Watch Dogs Legion – Test

    Spiele, wen immer du willst! Genau das soll in Watch Dogs Legion möglich sein und wir wollten natürlich wissen, ob man Wort hält. Wie es um die Hackergruppe DeadSec in Watch Dogs Legion bestellt ist, das erfahrt ihr hier in unserem Test!

    Für diesen Test spielten wir Watch Dogs Legion auf Playstation 4

     

    Du bist alle und alle bist du

    Es ist ein großes Versprechen, das Ubisoft liefert. Dem Spieler soll es erlaubt sein, in jede der Figuren, die durch das dystopische London schlendern, zu schlüpfen und diese als Spielfigur steuern zu können. Nicht nur Hacker und Soldaten, nein, jeden einzelnen Passanten.

    Vor einigen Jahren wäre eine solche Ansage noch völlig undenkbar gewesen. Hier und jetzt allerdings scheint, im Hinblick auf die neue Konsolengeneration, dieser Sprung möglich zu sein. Und genau hier liegt dann auch ein Stück weit der Knackpunkt, weil Watch Dogs Legion für beide Generationen entwickelt wurde. Und dieser leistungstechnische Gap klappt dann auch nur bedingt gut. Während Playstation 4 und Xbox One mit dem Spiel so ziemlich an ihr Leistungslimit gebracht werden, bleibt bei Playstation 5 und Xbox Series X noch Luft nach oben.

    Die Sache mit jeder spielbaren Figur innerhalb Londons ist sinnbildlich für die Unterschiede in puncto Leistung. Wäre Legion ausschließlich für die neuen Powerwürfel konzipiert worden, dann hätte mit Sicherheit noch sehr viel mehr Tiefgang drum herum geschmückt werden können. So allerdings sind nahezu alle spielbaren Figuren charakter- und facettenlos, irgendwie auch willkürlich. Mit der Story des Spiels warm zu werden, fällt also etwas schwer, da die Konstante, der rote Faden, fehlt. Obendrein pusht das wirklich gut gemeinte Feature des Permadeaths diese Austauschbarkeit nochmals.

    Ob man den Entwicklern dafür einen Vorwurf machen sollte? Eine schwierige Frage, die keine leichte und eindeutige Antwort zulässt. Das Versprechen Play as anyone haben sie schließlich eingelöst. Die ersten Gehversuche in diese Richtung sind jedenfalls gemacht, nur steht das Kind noch auf wackligen Füßen. Man kann nur mutmaßen, wie die Zukunft des nun eingeschlagenen Weges weiterlaufen wird. So oder so ist es eine mutige Entscheidung gewesen und sie wird uns hoffentlich noch viel Freude bereiten.

     

    London in (nicht ganz so) ferner Zukunft

    Das Setting ist mit London erstmals in Europa angelegt, doch egal, ob in den USA oder hier bei uns: In der Welt von Watch Dogs gehören Verschwörungen und deren Aufdeckung zum globalen Geschäft. Ganz ohne Vorwarnung kommt es in Englands Hauptstadt zu einem verheerenden Bombenanschlag. Blöderweise deuten alle Zeichen darauf hin, dass unsere Hackergruppe DeadSec dahinter steckt. Das dem nicht so ist, wissen aber zunächst nur wir selbst. Und so liegt es dann natürlich an uns, die waren Attentäter zu entlarven und die Sache aufzuklären.

    Bis dahin jedoch entschließt sich die Regierung, eine neue Sicherheitsfirma zu engagieren, weil man uns schließlich nicht mehr trauen kann. Blöderweise entlarvt sich diese schnell als fiese Obrigkeit, die die totalitäre Überwachung forciert. Und so wird jeder Schritt beobachtet, überall hängen Sicherheitskameras und Drohnen bevölkern den Luftraum der Stadt.

    Ihr seht schon, dass wir es gleich mit mehreren nicht sonderlich nett gesinnten Fraktionen in Watch Dogs Legion zu tun bekommen. Die Kampagne mit ihren gut 30 Stunden bietet teils atemberaubende und teils plumpe Unterhaltung. Immer mal wieder gibt es ein paar Twists, die für kurzzeitige Auflockerung sorgen, in der Summe jedoch gewinnt die Story keine Lorbeeren. Das muss sie im Grunde auch gar nicht, denn sie öffnet letztlich nur Tor und Tür für eine riesige Spielwiese. Das hochtechnisierte London bietet schier unendliche Möglichkeiten für unsere Hackergruppe, sich so richtig austoben zu dürfen.

     

    Die neue Realität

    Kommen wir an dieser Stelle nochmals zum Play as anyone Feature zurück, denn irgendwie ist es ja der neue Kern des Spiels. Zum Beginn haben wir eine Auswahl an 15 Figuren, aus denen wir dann unseren ersten Hacker wählen. Jede Figur hat eigene Fähigkeiten und Skills, die mal mehr und mal weniger dienlich für die anstehenden Aufgaben sind. Ein Levelsystem gibt es unterdessen nicht, ihr müsst also mit dem klar kommen, was euch die Figur anbietet. Und dann ist es tatsächlich egal, wen ihr für DeadSec rekrutiert: Einen Bauarbeiter, eine Ärztin, einen Geheimagenten, einfach jeder darf mitmachen. Selbst Soldaten der feindlichen Fraktion Albion lassen sich mit ein wenig Anstrengung für die eigene Sache gewinnen.

    Mitunter müsst ihr sogar auf verschiedene Archetypen zurückgreifen. Ubisoft löst das sehr geschickt, da man nicht mit jeder Figur jeden Bereich betreten darf. Etwa dann, wenn wir uns einem Krankenhaus nähern und nur Fachpersonal hinein darf. Hier hilft dann etwa ein rekrutierter Sanitäter, der uns die Türen öffnet. Oder noch besser mit besagten Soldaten, mit denen wir uns unbedrängt in gegnerische Stützpunkte schleichen können und so ganz unauffällig Chaos stiften.

    Ganz ohne Mühen lassen sich die Passanten und Bewohner nicht immer rekrutieren. Manchmal reicht ein einfach ansprechen, manchmal müsst ihr ihnen bei einer Aufgabe Hilfe leisten. Diese sind meist in wenigen Minuten erledigt und zack, habt ihr ein neues Mitglied. Derer dürfen es übrigens bis zu 45 sein. Schritt für Schritt lernt ihr immer besser die Vor- und Nachteile verschiedener Personengruppen anzuwenden. Natürlich hat nicht jede Figur eigene Skillsets, Ubisoft greift hier auf eine Art Schablone zurück und legt sie über ähnliche Gruppen. Die Missionen sind jedoch so abwechslungsreich gestaltet, dass ihr zwingend die Spielfigur gelegentlich wechseln müsst, weil zur Erledigung eben ein expliziter Perk benötigt wird.

    Sehr cool fanden wir die kleinen Geschichten, die das Spiel abseits des Handlungsstranges schreibt. Ein Beispiel: Wir versuchten einen Passanten mit brauchbaren Parametern für DeadSec zu gewinnen, jedoch war dieser leider Albion sehr zugetan. Wenige Meter daneben erlebten wir dann, wie einer seiner Freunde bedrängt wurde und wir sprangen ihm zur Seite. Als die Situation bereinigt war änderte sich der Status vom Passanten von ablehnend auf neutral. Und schon hatten wir viel leichteres Spiel mit ihm. Hier schafft es Legion, der Spielwelt einen Hauch von echtem Leben einzuhauchen, weil so das ganze Drumherum eben nicht einfach nur gespielte Realität ist, sondern sie ein Stückchen Wirklichkeit wird. Solche kleinen „Events“ gibt es übrigens haufenweise zu erleben.

     

    Nirgendwo ist Ruhe

    Die Idee des Play as anyone hat ihren Preis beim Gameplay. Da Ubisoft sicherstellen muss, dass wir mit wirklich jeder Figur das Spiel erfolgreich absolvieren können, muss es fast schon logischerweise irgendwo Abzüge geben. Und so stellen uns Rätsel- und auch Kampfpassagen eigentlich zu keinem Zeitpunkt vor größere Probleme. Es mündet mitunter auch in irrwitzige Situationen, wenn es zum Schusswechsel zwischen gut geschützten und schwer bewaffneten Soldaten auf der einen Seite kommt und wir mit einem Trunkenbold mit Schusswaffe ins Gefecht ziehen.

    Das muss nicht zwingend gut für den/die Spieler:in enden, aber besonders in den Schweregraden leicht und mittel tut es das fast immer. Daher die Empfehlung unsererseits, dass ihr mit aktivem Permadeath spielt. Das hebt eindeutig die eigene Anstrengungen und macht jede Aktion spannender. Ohne diesen kann man fast schon blindlings durch die Welt laufen und muss kaum Sorge um das eigene Überleben haben. Mit aktivem Permadeath jedoch müsst ihr vorausschauend planen und euren Gripe in Wallung halten.

    Für das Erledigen der Missionen stehen uns natürlich wieder gimmikreiche Spielzeuge zur Wahl. Bekannt sind das Durchklicken durch die Überwachungskameras und das dadurch ermöglichte Markieren von Feinden. Auch der beliebte Spiderbot ist wieder mit von der Partie, der sich wie stets als potenter Tausendsassa erweist. Drohnen, virtuelle Tastaturen und vieles mehr gibt euch Legion mit an die Hand, um euch quer durch die Stadt zu hacken.

    Dabei obliegt es euch, wie ihr jede Mission angeht: Aus der Deckung heraus mit viel Kleinarbeit oder mit offenem Visier bei frontaler Konfrontation. Wer es eilig hat, der zückt die Waffe. Tatsächlich sind die Einzelmissionen mit Gewalt deutlich schneller erledigt, aber dennoch entfaltet das Spiel mehr Potential beim Hackerweg.

    Ein großes Lob muss man den Entwicklern fürs Design aussprechen. Das dystopische London ist eine echte Pracht, auch wenn es den Umständen entsprechend hier und da verstörend ist. Man findet alle bekannten Punkte, Wahrzeichen und Sehenswürdigkeiten wieder. Und es herrscht ein reges Treiben in den Straßen, man bekommt ein Gespür für Lebhaftigkeit. Auch die bekannte Ubisoft-Formel kommt natürlich zum Tragen, durch die die Minikarte immer wieder durch Marker und POIs gefüllt wird. Wir haben zwar längst nicht alle Seitenmissionen und Miniquests erledigt, aber schätzungsweise kann durch diese die Spielzeit etwa verdoppelt werden.

     

    Fazit

    Man muss Ubisoft für den Mut loben, den sie mit Watch Dogs Legion an den Tag legen. Die Umsetzung ist nur mäßig gelungen und das Play as anyone Feature kränkelt noch hier und da. Aber die ersten Gehversuche sind geglückt und das lässt uns verheißungsvoll in die Zukunft blicken. Gerade im Hinblick auf die neuen Powerkonsolen sollte hier noch viel Luft nach oben bleiben, bis das Potential vollends ausgeschöpft werden kann.

    Die politische Message kommt an: Gemeinsam und mit gegenseitiger Hilfe kann man es schaffen, sich drohendem Unrecht entgegenzustellen um Großes und Gutes zu bewirken.

    Spielerisch bewegt sich Legion im Mittelmaß und weiß nicht so recht, ob es Schleichspiel, Deckungsshooter oder Rollenspiel sein möchte. Dafür erlebt man umso schönere Momente mit der Stadt London und ihren kleinen Alltagsgeschichten.

    Watch Dogs Legion ist ein erfolgreicher Zwischenschritt und wir freuen uns auf die Zukunft der Serie.

    Christoph
    Kind der 70er. Seit '84 Musiker, seit '85 Hobby-Jedi, seit '86 Zocker und seit 2011 hier Redakteur