epochen. Jede bringt neue Feindtypen, Regeln und Schauplätze mit. Sie wirken wie Variationen derselben Prüfung, als würdest du von Trainingsraum zu Trainingsraum weitergereicht. Dazu passt das wiederkehrende Fegefeuer-Motiv, der Crucible. Das ist eine höllische, von Yokai korrumpierte Zone, die in jeder Zeitperiode auftaucht. Dort gelten besonders harte Regeln. Die Welt ist nicht nur gefährlich, sie arbeitet aktiv gegen dich. Wie in einer Art Prüfungskammer, in der sich zeigt, ob Builds, Timing und deine Antworten wirklich tragen.

    Das Open-Field-System verstärkt diesen Zug konsequent. Wenn du stärker werden willst, zeigt dir die Karte Optionen: Du findest neues Gear, Set-Boni, Ressourcen, stockst Heilung auf und kommst mit einem konkreten Plan zurück. Dazu passt der unkomplizierte Respec, der Builds zum Ausprobieren einlädt statt sie zur Lebensentscheidung zu machen. So bleibt das „power-hungrige“ Spielgefühl spannend, weil das Dojo nie Feierabend macht: Du wirst stärker, aber die Prüfungen werden präziser und verlangen nach besseren Antworten.

    Nioh 3 – stilsicherer Soulslike-Nachhall

    Ja, das Open-Field-Gerüst wirkt vertraut. Ja, das Genre ist voller wiedererkennbarer Formen. Und genau deshalb ist es überraschend, wie gut Nioh 3 damit einen Nerv trifft: Viele Spieler:innen suchen gerade nicht die nächste Welt, die sich im Mysterium versteckt, sondern eine, die eine klare Linie hat, ohne dabei den Reiz des Entdeckens komplett aufzugeben.

    Nioh 3 ist in diesem Sinne zugleich eine Rückbesinnung, Wegmarke und Kommentar des Soulslike-Genre. Das Spiel zeigt, wie weit sich die Soulslike-Formel treiben lässt, was dabei auf der Strecke geblieben ist und wo noch Spielraum vorhanden ist. Die nächste Evolution muss daher nicht aus noch mehr Geheimnis und noch mehr Härte bestehen, sondern aus mehr Handlungsoptionen. Gemeint sind Systeme, die dich Bossmuster nicht nur auswendig lernen lassen, bis am Ende eine Parry-Dodge-Choreografie „funktioniert“, sondern dir erlauben, den Kämpfen aktiv etwas entgegenzusetzen. In Nioh 3 heißt das: Tempo aufnehmen, es halten und deine Antworten im laufenden Gefecht formen.

    Und am Ende führt alles zurück zu Team Ninjas Grundkonzept: Nicht nur Muster lernen, sondern Antworten komponieren. In Nioh 3 entsteht dieses Können nicht erst im Bossraum, sondern schon lange davor. Auf Nebenpfaden, an Schreinen, im Crucible und in jedem Fight, der dich zwingt, deine Tools neu zu sortieren. Die Welt fühlt sich deshalb weniger wie eine grenzenlose Wildnis an, die entdeckt werden will, sondern wie ein Dojo. Es ist ein Trainingsraum, der dich formt, damit du am Ende nicht nur bestehst, sondern der nächsten Prüfung mit eigener Handschrift begegnest.

    Nioh 3 – Allgemeine Informationen

    Getestet wurde Nioh 3 auf einer PlayStation 5 Pro. Technisch wirkte das Spiel dabei stabil und klar auf Performance getrimmt, was gut zum eigentlichen Anspruch des Games passt.

    • Titel: Nioh 3

    • Release: 6. Februar 2026

    • Plattformen: PC, PlayStation 5

    • Entwickler: Team Ninja

    • Publisher: Koei Tecmo

    • Getestete Version: PlayStation 5 Pro (Review-Code vom Publisher)

    Andreas Danner
    Ich liebe Games seit die ersten Pentium Rechner das Licht der Welt erblickten. Ob Soulslikes, narrative RPGs oder Indie-Perlen mit neuen Perspektiven, mich faszinieren spannende Kompositionen aus Design, Gameplay und Story, auch in VR und KI-getriebenen Welten. Games sind für mich nicht nur Unterhaltung, sondern auch Kunst und Kultur.