FIFA 20 – Test

    Mit FIFA 20 schickt Electronic Arts seinen alljährliche virtuellen Kick in die aktuelle Saison. Wie sich der Platzhirsch der Fußballspiele in diesem Jahr schlägt, das erfahrt ihr hier in unserem Test zu FIFA 20.

    Für diesen Test spielten wir FIFA 20 auf Playstation 4

     

    Geld regiert die FIFA-Welt

    Der Herbst ist da. Für sportbegeisterte Zocker bedeutet das in gewohnter Weise, dass sich zwei Spiele um den Thron der Fußballspiele zanken. Auf der einen Seite steht die FIFA Serie, quasi das Urgestein des Genres, während auf der anderen Seite Konami mit PES seine Variante in den Ring schickt. Letzteres hatten wir übrigens erst kürzlich rezensiert: Test PES 2020

    Wenn bereits vor dem Release eines Spiels eher negative Meldungen die Runde machen, dann ist das meist kein guter Indikator. EA kann davon wohl mittlerweile kein Lied mehr singen, sondern es dürfte sich bereits Material für ein ganzes Konzert gesammelt haben. Grund dafür ist der nicht abreißende Vorwurf, Vollpreisspiele im Nachgang noch maximal monetarisieren zu wollen. Früher waren es DLCs, heute stehen bei diesem Thema Lootboxen ganz weit hoch im Kurs.

    FIFA 20 macht hier keine Ausnahme. Lootboxen gibt es so konkret zwar keine, aber im Grunde bleibt es das Selbe, auch wenn man das Kind anders tauft. Mittlerweile erstaunt es da fast schon, wie sehr EA diese wortwörtlichen „Überraschungsmechaniken“ anpreist, obwohl es letztlich nichts anderes als pures Glücksspiel ist. Fifa Ultimate Team ist eben genau das: Man kann viel Geld in virtuelle Karten pumpen in der Hoffnung, besonders wertvolle Spieler zu ergattern. Aus diesen setzt man dann sein Wunschteam zusammen und streitet sich weltweit im Onlinemodus um den Pixel-Henkelpott. Je mehr Kartenpacks ich also für Echtgeld kaufe, umso höher ist meine Chance auf Messi und Co. Kann man machen, muss man aber natürlich nicht. Nächstes Jahr ist eh wieder alles für die Katz, wenn FIFA 21 erscheinen wird und alle gesammelten Karten letztlich wertlos werden.

    Man kann den Reiz von FUT durchaus nachvollziehen und der Modus erfreut sich auf dem Globus auch nach wie vor großer Beliebtheit. Das Tauschen von Karten mit anderen Spielern, der Adrenalinschub beim Öffnen von Kartenpacks… Aber es bleibt eben der fade Beigeschmack, dass man zahlungswillige Spieler schröpfen möchte, so gut es geht. Wie gesagt, ich verstehe sehr gut den Reiz dahinter und auch die Motivation seitens EA, Stichwort Wirtschaftlichkeit, aber mein Verstand sagt mir, dass es in dieser Form auch irgendwo an seine Grenze stößt. Irgendwie passt es aber auch in die Welt der Fußballstars, in der sich millionenschwere Superstars und Oligarchen die Klinke geben.

     

    Volta etwa einen neuen Modus?

    Aber, und das ist das Gute an FIFA 20, FUT ist nur ein Aspekt unter vielen. Und es sind wirklich viele Dinge, die man In FIFA 20 abseits des normalen Standardkicks entdecken kann. In Sachen Umfang und Modi lässt EA die Konkurrenz aus dem Hause Konami einfach nur alt aussehen. Und das leidige Thema der Lizenzen brauchen wir wohl gar nicht erst zu erwähnen. Sicherlich hat PES auch hier in den letzten Jahren Boden gut gemacht, in der Summe allerdings hat FIFA ganz klar die Nase vorn. Alleine die Tatsache, dass über 90 Stadien filmreif ins Spiel transportiert wurden, lässt Couchtrainern das Herz höher schlagen.

    Neben eigenen Modi, wie z.B. Turnieren oder Be-A-Pro, sticht in diesem Jahr Volta Football deutlich heraus. Grob gesagt orientiert sich dieser storybasierte Modus an Fifa Street. In ca. 8h Stunden kicken wir rund um den Globus und steigen vom Noname zum Shootingstar auf. Gespielt wird rassig im 3 gg. 3 oder 4 gg. 4. Richtig klasse sind die unterschiedlichen Plätze, die sich an den Gegebenheiten des Landes richten. So treten wir beispielsweise in Brasilien auf einem runtergekommenen Favela-Bolzplatz an. Das Setting versprüht authentisches Flair und zieht den Spieler mitten rein ins Geschehen.

    Mit jedem Sieg ergattern wir Skillpunkte und leveln unseren Kicker. Hier und da gesellen sich auch gänzlich neue Spieler zum Team, wodurch die Qualität der Mannschaft insgesamt steigt. Außerdem stehen eine schier unzählbar große Vielfalt als Klamotten zum Freispielen bereit. Lustigerweise gibt es auch hier legendäre Items, was die Frage aufkommen lässt, ob man wirklich eine legendäre Hose in einer Fußballsimulation benötigt. In einem RPG, keine Frage, aber bei FIFA?

     

    Sinnvolle Entschleunigung

    Neben diesem neuen und frischen Volta Modus findet man die größte Veränderung auf dem Platz: Das Spieltempo. FIFA 20 ist deutlich entschleunigter als sein Vorgänger. Anscheinend waren beide Vorjahresversionen von FIFA und PES der Spielerschaft insgesamt zu flott, weshalb das langsamere Spieltempo in beiden Spielen so deutlich auffällt. Besonders zum Tragen kommt die künstliche Verlangsamung beim Vergleich zwischen Defensive und Offensive. Schnelle Flitzer wie Sancho oder Mbappe lassen endlich Abwehrspieler mit ihrem entsprechenden Antritt links liegen und können sich durch komplette Abwehrketten pflügen. Vorraussetzung dafür ist natürlich das Beherrschen sämtlicher Skills und Buttons. Ebenso ist es von Vorteil, wenn man die Stärken und Schwächen des eigenen Teams im Kopf hat. So lassen sich flinke Flügelspieler extrem effektiv einsetzen bzw. können diese mit wendigen Außenabwehrspielern gekontert werden. Bei all dem sollte man auf das Timing für Dribblings und Tacklings achten, denn durch das angepasste Spieltempo benötigt man ein paar Spielrunden, bis man sich an eben jenes Timing gewöhnt hat.

    Für einen gesteigerten Grad an Realismus sorgt die Überarbeitung des Torabschlusses. Bei FIFA 19 waren Distanzschüsse ein probates Mittel, in FIFA 20 wurden diese deutlich abgemildert. So spielen Flanken in den Strafraum eine größere Rolle oder präzise Kurz- und Doppelpässe im 16er sind ein schickes Mittel, um den Ball erfolgreich im Netz zappeln zu lassen. Auch hier gilt es, die Fähigkeiten der Spieler im Blick zu behalten, denn es bringt herzlich wenig, mit einem mittelmäßigen Offensivspieler eine Volleyabnahme zu versuchen. Kann man machen, allerdings lebt dann so mancher Zuschauer hinter dem Kasten gefährlich. Statt dessen lieber den Ball annehmen und dann abschließen. Das Runde muss schließlich in das Eckige, wie eine alte Weisheit sagt.

    Auf der technischen Seite gibt FIFA 20 ein sehr rundes Bild ab. Besonders bei der Inszenierung hat EA’s Kick mal wieder die Nase vorne. Zwar sind Zwischensequenzen und kurze Einspieler zu steril und steif, kurz emotionslos, aber abseits dessen sieht das schon sehr prächtig aus. Die Kamerafahrten durch die Stadien samt Blick in die Gesichter der Spieler: Das passt. Man merkt auch in diesem Jahr wieder die üblichen Abstriche unbekannterer Vereine im Vergleich zu den Großen, was die Qualität der Scans angeht. Die Stimmung im Stadion wird leidenschaftlich durch die Boxen in unseren Gehörgang transportiert und auch die Moderatoren erledigen einen guten Job. Ohne die Anzahl konkret überprüft zu haben, aber ich habe den Eindruck, dass sich die Sprachsamples der Kommentatoren merklich weniger wiederholen als für gewöhnlich.

     

    Fazit

    FIFA 20 ist ein Spiel mit Licht und Schatten. Das Ultimate Team ist in meinen Augen schlicht grenzwertig, weil man ununterbrochen zum Öffnen der Geldbörse gebeten wird. Es sind typische Mechaniken eines Pay-To-Win und das fühlt sich bei einem Vollpreistitel einfach falsch an. Außerdem treibt es EA nahezu an die Spitze bei freischaltbaren Gegenständen, wobei man fairerweise sagen muss, dass man diese erspielt und nicht kaufen muss.

    Auf der anderen Seite erhält man mit FIFA 20 eine richtig gute Fußballsimulation, die sich keinesfalls hinter PES verstecken muss. Die kleinen, aber feinen Änderungen sind durch die Bank alle sinnvoll und stimmig. Gerade beim Thema Spielumfang und Modi hat EA in diesem Jahr wieder deutlich die Nase vorn. FIFA 20 ist mehr Evolution als Revolution.

    Christoph
    Kind der 70er. Seit '84 Musiker, seit '85 Hobby-Jedi, seit '86 Zocker und seit 2011 hier Redakteur