Aragami – Test / Review

    Wer sich gerne im Schatten aufhält und dabei unentdeckt seine Ziele meuchelt, der findet in Aragami einen kleinen, unscheinbaren Schatz. Was es mit dem Spiel auf sich hat, erfahrt ihr hier im Test.

     

    Mein letztes Schleichspiel, das ich gespielt habe, war Thief. Im schnelllebigen Zeitalter der hiesigen Konsolengeneration liegt das jetzt schon eine efühlte Ewigkeit zurück, war der Titel doch einer, der fast zeitgleich zum Start von Playstation 4 und Xbox One damals in den Regalen stand. Ja, Thief war ganz cool, wobei ich rückblickend für mich festhalten muss, dass mit den neuen Konsolen eben auch der Aha-Effekt eine große Rolle spielte. Tolle neue Grafiken, neue Manöver, größere Spielwelten und all sowas. Mittlerweile würde ich Thief eher ins Mittelmaß einordnen, viel ist mir vom Spiel nicht hängen geblieben.

    Jetzt haben wir die aktuellen Konsolen schon eine ganze Weile daheim stehen und demnächst gibt es bereits die neuen Revisionen. Ein guter Zeitpunkt also, mal wieder tief in die Stealth-Kiste zu greifen. Bei den großen Publishern und Studios ist das Genre anscheinend nicht sonderlich beliebt, das verrät ein Blick in die Spielebibliothek. Umso schöner also, dass Indie-Games noch immer hoch im Kurs sind und sich die Jungs und Mädels der Maximum Games ans Werk machten, mit Aragami eine kleine Perle zu entwickeln. Und noch viel besser, dass man mit den Headup Games einen sehr feinen Publisher ins Boot geholt hat, der uns Aragami sogar als physische Disc-Version in die Regale des stationären Handels zaubert. Als Freund solcher Verkaufsboxen kann man nicht müde werden, es einfach immer und immer wieder herauszuheben, wie viel kostbarer eine Box im Vergleich zum digitalen Gegenstück ist.

    Aber kommen wir zurück zum Spiel. Eingangs zog ich den losen Vergleich zu Thief. Das tat ich deshalb, weil sich beide Spiele in ihrem Kern am ähnlichsten sind. Natürlich kann man das Stealth-Genre auch viel weiter fassen und ein Metal Gear Solid oder Dishonored noch mit dazu zählen. Fasst man es aber enger und reduziert (im positiven Sinne gemeint) das Gameplay auf puristisches Schleichen und Meucheln, dann fallen viele Kandidaten raus.

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    Euer stärkster Verbündeter ist der Schatten

     

    Der Nama Aragami ist nicht nur Spieltitel, sondern so heißt auch unsere Hauptfigur. Angesiedelt in einer Welt im fernen Osten ist Aragami ein Rachegeist. Und Geister bevorzugen nunmal ihrem Wesen nach den Schatten und meiden das Licht. Wobei wir schon bei der nahezu einigen Regel dieses Spiels wären: Bleibt im Schatten und macht keinen unnötigen Schritt ins Helle. Beherzt es und ihr werdet viel Spaß mit Aragami haben. Verwerft ihr diese Regel, beißt eure Spielfigur schneller ins viruelle Gras, wie euch lieb ist.

    Um im Spiel zu bestehen, muss man nicht zwangsweise aus dem Schatten heraus alle Gegner beseitigen. Manchmal macht es sogar mehr Spaß – und auch mehr Sinn – die KI-Kämpfer einfach zu beobachten und ihre Laufwege zu studieren, um dann im richtigen Moment in den nächsten Schatten zu huschen. Liegt der nächste dunkle Fleck in zu weiter Ferne, kann Aragami auf seine Fähigkeit zur Teleportation zurückgreifen. Nich jeder Schritt muss zu Fuß zurückgelegt werden, der Teleport ist unterwegs ein weiser Ratgeber und treuer Freund. Damit er sich allerdings auf diese mysthische Art fortbewegen kann, muss man wiederum die Grundregel (wir errinnern uns: Bleibt im Schatten!) beherzigen. Nur so tankt Aragami unterwegs genügend Energie, um diesen Teleport-Move ausführen zu können. Dabei hilft uns ein kleines Symbol, um festzustellen, wo wir uns hinteleportieren möchten, um nicht versehentlich doch im Licht zu landen. Passiert das, hat man gleich mehrere Probleme an der Backe. Man muss zum einen auf seine Skills verzichten, zum anderen läuft man im Hellen auch sehr schnell Gefahr , entdeckt zu werden. Tja und dann ist es ganz schnell mit Aragami vorbei, wenn die KI den Alarm läutet und uns zwei Schwertkämpfer beschäftigen, während ein Bogenschütze unser Schicksal besiegelt. In einem solchen Falle landet man übrigens wieder beim letzten Checkpoint.

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    Am Umhang erkennt ihr, wie viel Fähigkeit ihr noch einsetzen könnt

     

    Wie gut, dass Aragami noch einen zweiten Skill zur Hand hat, der temporär einen kleinen Schatten vor die Füße zaubert. Dieser hält zwar nur recht kurz, reicht aber meist aus, um gefährlichen Situationen entkommen zu können. Nach einiger Zeit in Aragami werdet ihr wie von selbstverständlich beide Fähigkeiten miteinander kombinieren und damit öffnen sich euch gleich völlig neue Spielerfahrungen.

    Neben diesen beiden Skills kann man im Verlauf des Spiels noch einige weitere Freischalten. Die beiden oben erwähnten waren für mich allerdings die, die ich mit Abstand am meisten genutzt habe, weil sie einfach effektiv sind. Alle anderen Fähigkeiten sind dennoch nicht zu unterschätzen und laden dazu ein, mit ihnen zu experimentieren. Besonders die offensiveren Skills wie etwa Fallen legen oder Gegner anlocken eröffnen dabei in der Spielwelt völlig neue Möglichkeiten, ans Ziel des Levels zu gelangen. Heißt im Klartext: Es gibt nicht den einen Weg, der euch zum Ziel führt, sondern im Grunde genommen zahlreiche verschiedene. Probiert es einfach mal aus.

    Wenn man dem Spiel etwas vorwerfen möchte, dann beschleicht einen nach einiger Zeit ein sanftes Gefühl von Monotonie. Dazu zählt die Spielwelt, die zwar erstaunlich groß und weitläufig ist, aber eben nicht sehr abwechslungsreich. Die Farbgebung mag je nach Auge des Betrachters ihr übriges dazu tun, wobei ich diese als sehr „warm“ empfand. Ferner ist die geringe Anzahl an Gegnertypen etwas, was mitunter den Spielspaß trüben kann. Immerhin lockern die eingestreuten Bosskämpfe die Kampfsequenzen auf. Legt man es drauf an, dann fällt hier und da auch die etwas stupide KI ins Gewicht, mit der sich oftmals die feindlichen Schergen etwas zu leicht ins Boxhorn jagen lassen.

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    Online im Koop = Twice the fun

     

    Was bleibt mir von Aragami im Kopf hängen?

    Zuerst der über alles sehr schicke Stil des Spiels. Der charmante, fast schon kunstvolle Stil von Aragami sorgte bei mir während des Spielens für eine ungewöhnliche Art von Wohlgefühl.  Vor allem aber unterstreicht die Inszenierung den Kern des Spiels: Schleichen. Es ist wie eine Entschleunigung vom hektischen Alltag, bei der man sich entspannt zurücklehnen kann und erst abwartet, bevor man leise und langsam den nächsten Schritt macht. Aragami lässt es ruhig angehen, ohne jedoch einzulullen oder langweilig zu werden. Wer mag, kann auch jede Menge Action haben, nur ist es eben nicht das, was uns das Spiel mitgeben möchte. Aragami ist eines dieser Spiele, das, ohne groß aufzufallen, den Spieler mit auf die Reise nimmt und ihn dabei das hier und jetzt vergessen lässt – auf eine sehr angenehme, fast schon entspannende Art und Weise. Kaufempfehlung!

    Unsere Wertung: "4 von 5 Sternen"
    Unsere Wertung: „4 von 5 Sternen“

     

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    Christoph
    Kind der 70er. Seit '84 Musiker, seit '85 Hobby-Jedi, seit '86 Zocker und seit 2011 hier Redakteur