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Posted 14. Mai 2012 by Christoph in 360
 
 

Sniper Elite V2 – Test / Review


In Zeiten, wo Zockern bei Shootern möglichst schnelle Reaktion abverlangt wird und wir uns wie ein geölter Blitz von A nach B bewegen müssen, kommt ein Spiel daher, das aus diesem Muster ausbricht: Sniper Elite V2. In der Natur eines Scharfschützen liegt es, sich unbemerkt und leise seinem Ziel zu nähern, um dann mit tödlicher Präzision zuschlagen zu können. Wir entführen euch mit unserem Test ins zerstörte Berlin und fühlen dem Spiel auf den Zahn.

Für unseren Test nutzen wir die Deutsche PC-Version.

 

Sniper Elite erschien 2005 und war, trotz einiger guter Ansätze, doch eher ein graues Mäuschen unten den Spielen seiner Zeit. Sniper Elite V2 erschien nun vor wenigen Tagen zumindest am PC, denn die Konsolen-Version zog man im fast letzten Augenblick doch noch vom Deutschen Markt. Zum Glück gibt es ja Importe…

 

Der unsichtbare Karl

Wir schlüpfen in die Rolle eines Elitesoldatens namens Karl Fairburne. Angesiedelt im Jahr 1945 ist unser Einsatzgebiet Berlin fast vollständig zerbombt. Die Nazis setzen ihre letzte Hoffnung in die V2 Rakete und die dafür vorgesehenen Bemühungen laufen auf Hochtouren. Hier kommen wir ins Spiel, denn wir sollen den Deutschen einen kräftigen Strich durch die Rechnung machen. Unser Job liegt darin, hochrangige Wissenschaftler zu eliminieren und den Bau der V2 damit zu stoppen. Im Verlauf der Kampagne gesellen sich weitere Aufträge hinzu, wie etwa eine wichtige Brücke zu sprengen oder sonstige Anlagen zu sabotieren. Das Finale des Spiels gipfelt in einer Adrenalin-geladenen Mission im Herzen von Berlin, am Brandenburger Tor. Da wir uns unnötige Spoiler ersparen möchten, soll das für die Hintergrundgeschichte zu Sniper Elite V2 reichen.

Es ist schon eine ganze Weile her, dass wir bei einem Shooter im Zweiten Weltkrieg Jagd auf Wehrmachtssoldaten machen durften. So paradox es klingt, weil dieses Szenario als völlig ausgeschlachtet galt: Es macht nach dieser langen Abstinenz wieder Spaß.

Im Hauptmenü wählen wir uns einen von drei Schweregraden aus. Leicht, Mittel und Schwer bieten für jeden Shooter-Typen genau das richtige Maß. Auf der Stufe leicht fehlt z.B. jegliche Ballistik der Geschosse, so dass man seinen Gegner auch aus großer Distanz relativ leicht mit einem Kopfschuss ins virtuelle Nirvana schicken kann. Auf Mittel halten unsere Rivalen auch gerne einen zweiten Treffer aus, sofern wir die Kugel nicht gut platziert haben. Außerdem dient ein rotes Rechteck in der Zielperspektive dazu, den Einschlagspunkt der Kugel zu Koordinieren. Auf Schwer bekommen wir es mit einer realistischen Kugel-Ballistik zu tun und die Gegner sind merklich treffsicherer unterwegs. Dieser Schweregrad macht seinem Namen tatsächlich alle Ehre und der kleinste Fehltritt bzw. die kleinste Unaufmerksamkeit kann den eigenen Tod bedeuten.

Und gestorben ist man bei hastigem Vorgehen schnell. Berlin liegt in Trümmern, die Straßen sind voll mit abgebrannten Autos und Mauerstücken – sprich Deckungsmöglichkeiten – und gefühlt könnte in jedem Haus ein feindlicher Scharfschütze sitzen, der uns schon ins Visier genommen hat. Um das eigene Überleben zu sichern, sollte man also mit Vorsicht und Bedacht ans Werk gehen, vom ersten Moment an bis zum Finale. Zwar können wir mit unserer Spielfigur auch sprinten, aber in der Praxis benötigt man dieses Feature eher weniger. Meist läuft man nur, wenn man schnell die Straßenseite wechseln möchte und sich sicher ist, dass man bereits sämtliche Soldaten über den kompletten Sichtradius ausradiert hat. Viel sinnvoller ist die geduckte Haltung, das Kauern an kleinen Hindernissen und das Hervorspähen aus eben jenen. Hat man einen Feind entdeckt, zieht man das Gewehr und schaltet diesen aus – das klingt leicht. Vorsicht ist geboten, denn unser Scharfschützengewehr macht einen ziemlichen Krach und nur all zu schnell gesellt sich ein ganzer Trupp weiterer Nazis dazu. Man sollte also entweder schnell seine Position wechseln oder sein Ziel leiser eliminieren, etwa mit einer schallgedämpften Pistole oder einem lautlosen Nahkampf-Angriff. Um sich vor einer eventuellen Patrouille zu schützen können herumliegende Leichen auch fix aus dem Sichtfeld transportiert werden.

 

Tödliche Präzision

Die Situationen wechseln stetig und gemäß dieser, sollte man auch immer sein Vorgehen anpassen. Eine lange Straße verführt zum hastigen Vorpreschen. Zu blöd, wenn dann ein feindlicher Scharfschütze genau auf einen solchen Moment gewartet hat und wir ihn zu spät auf dem Dach eines Hauses entdecken. Hier bietet sich der Blick durch das Fernglas an. Mit diesem können wir weit genug spähen und Feinde rechtzeitig enttarnen. Praktisch ist auch die Markierungs-Funktion. Ist ein Feind entdeckt, können wir in per Mausklick markieren und fortan behält der Gegner ein rotes Dreieck über seinem Kopf. Das macht sich auch dann besonders gut, wenn wir einen ganzen Trupp entdecken und uns kein Gegner durch die Lappen gehen soll.  Auch entgehen wir damit relativ der Gefahr, dass sich einer der Soldaten von der Flanke nähert, denn jeder Gegner bleibt markiert bis zu seinem Ende.

Apropos Flankieren: Diverse Situationen bieten sich an, für seinen Rücken entsprechend vorzusorgen.  Etwa dann, wenn wir ein Ziel eliminieren sollen und wir wissen, dass die umherstehenden Truppen beim ersten Schuss wie wütende Hunde auf aus losstürmen. Minen und Stolperfallen sorgen dafür, dass wir uns vorher die Zuwege zu unserer Position absichern können. Sobald wir entdeckt wurden, steigt der Adrenalienpegel von Fairburne und wir können ein entscheidendes Feature nicht mehr Nutzen, das Verlangsamen unseres Atems, im Spiel als Focus Time benannt. Benutzbar ist es im Zielmodus, wir können per Knopfdruck unsere Herzfrequenz senken und den Spielfluss damit verlangsamen alá slow motion. Zielen ist in der Focus Time sehr viel einfacher, ein Kopfschuss wird damit zur gängigen Methode, seine Feinde mit einem Schuss ins Jenseits zu befördern.

Viel Spaß kann man auch mit dem Legen von Fallen haben. Etwa dann, wenn wir eine Sprengladung an einer Häuserwand platziert haben und diese genau dann per Schuss zünden, wenn ein Konvoi an der tödlichen Ladung vorbei fährt. Solche Gelegenheiten bieten sich in regelmäßigen Abständen, sind aber meist per Hint vom Spiel schon vorgegeben, ein Experimentieren entfällt fast komplett.

 

Ein Leben als Scharfschütze

Etwas schade fanden wir die mitunter dümmlich agierenden Soldaten. Sobald wir den ersten Schuss abgeben und damit entdeckt sind, laufen diese gerne herum, wie eine aufgescheuchte Schar Hühner. In der Realität würde wohl niemals ein Soldat gemächlich die Straße kreuzen, wenn ein aufgeflogener Sniper durch das Fenster lugt. Zwar huschen viele Gegner auch hinter Deckungen und geben in geduckter Haltung kleinere Feuerstöße auf uns ab, während die Kameraden ihr Glück von der Flanke versuchen, dann aber hüpfen alle urplötzlich aus der sicheren Deckung und bieten sich als nächstes Opfer an.

Ein nettes Feature ist die Kill-Cam, die für die Deutsche Lokalisierung abgeschwächt ihren Weg ins Spiel fand. Bei einem tödlichen Treffer über eine längere Distanz folgt die Kamera der Kugel bis zum Einschlag in schicker Zeitlupe. Was anfangs ein kleiner Augenschmaus ist, wird spätestens ab der dritten Mission eher nervig, da die Kill-Cam in der Gesamtsumme viel zu häufig auftaucht und sich schnell abnutzt. In der uncut Import-Version ist die Kamera erweitert, zeigt im Querschnitt die Knochen des Gegners und deren Zertrümmerung beim Einschlag. Der Schnitt in der Deutschen Version ist übrigens zu verkraften, weil die Kill-Cam wie gesagt mit der Dauer an Nerv-Faktor gewinnt und geistig ausgeblendet wird.

Die Missionen spielen sich alle sehr abwechslungsreich und Langeweile kommt eigentlich nie auf. Doch das stets wechselnde Szenario hat auch seine Tücken, denn wenn uns eine Aufgabe z.B. in eine Industrieanlage führt, dann verdient das Spiel den Titel eines Snipers nicht mehr wirklich. Statt darauf zu setzen, präzise und leise vorzugehen, bieten die Sequenzen in geschlossenen Gebäuden wesentlich mehr Action-Anteile. Gerne lassen wir das Scharfschützengewehr auf dem Rücken und nutzen das MG oder die Pistole. Das bringt wie gesagt Abwechslung, aber nimmt dem Spiel gehörig den Charakter, denn welcher lautlose Killer agiert schon wie ein kleiner Rambo?

Vom optischen Aspekt ist Sniper Elite V2 eher im Mittelmaß anzusiedeln. Berlin wirkt stimmig, das Ambiente ist super und man fühlt sich mitten ins Ende des WW2 reinkatapultiert. Dennoch sind die Texturen zum Großteil weniger anschaulich, viele davon wirken matt und blass. Die Bewegungen der Figuren sind stockend und sind steif wie das Gesicht eine Nazi-Generals. Und viel zu oft tauchen Clipping-Fehler auf.

Beim Sound gibt es ein dickes Minus. Wir hätten uns vom Spiel erhofft, dass man nicht nur optisch, sondern auch akustisch seinen Gegner ausmachen kann. Leider Pustekuchen, denn wenn ein Feind aufgescheucht ist, dann sollten wir uns nicht auf unser Ohr verlassen, die Lokalisation ist nahezu unmöglich. Die Waffen und Nachladesounds sind alle ohne Makel. Unsere Gegner fluchen gerne lautstark, leider wiederholen sich die verbalen Auswüchse zu schnell.

 

Vier Augen sehen mehr als zwei

Neben der Solo-Kampagne, die je nach Schweregrad 12 bis 14 Stunden dauert, bietet Sniper Elite V2 einen Koop-Modus. So wird die Kampagne mit einem zweiten Spieler etwas taktischer, weil einer das Snipern übernimmt, während der andere als flinker Späher alle Gegner ausmacht und das Voranschreiten effizient sichert. Ergänzend dazu gibt es einen Modus, in dem wir bei ablaufender Zeit besondere Ziele erfüllen sollen. Der Klassiker Survival darf natürlich auch nicht fehlen. Immer stärker werdende Wellen von Gegnern stürmen wutentbrannt auf uns los, während wir uns gegen diese verteidigen.

Wer Lust auf Sniper Elite V2 bekommen hat, der kann das Spiel für PC und Konsole (uncut Import) bei Amazon.de beziehen.

 

Bevor wir zum Fazit und zur Wertung kommen, haben wir euch ein paar exklusive Gameplay-Szenen zusammengestellt. Viel Spaß!


Christoph

 
Christoph
Kind der 70er. Seit '84 Musiker, seit '85 Hobby-Jedi, seit '86 Zocker und seit 2011 hier Redakteur