Der berüchtigte „Ewigkeits-Klassiker“ der PlayStation-Ära kehrt zurück. Doch wo das Original hunderte Stunden verschlang, setzt Square Enix bei Dragon Quest VII Reimagined den Rotstift an. Ist das Ergebnis ein modernes Meisterwerk oder ein Skelett seiner selbst?
Einleitung: Das Erbe des „Ewigkeits-RPGs“
Wer an das originale Dragon Quest VII (im Westen damals noch als Dragon Warrior VII bekannt) auf der ersten PlayStation denkt, erinnert sich meist an zwei Dinge: eine unendliche Spielzeit und einen Einstieg, der Geduld neu definierte. Über 100 Stunden waren die Norm, allein um die erste CD zu beenden. Selbst das Remake für den Nintendo 3DS, das viele Jahre später erschien, forderte den Spielern noch immer gut 80 Stunden ab.
Mit Dragon Quest VII Reimagined wagt Square Enix nun den dritten Anlauf. Das Ziel: Den JRPG-Dinosaurier fit für die TikTok-Generation zu machen. Die Entwickler haben das Spiel nicht nur optisch generalüberholt, sondern auch massiv entschlackt. Das Resultat ist ein Spiel, das die Fans spaltet – während Neulinge den roten Teppich ausgerollt bekommen, müssen Puristen mit schmerzhaften Schnitten leben.
Die Story: Fragmente der Vergangenheit
Die Prämisse bleibt zeitlos charmant: Wir starten auf der abgelegenen Insel Estard, deren Bewohner fest davon überzeugt sind, dass ihre Heimat das einzige Land auf dem gesamten Planeten ist. Doch unser Held und sein bester Freund, der rebellische Prinz Kiefer (in der deutschen Version teilweise noch Gismar genannt), geben sich damit nicht zufrieden. In einer alten Ruine entdecken sie das Geheimnis der Steintafeln.
Setzt man diese Fragmente zusammen, wird die Gruppe in die Vergangenheit teleportiert – zu Inseln, die einst existierten, aber durch finstere Mächte versiegelt wurden. Das Gameplay-Loop ist so simpel wie genial: Wir reisen in die Vergangenheit, lösen das lokale Problem (sei es ein Fluch, ein Monsterangriff oder eine soziale Tragödie), und sorgen so dafür, dass die Insel in der Gegenwart wieder auftaucht.
Diese episodische Struktur, oft als Vignetten erzählt, ist die große Stärke des Spiels. Die kleinen Geschichten sind oft melancholisch und emotional. Die Lokalisierung leistet hier ganze Arbeit: Die verschiedenen Dialekte und Akzente der Inselbewohner verleihen der Welt eine unglaubliche Tiefe. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt die Namensverwirrung: Dass Charaktere je nach Version und Sprache mal Kiefer, mal Gismar heißen, oder Städte wie „Butzbüttel“ auftauchen, kann für Kenner irritierend sein.

Optik & Präsentation: Puppenstube statt Anime
Visuell geht Reimagined einen mutigen neuen Weg. Anstatt den klassischen Anime-Look bloß hochzuskalieren, setzt das Spiel auf einen „Diorama-Stil“. Die Charaktere basieren auf physisch erstellten Puppen, die gescannt wurden, was ihnen einen einzigartigen, spielzeughaften Look verleiht.
- Der Charme: Die Welt wirkt wie eine lebendige Spielzeugkiste. Der Tilt-Shift-Effekt und die plastischen Modelle sorgen sofort für gute Laune.
- Die Kritik: Durch den Puppen-Look geht teilweise die Mimik und Nuance verloren, die man von Akira Toriyamas Zeichnungen gewohnt ist – emotionale Szenen wirken dadurch manchmal etwas steif.
Technisch präsentiert sich der Titel auf der PlayStation 5, dem PC und der kommenden Switch 2 in makellosen 60 FPS. Besitzer der originalen Nintendo Switch müssen jedoch stark sein: Hier läuft das Spiel nur mit 30 Bildern pro Sekunde und kämpft mit Rucklern.

Gameplay & Pacing: Die große Beschleunigung
Hier scheiden sich die Geister. Square Enix hat das Spiel nicht nur gestrafft, sondern regelrecht auf „Sprint“ getrimmt.
- Der Turbostart: Der berüchtigte Einstieg des Originals, bei dem man stundenlang keine Kämpfe sah und nur Rätsel löste, wurde radikal gekürzt. Man ist nun in weniger als einer Stunde mitten in der Action.
- Cut Content: Um die Spielzeit auf verträgliche ca. 40-50 Stunden zu drücken, wurden ganze Inseln wie Grondal, El Ciclo und Providence komplett gestrichen. Auch das Casino und die „Immigrant Town“ fielen dem Rotstift zum Opfer – vermutlich, um Altersfreigaben und Spieltempo zu optimieren.
- Quality of Life: Zufallskämpfe gehören der Vergangenheit an; Gegner sind nun auf der Oberwelt sichtbar. Besonders angenehm: Schwache Gegner können direkt auf der Karte mit einem Schwerthieb besiegt werden, ohne in den Kampfbildschirm zu wechseln – das spart enorm viel Zeit.
Für Spieler mit wenig Zeit ist das ein Segen („All gas, no brakes“), für Puristen ein Frevel, da viel vom Entdeckerdrang und der Atmosphäre verloren geht.

Das Kampfsystem: Mondlicht und fehlender Biss
Auch im Kampf hat sich einiges getan. Das System wechselte von rundenbasiert (Round-based) zu strikt zugbasiert (Turn-based), was taktischere Entscheidungen ermöglicht.
Die größte Neuerung ist das „Moonlighting“-System (Nebenjobs). Charaktere können nun zwei Berufungen gleichzeitig ausrüsten. Das erlaubt spannende Kombinationen: Ein Krieger, der gleichzeitig Magier-Skills nutzt, ist nun problemlos möglich und eröffnet neue strategische Tiefen. Dazu kommt der „Burst“-Modus, eine Art Limit Break, der mächtige Spezialangriffe und Buffs ermöglicht.
Übrigens: Auch Teil 1 und 2 haben bereits ein HD-2D Remake bekommen
Doch all diese taktischen Möglichkeiten laufen oft ins Leere, denn Dragon Quest VII Reimagined ist zu einfach. Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad ist ein „Game Over“ fast unmöglich.
- Charaktere werden oft automatisch geheilt oder wiederbelebt (mit 1 HP nach dem Kampf).
- Der Tod kostet nur noch eine Lappalie an Gold, nicht mehr die Hälfte des Vermögens.
- Es gibt Heil-Statuen und Respawn-Items im Überfluss.
Veteranen wird dringend empfohlen, direkt den Schwierigkeitsgrad anzupassen oder auf „Hard“ zu wechseln, um zumindest einen Hauch der alten Herausforderung zu spüren.
Fazit & Wertung
Dragon Quest VII Reimagined ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist es die zugänglichste, schönste und flüssigste Art, dieses epische Abenteuer zu erleben. Die entschlackte Struktur respektiert die Zeit des Spielers wie nie zuvor. Auf der anderen Seite fühlt es sich für Kenner „weichgespült“ an – ohne Ecken, Kanten und mit schmerzhaften inhaltlichen Kürzungen.
Wer das Original aufgrund seiner Länge nie beendet hat oder neu in die Serie einsteigt, findet hier ein fantastisches, modernes JRPG. Wer jedoch das „Ewigkeits-Gefühl“ und die gnadenlose Tiefe des Originals sucht, wird die fehlenden Inseln und den mangelnden Anspruch vermissen.
Das Spiel wurde von uns auf der PlayStation 5 (Pro) getestet.
Wertungstendenz: 85%
„Ein Meisterwerk der Zugänglichkeit, das auf dem Altar der Modernisierung ein paar Fragmente seiner Seele geopfert hat.“
Pro
- Hervorragender, neu eingespielter Soundtrack von Sugiyama
- Sinnvoll gestrafftes Pacing ohne Leerlauf
- Kreatives Job-System mit „Moonlighting“-Feature
- Charmante Vignetten-Erzählweise bleibt erhalten
Contra
- Viel zu niedriger Schwierigkeitsgrad auf „Normal“
- Ganze Inseln und Features (Casino) gestrichen
- Rätsel wurden massiv vereinfacht
- Teilweise Verlust von Atmosphäre durch „Puppen-Mimik“


